Interview: „Es dominieren der Terror-Frame und der Böse-Mann-Frame“

Das erste Opfer des Krieges sei die Wahrheit, sagte US-Senator Hiram Johnson im Jahr 1914. Anstelle der Wahrheit tritt die Propaganda. Die wird heute gemeinhin als eine eher krude Manipulationsstrategie totalitärer Staaten verstanden. Gibt es sie auch in westlichen Demokratien? Wenn ja: In welchen Formen tritt sie auf? Welche Methoden stecken dahinter?

ÖkologiePolitik: Herr Dr. Ganser, mit welchen Methoden werden uns Kriege schmackhaft gemacht? Mit Fake News?

Dr. Daniele Ganser: Mit Fake News auch, aber das sind eher Ausnahmen, die meist unmittelbar vor Angriffskriegen zum Einsatz kommen. Der Normalfall ist das sogenannte „Framing“. Mit „Frame“ ist ein Deutungsrahmen für Ereignisse gemeint. Den benötigen wir letztlich immer, um der Überfülle an Informationen eine Struktur geben zu können. Das nützt die Politik aus, um über die Massenmedien Frames vorzugeben, durch die Ereignisse in unserem Gehirn eine bestimmte Bedeutung erhalten. Aktiviert wird ein Frame vor allem durch das ständige Wiederholen bestimmter Schlagworte und Bilder sowie durch das konsequente Ausblenden unliebsamer Frames.

Welche Frames dominieren aktuell?

Seit den 9/11-Anschlägen im Jahr 2001 dominiert der „Terror-Frame“: So gut wie alle militärischen Operationen werden uns als „Krieg gegen den Terror“ verkauft. Wesentlich älter, aber nach wie vor in Gebrauch, ist der „Böse-Mann-Frame“: Ein unliebsamer Regierungschef wird dämonisiert und es wird so getan, als ob der Frieden käme, wenn er gestürzt wird. Doch der kam so gut wie nie, stattdessen herrschte danach in den Ländern vor allem Chaos – und irgendwo anders tauchte wieder ein neuer „böser Mann“ auf. Besonders wirksam ist die Kombination dieser beiden Frames. Und um diese als einzig „vernünftige“ durchzusetzen, werden Kritiker mit dem „Verschwörungstheorie-Frame“ als „verrückte Spinner“ diffamiert.

Wie kann man sich dagegen wehren?

Zum einen, indem man sich bewusst wird, dass es das Framing gibt und wie es funktioniert. Zum anderen, indem man andere Frames aktiviert: den „UNO-Frame“, den „Imperium-Frame“ und den „Rohstoff-Frame“. Mit dem „UNO-Frame“ prüft man, ob eine militärische Operation völkerrechtlich legal oder illegal ist. Mit dem „Imperium-Frame“ untersucht man die geostrategischen Ziele des derzeit mächtigsten Landes der Welt: der USA. Und mit dem „Rohstoff-Frame“ geht man der Frage nach, inwieweit sich hinter militärischen Operationen wirtschaftliche Interessen verbergen könnten: die Sicherung von Rohstoffen, vor allem von Erdöl und Erdgas.

Warum sind die Rohstoffe so bedeutsam?

Die Welt ist hochgradig süchtig nach Erdöl. 90 Mio. Fass braucht sie heute jeden Tag, das sind 45 Supertanker. 1945 waren es nur 6 Mio. Fass. Zunehmend wichtiger wird Erdgas. Stoppt der Nachschub, dann kollabiert die Wirtschaft. Geostrategische Machtpolitik dient deshalb vornehmlich dazu, die eigene Versorgung mit Rohstoffen zu sichern und den Zugriff der Konkurrenten zu erschweren. Wer Erdöl und Erdgas kontrolliert, wer deren Abbau und deren Transportwege kontrolliert, der kontrolliert letztlich die Welt.

Welche Kriege wurden um Erdöl geführt?

Viele. Schon im Ersten Weltkrieg spielte Erdöl eine Rolle, im Zweiten Weltkrieg auch. In unserer Zeit war sicher der Angriff auf den Irak im Jahr 2003 ein Krieg um Erdöl. Damals haben Bush und Blair die ganze Welt belogen, als sie behaupteten, Saddam Hussein hätte atomare, chemische und biologische Massenvernichtungswaffen und wolle sie gegen den Westen einsetzen. Heute wissen wir, dass dies frei erfunden war, um die Weltöffentlichkeit unter Druck zu setzen und den Angriff moralisch zu rechtfertigen. Ein Fake-News-Klassiker! Der Angriff wurde ohne UNO-Mandat durchgeführt und war daher illegal. Er kostete weit über 1 Mio. Menschen das Leben. Die Zahl der Verletzten und Verstümmelten ist vielfach höher. Und das Land ist seither instabil und versinkt im Chaos.

