Interview: „Kaum Fake-News, dafür Zero-News“

Screenshot: Neues Tagesschau Intro 2014 - https://youtu.be/e-hw9MP5-1U

Jeden Abend um 20 Uhr berichtet die ARD-Tagesschau über aktuelle Ereignisse. Sie gilt als gründlich arbeitendes, seriöses und objektives Qualitätsmedium. Ein kürzlich erschienenes Buch stellt dies infrage und kommt zu einem ernüchternden Fazit: Nach den 15 Minuten weiß man, was die Regierung denkt, was man selbst denken soll – und was man nicht denken soll.

ÖkologiePolitik: Herr Gellermann, was missfällt Ihnen an der Tagesschau?

Uli Gellermann: Die Tagesschau hat – wie alle öffentlich-rechtlichen Medien – einen Programmauftrag. Der fußt auf dem Grundgesetz, ist in den Staatsverträgen der Sender mit ihren Bundesländern verankert und verlangt eine objektive Berichterstattung. Die der Tagesschau ist aber nicht objektiv. Zwar verbreitet sie kaum Fake-News, dafür hat sich die Redaktion in den letzten Jahren auf Zero-News spezialisiert: Wichtige Nachrichten bleiben konsequent unerwähnt.

Zum Beispiel?

Als zu Beginn des Ukraine-Konflikts über 60 Prominente – darunter Gerhard Schröder, Roman Herzog, Otto Schily, Herta Däubler-Gmelin, Manfred Stolpe und Margot Käßmann – zum Frieden aufriefen und davor warnten, Russland „hinauszudrängen“ und „zu dämonisieren“, war das der Tagesschau keine Meldung wert. Die Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt und über Russland generell zeichnet sich durch ein schlichtes Freund-Feind-Schema aus. Die genannten Namen hätten normalerweise Talk-Shows zur Folge gehabt, vielleicht sogar Sondersendungen. Aber man schwieg. Und die deutschen Medien schlossen sich diesem mafiösen Schweigen mehrheitlich an. Wer ausscherte, wurde als „Putin-Versteher“ oder „Verschwörungstheoretiker“ gebrandmarkt. Obwohl der Ukraine-Konflikt vom Wunsch der NATO und der EU nach Ausweitung ausgelöst wurde, ging es laut Tagesschau um Demokratie, Freiheit und Menschenrechte.

Auch im Syrien-Krieg geht es angeblich darum.

Dort bezeichnet die Tagesschau dschihadistische Terroristen konsequent als „moderate Rebellen“ und erweckt damit den Eindruck, die syrische Regierung bekämpfe mithilfe Russlands eine legitime Opposition und habe ihre eigene Legitimität längst eingebüßt. Dass Unterstützer dschihadistischer Terroristen von deutschen Gerichten als Kriminelle abgeurteilt wurden, bleibt unerwähnt. Es wird so getan, als herrsche in Syrien ein Bürgerkrieg zwischen „guten Rebellen“ und einem „bösen Regime“. Deshalb wird Baschar al-Assad nicht als „Präsident“, sondern als „Machthaber“ bezeichnet. Auch der Krieg im Jemen wird immer als Bürgerkrieg dargestellt, den „Huthi-Rebellen“ gegen „Regierungstruppen“ führen. Als saudische Flugzeuge einen Marktplatz bombardierten und mehr als 120 Menschen töteten, passte das nicht ins Bild und war der Tagesschau keine Nachricht wert. Eine Kriegsberichterstattung aus dem Jemen findet praktisch nicht statt. Und nie werden die Hintergründe beleuchtet: geostrategische Interessen der Großmächte und der Saudis, Erdöl- und Erdgasfelder, Handelswege.

Manipulation findet also auch über die Sprache statt?