Gibt es legale Kriege?

Die UNO definiert in ihrer Charta von 1945 zunächst ganz klar: Kein Land darf ein anderes angreifen. Grundsätzlich sind also alle Kriege illegal. Allerdings definiert die Charta zwei Ausnahmen: zum einen das Recht auf Selbstverteidigung, wenn ein Land angegriffen wird. Zum anderen das Recht auf einen Angriffskrieg, wenn ein ausdrückliches Mandat des UNO-Sicherheitsrats vorliegt. Nur in diesen beiden Fällen sind Kriege legal, ansonsten sind sie illegal. Illegal sind auch Regime-Changes – eine besonders beliebte und elegante Methode, um die eigenen Interessen in anderen Ländern durchzusetzen. Und illegal ist auch die Bewaffnung von Söldnern und Banden in fremden Staaten, um diese zu destabilisieren.

Können Sie Beispiele für Regime-Changes nennen?

Aktuell wird in Syrien versucht, Assad zu stürzen. Ein bekanntes älteres Beispiel ist der Iran: 1953 stürzte die CIA zusammen mit dem britischen Geheimdienst MI6 dessen demokratisch gewählte Regierung, weil diese die iranischen Erdölquellen verstaatlicht hatte. Ihre Verstaatlichung wurde unter den neuen Machthabern rückgängig gemacht und ihre Ausbeutung den US-amerikanischen und britischen Ölkonzernen überlassen. Es folgte ein Vierteljahrhundert pro-westlicher Monarchie mit einer dekadenten Oberschicht, bis 1979 die Lage eskalierte und die sogenannte „Islamische Revolution“ sie stürzte. Um den Iran kleinzuhalten, rüsteten die USA den irakischen Diktator Saddam Hussein auf, der 1980 den Iran angriff. Später belieferten die USA beide Kriegsparteien mit Waffen. So waren beide mit sich selbst beschäftigt und schwächten sich über Jahre hinweg gegenseitig. Mindestens 400.000 Tote forderte dieser Krieg, der bis 1988 dauerte. Diese Strategie wird übrigens heute wieder von US-Geostrategen wie George Friedman vom Thinktank Stratfor empfohlen, um den Einfluss der USA in Europa und Asien zu sichern. Im Februar 2015 forderte Friedman in einem Vortrag in Chicago, Spannungen zwischen Nationen zu nutzen, anzufachen und beide gleichzeitig zu unterstützen. Er forderte auch unverhohlen, einen Keil zwischen Deutschland und Russland zu treiben, um beide zu schwächen.

Trieb nicht Russland selbst den Keil, indem es die Krim annektierte?

Nein. Seit Ende des Kalten Krieges hat sich die NATO kontinuierlich ausgedehnt, nicht Russland. Russland will nicht von der NATO völlig umzingelt sein, will nicht, dass nun auch noch die komplette Ukraine zur NATO gehört. Bei der deutschen Wiedervereinigung zog Russland seine Truppen aus der DDR ab, weil die USA versprachen, die NATO nicht weiter nach Osten auszudehnen. Dieses Versprechen haben sie dann immer wieder gebrochen. Gorbatschow klagte 2009, der Westen habe Russland über den Tisch gezogen. Putin sieht das genauso. John Mearsheimer, Professor für Politikwissenschaft an der University of Chicago, sagte zur russischen Befindlichkeit: Man stelle sich die Empörung in Washington vor, wenn China ein Militärbündnis schmieden und dabei versuchen würde, Kanada und Mexiko dafür zu gewinnen. Die Sezession der Krim war eine Reaktion auf den vom Westen eingefädelten Regime-Change in der Ukraine: Poroschenko anstelle von Janukowytsch. Denn Poroschenko will in die NATO. Im Februar 2014 war der Putsch, im März 2014 die Sezession der Krim. Der „Böse-Mann-Frame“ verdeckt dies – und wer es anspricht, wird als „Putin-Versteher“ diffamiert.

Geht also von Russland keine Bedrohung aus?

Nein. Russland hat kein Interesse, Westeuropa zu erobern. Die 54 Mrd. Dollar, um die Trump den US-Militäretat jetzt nochmals erhöhen will, entsprechen fast dem, was Russland insgesamt ausgibt. Mit jährlich 600 Mrd. Dollar hatten die USA schon vor Trump den mit Abstand größten Militäretat der Welt. Dahinter kommt lange nichts, dann China mit 215 Mrd. Dollar, wieder lange nichts, dann Saudi-Arabien mit 87 Mrd. Dollar – und dann erst Russland mit 66 Mrd. Dollar. Ist angesichts dieser Zahlen Russland tatsächlich eine Bedrohung für Westeuropa? Eine imperialistische Politik wird seit Jahrzehnten vor allem von den USA betrieben. Unter Trump ist nur die Scheinheiligkeit vorbei. Es wird jetzt so offen wie noch nie davon geredet, kräftig aufzurüsten, um Kriege zu führen und zu gewinnen. Und das nicht aus moralischen Gründen, um jemanden zu „befreien“ und zu „demokratisieren“, sondern weil „America first“ gilt. Aber das ist in Wirklichkeit schon lange das Leitmotiv des US-Imperiums. So wie in früheren Jahrhunderten beim britischen und beim spanischen Imperium das Eigeninteresse im Mittelpunkt stand.

Um was geht es aktuell im Syrienkrieg?

Dort versuchen die NATO-Staaten USA, Großbritannien und Frankreich zusammen mit den Golfstaaten Saudi-Arabien und Katar seit 2011, Präsident Assad zu stürzen, indem sie sogenannte „Rebellen“ unterstützen, ausbilden und mit Waffen versorgen. Diese drangen ins Land ein, um es systematisch zu destabilisieren und ins Chaos zu stürzen. Täten die „Rebellen“ das, was sie in Syrien tun, bei uns, dann würden wir sie als „Terroristen“ bezeichnen und verfolgen. „Rebellen“ hört sich aber sympathischer an und scheint nicht im Widerspruch zum „Krieg gegen den Terror“ zu stehen, der seit 2001 angeblich geführt wird. Zwar werden vornehmlich „moderate Gruppen“ unterstützt, doch die arbeiten mit der Al-Nusra-Front zusammen – einem Ableger von Al-Qaida. Die gelieferten Waffen landen also auch bei denen. Die CIA hat 1 Mrd. Dollar in die Stärkung der „Rebellen“ investiert. Dieser Versuch, Assad zu stürzen, steht im Widerspruch zur UNO-Charta, ist also illegal, forderte bisher über 400.000 Tote, ein Vielfaches an Verletzten und löste eine riesige Flüchtlingswelle aus. Auch die „Aufklärungsflüge“ der deutschen Luftwaffe sind übrigens illegal. Kein Land darf in den Luftraum eines anderen Landes eindringen, außer dieses Land hat es ihm vorher ausdrücklich erlaubt. Ob die deutschen Tornados Bomben werfen, ist dabei nicht entscheidend. Die Flüge dienen einer vom UNO-Sicherheitsrat nicht genehmigten Militäroperation und verstoßen damit gegen die UNO-Charta. Russland verstößt nicht gegen die UNO-Charta, weil es auf ausdrücklichen Wunsch der Regierung im Land aktiv ist.

Warum will die NATO Assad stürzen?

Zum einen, weil ihr Assads russland-freundliche Politik missfällt und Russland Militärbasen in Syrien hat. Zum anderen geht es um ein gigantisches Erdgasfeld, das größte der Welt. Es befindet sich allerdings nicht in Syrien, sondern südlich davon unter dem Persischen Golf. Es ragt sowohl ins Staatsgebiet von Katar als auch ins Staatsgebiet des Iran hinein, kann also von beiden Staaten angezapft werden. Das führt zu einer grotesken Situation: Wer das Erdgas schneller abpumpt, verdient damit mehr. Nur ist das nicht ganz so einfach, denn: Wie kommt das Erdgas zum Endabnehmer? Wie kommt es nach Europa? Katar wollte eine Pipeline durch Saudi-Arabien und Syrien bis in die Türkei bauen – und Assad sagte Nein. Der Iran wollte eine Pipeline durch den Irak und Syrien bauen und es von dort mit Schiffen weitertransportieren – und Assad sagte Ja. Deshalb wollen Katar, Saudi-Arabien und die Türkei Assad stürzen. Deshalb will der Iran, dass Assad an der Macht bleibt. So kompliziert ist der Syrienkrieg also gar nicht. Er wirkt nur kompliziert durch eine verwirrende Berichterstattung, in der nie von Geostrategie und Erdgas die Rede ist. Stattdessen wird Assad zum „Bösen Mann“ stilisiert und der „Krieg gegen den Terror“ beschworen – die eingangs erwähnte Kombination von „Terror-Frame“ und „Böser-Mann-Frame“.