Ja. Wenn Militäraktionen ohne UN-Mandat als „Übernahme von mehr internationaler Verantwortung“, „Eintreten für die Menschenrechte“ und „Verteidigung der Freiheit“ bezeichnet werden oder von ausländischen Staaten bezahlte Söldner und Terroristen als „Rebellen“, dann ist das gezielte Irreführung. Dieses „Wording“ transportiert Wertungen, die in einer zur Objektivität verpflichteten Nachrichtensendung nichts zu suchen haben. Die Sprachregelung „US-geführte Koalition gegen den IS“ verschleiert, dass jeder Bombenflug in Syrien einen Bruch des Völkerrechts darstellt.

Vertritt die Tagesschau eine klare außenpolitische Position?

Die Tagesschau vertrat immer die Position der Bundesregierung: Die USA seien ein Freund Deutschlands und letztlich sei alles, was sie tun, gut. Das galt unbeirrt für den völkerrechtlich illegalen Drohnenkrieg Barack Obamas ebenso wie für den von Hillary Clinton befürworteten NATO-Krieg gegen Libyen.

Was hat sich mit Donald Trumps Amtsantritt geändert?

Nachdem die Tagesschau Clintons Wahlkampf begeistert begleitet hatte, ringt sie seit Trumps Sieg um neue Sprachreglungen. Das unorthodoxe Auftreten Trumps lässt sich schwer mit der bisherigen USA-Begeisterung vereinbaren. In die fällt die Tagesschau aber sofort zurück, wenn Trump sich positiv zur NATO äußert und eine Distanz zu Russland erkennen lässt.

Wie berichtet sie über Innen- und Wirtschaftspolitik? Wie über den Neoliberalismus?

Der Begriff „Neoliberalismus“ ist ein Tabu. Gibt man ihn in die Tagesschau-Suchmaschine ein, dann erscheinen nur wenige Ergebnisse und keine Definition. Auch in der anfänglichen Begeisterung für den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz wurde der Begriff tunlichst vermieden, dabei hätte dessen angebliche Abkehr von der Agenda 2010 ihn zu deren Charakterisierung erfordert.

Wer gibt die Positionen vor? Und wie werden sie intern durchgesetzt?

Hinter der Position „Wir senden, was die Bundesregierung will“ steckt keine zentrale Leitstelle. Man weiß dort bereits als Volontär, was gewünscht wird. Wer Karriere machen möchte, hält sich an die ungeschriebenen Gesetze. Die Politik der Bundesregierung ist in Grundsatzfragen sakrosankt.

Was raten Sie den Fernsehzuschauern? Keine Tagesschau mehr?

Wer wissen will, was die jeweilige Bundesregierung als Botschaft verkünden will, kommt an der Tagesschau nicht vorbei. Und das ist ja durchaus wichtig und interessant. Wer jedoch mehr wissen will, muss sich aus verschiedenen Quellen des Internets bedienen.

Sie selbst beziehen sich auch auf Russia Today und Sputnik – und schreiben für Sputnik. Halten Sie die für objektiver als die Tagesschau?

Ich schreibe nicht für Sputnik, sondern die dortigen Kollegen übernehmen zuweilen Artikel von meiner Website. Sputnik und Russia Today werden vom russischen Staat alimentiert, so wie die Deutsche Welle vom deutschen. Wenn man das weiß, kann man die Positionen dieser Medien einordnen. Ganz sicher erweitern sie das Spektrum der Nachrichten und Meinungen in Deutschland.

Herr Gellermann, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

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Buchtipp

Uli Gellermann, Friedhelm Klinkhammer, Volker Bräutigam
Die Macht um acht
Der Faktor Tagesschau
Papyrossa, Mai 2017
173 Seiten, 13.90 Euro
978-3-89438-633-7
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Uli Gellermann

Jahrgang 1945, machte eine Ausbildung zum Industriekaufmann und arbeitete danach in einer Werbeagentur, für den Berliner Senat sowie ab den 1990er-Jahren als freier Journalist und Dokumentarfilmer. Seit 2005 gibt er als Verantwortlicher Redakteur das gesellschaftskritische Online-Magazin „Rationalgalerie“ heraus.

 

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