Assad ist kein Unterstützer des IS, sondern wird von ihm bedroht. Wie kann da der „Terror-Frame“ angewendet werden?

Auf Assad sei im „Krieg gegen den Terror“ kein Verlass, behauptete Obama und leitete daraus ein Recht auf seinen Sturz ab. Die UNO blieb dabei völlig unerwähnt – von Obama, von der deutschen Bundesregierung, von den deutschen Massenmedien. In Deutschland diente dann der Terroranschlag von Paris als Vorwand, um in den Syrienkrieg zu ziehen. Der hatte aber mit Syrien überhaupt nichts zu tun, denn die Terroristen kamen aus Belgien.

Warum funktioniert das so gut?

Durch die ständige Wiederholung der immer gleichen Deutung. Der Frame sinkt so ins Gehirn ein und wird nicht mehr reflektiert. Wenn in allen Fernsehsendern, Radiosendern und Zeitungen immer wieder das Gleiche erzählt wird, die gleiche Auswahl an Fakten, die gleiche Deutung, die gleiche Perspektive, dann glauben das die Menschen irgendwann, auch wenn es mit dem gesunden Menschenverstand betrachtet gar nicht schlüssig ist. Warum bewaffnet man im „Krieg gegen den Terror“ Terroristen? Solche Fragen unterbleiben, weil sie den Frame sprengen. Zudem wird in entscheidenden Momenten mit subtilen und perfiden Psychotricks gearbeitet, deren Wirkung man sich nur schwer entziehen kann.

Zum Beispiel?

Kinder sind ein beliebtes Mittel, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Als beispielsweise 1990 der Irak in Kuwait eingefallen war, berichtete im Fernsehen ein 16-jähriges Mädchen unter Tränen, sie hätte als Krankenschwester in Kuwait gearbeitet und in ihrer Klinik mitansehen müssen, wie irakische Soldaten Neugeborene aus den Brutkästen rissen und auf den Boden schleuderten. Diese Erzählung wurde ständig wiederholt und diente als Hauptargument für den Einmarsch von US-Truppen in den Irak. Da haben Skeptiker und Pazifisten keine Chance mehr, Gehör zu finden. Jahre später kam heraus, dass die ganze Geschichte erlogen war. Sie stammte von einer PR-Agentur und die angebliche Krankenschwester war gar keine Krankenschwester, sondern die Tochter des kuwaitischen Botschafters in Washington. Diese „Brutkasten-Lüge“ ist auch ein Fake-News-Klassiker!

Seit 2001 dient 9/11 für den „Krieg gegen den Terror“.

Ja, denn dieses Ereignis war für die Weltöffentlichkeit ein großer Schock. Die Bilder der explodierenden Flugzeuge und zusammenstürzenden Gebäude haben sich tief in unserem Unterbewusstsein eingegraben. Fast jeder weiß heute noch, wo er war, als ihn diese Bilder erreichten. Weil dieses Ereignis so tief in uns verankert ist, lässt es sich leicht für manipulative Zwecke missbrauchen.

Sie stellen die offizielle Darstellung von 9/11 infrage und werden deshalb oft als „Verschwörungstheoretiker“ bezeichnet.

Der Kampfbegriff „Verschwörungstheoretiker“ soll verhindern, dass wache Menschen den „Krieg gegen den Terror“ hinterfragen. Ich wurde damit diffamiert, weil ich darauf hinweise, dass der 9/11-Abschlussbericht voller Erklärungslücken und Ungereimtheiten steckt. Die Geschehnisse und vor allem der mysteriöse Einsturz des WTC7, des dritten Gebäude, das gar nicht von einem Flugzeug getroffen wurde und im 9/11-Abschlussbericht unerwähnt bleibt, bedürfen nach wie vor einer gründlichen Aufarbeitung. Da es sich um die Grundlage für den „Krieg gegen den Terror“ handelt, sollte gründlich gearbeitet und nicht geschlampt werden.

Auf Wikipedia steht über Sie: „Er greift Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 auf und stellt sie als von Wissenschaftlern noch zu prüfende Erklärungsansätze dar.“

Richtig müsste es heißen: „Er untersucht die Terroranschläge vom 11. September 2001 kritisch.“ Ich greife keine Verschwörungstheorien auf, verbreite keine und entwickle auch keine eigenen. Ich bin Historiker und spekuliere nicht. Ich weise nur auf die Schwachstellen in der „offiziellen Verschwörungstheorie“ hin. Die wurde damals von Bush mit den Worten „That’s the truth!“ der Weltöffentlichkeit vorgestellt – und seither ist es ein absolutes Tabu, sie kritisch zu hinterfragen. Wissenschaftler und Journalisten, die es trotzdem taten, wurden dafür heftig angegriffen und massiv unter Druck gesetzt. Es stand sofort ihre berufliche Karriere auf dem Spiel. Für mich als Historiker ist diese Unterdrückung der freien Forschung genauso interessant wie die Terroranschläge selbst. Es muss in einem freien Land erlaubt sein zu erwähnen, dass neben der offiziellen Darstellung der 9/11-Anschläge auch noch andere Darstellungen existieren. Viele Wikipedia-Nutzer haben versucht, den Artikel über mich zu korrigieren und die diffamierenden Sätze durch sachliche zu ersetzen. Jedes Mal wurde ihr Zugang gesperrt und ihre Änderung rückgängig gemacht. Es tobt ein richtiger „Edit War“ um meinen Wikipedia-Eintrag.

Als Sie 2016 von der ÖDP München zu einem Vortrag eingeladen wurden, gab es heftige Kritik, weil Sie angeblich Kontakte zu Rechtsextremen pflegen.

Dieser Vorwurf ist eine Frechheit und stimmt nicht. Die Anschuldigung bezog sich darauf, dass ich mich vor ein paar Jahren mit Karl-Heinz Hoffmann, dem Ex-Chef der Wehrsportgruppe Hoffmann, zu einem Gespräch traf. Es ging um den Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest im Jahr 1980, den ich untersuchte. Ich bin Schweizer und ich bin Historiker. In der Schweiz gibt es diese seltsame Kontaktschuld nicht. Dort ist es ganz normal, mit jedem zu sprechen, denn das bedeutet ja noch lange nicht, dessen Überzeugungen zu teilen. In Deutschland dagegen wird einem genau das sofort unterstellt. Das ist absurd. Was soll ich denn als Historiker machen? Ich habe auch mit CIA-Mitarbeitern gesprochen, mit Kommunisten, mit Islamisten. Als Historiker muss ich Quellenforschung betreiben – und das bedeutet auch: viele Menschen befragen, vielen Menschen zuhören.

Warum ein Gespräch mit Hoffmann?

In meiner Doktorarbeit habe ich die „Operation Gladio“ und die 1990 aufgedeckten NATO-Geheimarmeen untersucht und in meinem Buch die Zusammenarbeit der NATO mit Rechtsextremen in Deutschland und Italien kritisiert. Hoffmann behauptete, was ich schreibe, stimme so nicht, und er hätte wichtige Informationen zum Münchner Bombenanschlag für mich. Deshalb wollte er mich treffen. Zuerst lehnte ich ab, Hoffmann blieb hartnäckig, schließlich stimmte ich zu, bestand aber auf die Anwesenheit eines Journalisten und auf eine Veröffentlichung des Gesprächs, um Transparenz zu gewährleisten. Hoffmann stimmte dem zu und wählte Jürgen Elsässer aus. Das Gespräch fand in einem Hotel in Basel statt, wurde gefilmt und auf YouTube veröffentlicht. Hoffmann habe ich weder vorher noch nachher je wieder gesehen. Seine Ansichten teile ich überhaupt nicht und habe in meinem Leben noch nie rechte Parteien gewählt. Deshalb war ich sehr erstaunt, plötzlich als Rechter eingestuft zu werden. Als Historiker ist es für mich wichtig, mit allen Menschen zu reden und bei Terroranschlägen und Kriegslügen gründlich zu recherchieren. Das ist mein Beitrag, damit wir aus der Gewaltspirale herauskommen, in der wir aktuell stecken. Dass ich dabei mit den unterschiedlichsten Leuten rede, liegt in der Natur der Sache, aber zur Beurteilung meiner Arbeit sollte nur das hergenommen werden, was ich selber sage und schreibe – und das ist so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Rechtsextreme von sich geben.

Wie kommen wir aus der Gewaltspirale heraus?

Grundsätzlich sollten wir uns an das Gewaltverbot halten und die Welt durch die UNO-Brille und nicht durch die NATO-Brille betrachten. Dann müssen wir uns mit den Manipulationstechniken und Propagandatricks beschäftigen, müssen sie kennen, um sie im konkreten Fall zu erkennen. Durch das Internet und die sozialen Medien kann so etwas wie eine Gegenöffentlichkeit entstehen. Auf persönlicher Ebene ist Achtsamkeit von zentraler Bedeutung: das Beobachten der eigenen Gedanken und Gefühle. Und natürlich müssen wir die Ursachen der Kriege beseitigen oder zumindest verringern. Wenn wir auf 100 Prozent Erneuerbare Energien umsteigen, wenn wir nicht mehr angewiesen sind auf Erdöl und Erdgas, dann verschwinden die Gründe für Ressourcenkriege. Hier kann auch jeder selber etwas tun.

Ist die Energiewende nicht primär eine politische Aufgabe?

Prinzipiell schon, aber die Konzerne haben einen zu großen Einfluss auf die politischen Eliten. Unternehmen wie Shell machen Gewinne von mehreren Milliarden Dollar – pro Quartal. Spitzenmanager von ExxonMobil verdienen zwischen 100.000 und 1.000.000 Dollar – pro Tag. Die werden nicht freiwillig darauf verzichten, sondern alles tun, damit das möglichst lange so weitergeht. Wir stehen vor der Frage: Mehr Ressourcenkriege oder mehr dezentrale Erneuerbare Energieproduktion? Wofür wollen wir unser Geld ausgeben? Wenn die USA die 600 Mrd. Dollar, die sie jedes Jahr für ihr Militär ausgeben, in den Ausbau der Erneuerbaren Energien stecken würden, wären sie wohl in einem Jahrzehnt völlig unabhängig von Erdöl und Erdgas.

Herr Dr. Ganser, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

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Links

Vortrag von Daniele Ganser
Interessenspolitik von Russland und den USA
München, Freiheiz, 04.09.2017 (ÖDP München)
http://youtu.be/p-rRQ_Lq2cs

Interview mit Daniele Ganser
Vom Friedensforscher zum Verschwörer
NachDenkSeiten, 27.03.2017
www.nachdenkseiten.de/?p=37585

Vortrag von Daniele Ganser
Wie uns illegale Kriege schmackhaft gemacht werden
Berlin, Babylon, 05.12.2016 (KenFM)
http://youtu.be/j98QBCuvOVg

Vortrag von Daniele Ganser
Energiewende statt Erdölkriege
München, Leo 17, 30.05.2016 (ÖDP München)
http://youtu.be/UmGzQhaiJ9I

Vortrag von Daniele Ganser
Medienkompetenz – Wie funktioniert Kriegspropaganda?
Berlin, Babylon, 23.10.2015 (KenFM)
http://youtu.be/NxdzxGUDFd0
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Bücher

Daniele Ganser
Illegale Kriege
Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren
Eine Chronik von Kuba bis Syrien
Orell Füssli, Oktober 2016
374 Seiten, 24.95 Euro
978-3-280-05631-8

Daniele Ganser
Europa im Erdölrausch
Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit
Orell Füssli, Mai 2014
416 Seiten, 24.95 Euro
978-3-280-05474-1
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Daniele Ganser
NATO-Geheimarmeen in Europa
Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung
Orell Füssli, April 2009
446 Seiten, 24.95 Euro
978-3-280-06106-0
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Dr. Daniele Ganser

Jahrgang 1972, studierte Alte und Neue Geschichte, Philosophie und Englisch, spezialisierte sich auf Zeitgeschichte seit 1945 und promovierte über die „Operation Gladio in Westeuropa und den USA“. Nach mehrjährigen Forschungstätigkeiten an der ETH Zürich und der Universität Basel gründete er 2011 sein eigenes Forschungsinstitut.

 

Weitere Beiträge von

 

Website: http://www.danieleganser.ch