„Postfaktisch“ – Wort des Jahrhunderts

Jahrzehntelang erzählte man uns, Atomkraftwerke seien sicher und Atommüll sei kein Problem. Foto: Kurt F. Domnik / pixelio.de

Postfaktisches Denken und Handeln gilt als neues Phänomen, doch aus der Perspektive der Ökologie ist es schon seit Jahrzehnten bittere Realität. Die Tatsachen können noch so klar sein: Wenn Profit winkt, dann ist der Schutz von Mensch und Umwelt schnell unwichtig. Mit fadenscheinigen Argumenten und auch dreisten Lügen wird so eine Politik durchgesetzt.

Als das Wort „postfaktisch“ zum „Wort des Jahres 2016“ gekürt wurde, war vor allem die Begründung interessant: Die Jury wollte eine Entwicklung in der Gesellschaft deutlich machen, die durch eine Verachtung der Faktenlage, durch eine Akzeptanz offensichtlicher Lügen und generell durch eine gefährliche Emotionalität bei abnehmender Rationalität gekennzeichnet sei.

Die Karriere des Wortes „postfaktisch“ wurde durch Trumps Wahlerfolg befeuert: Man erregte sich darüber, dass er durch „postfaktische Aussagen“ zustande gekommen sei. Ungeniert hätte der Kandidat seine Kampagne mit falschen Fakten bestückt. Das war wohl so. Aber: Sind wir nicht alle „ein bisschen Trump“? Gehört es nicht schon immer zu den Grundausstattungen des Menschen, sich nach Pippi-Langstrumpf-Art die Welt jenseits aller Fakten so zu machen und so zu denken, „wie sie einem gefällt“? Wenn schon eine Marke für diese Vokabel sein muss, dann sollte „postfaktisch“ mindestens als „Wort des Jahrhunderts“ gelten.

Beispiel Atomkraft

Wer hätte jemals ein Atomkraftwerk zugelassen, wenn die Fakten eine Rolle gespielt hätten? In den 1960er- und 1970er-Jahren redeten Physiker, Manager der Energiewirtschaft und natürlich auch Politiker von CDU/CSU, SPD und FDP nicht nur das „Restrisiko“ klein, sondern verdrängten auch das ungelöste Problem der Atommüllverwahrung. Die Nutzung der Kernspaltung als Energiequelle galt als „alternativlos“, auch wenn es dieses Wort damals so noch nicht gab.

Wohlgemerkt: Die „Experten“ kannten die Sachlage, die „Fakten“ weit besser als beispielsweise ich, der ich damals nur ein interessierter junger Mensch war und von Atomphysik herzlich wenig Ahnung hatte. Für die Experten gab es keine unlösbaren technischen Probleme. Wenn eine Lösung noch nicht verfügbar ist, dann wird sie eben in der Zukunft entwickelt werden. Basta. Am Anfang der Atomwirtschaft stand faktenfreies Wunschdenken – mit verderblichen Folgen für die gesamte Biosphäre.

Beispiel Klimaerwärmung

Die energiewirtschaftliche Faktenverachtung setzt sich munter fort. Wer würde heute noch Kohlekraftwerke laufen lassen, ja sogar neue bauen und kontinuierlich Subventionsmilliarden für die Kohle aufwenden, wenn Fakten entscheidungsrelevant wären? Haben wir nicht genug Daten zum Zustand des Erdklimas? Es ist erschreckend, wie „normal“ unsere Gesellschaft immer noch die aktuelle Energiewirtschaft findet, obwohl diese faktisch ein Selbstzerstörungsprogramm der Menschheit darstellt.

Wer würde steuerfreie Billigfliegerei, absurde SUV-Raserei, massive Gesundheitsgefährdung durch vielfältigen Schadstoffausstoß zulassen, wenn Fakten in der Verkehrspolitik eine Rolle spielten und nicht Profitinteressen und hochproblematische Emotionen – „Freude am Fahren!“ – die Richtlinienkompetenz hätten?

Fakten gut, aber Emotionen gefährlich?

Wer würde es zulassen, dass regelmäßig viel zu viel Gülle und diverse Gifte zum Schaden des Trinkwassers und der biologischen Artenvielfalt auf die Böden verteilt werden, wenn Rationalität unser Handeln steuern würde? Und vor allem: Wer würde stetiges „Wachstum der Wirtschaft“ anstreben, wenn naturwissenschaftliche Fakten anerkannt würden? Die Beispiele weisen auf ein Grundproblem hin: Es ist angenehm, Fakten zu verdrängen. Fundamentale Veränderungen machen Angst; man versucht, solchen Änderungen auszuweichen und im Gewohnten fortzufahren: Was bisher funktionierte, wird doch wohl auch morgen noch funktionieren …

Problematisch ist der in dieser Debatte enthaltene Kurzschluss „Fakten gut, Emotionen gefährlich“. Menschen sind ohne Emotion nicht denkbar. Es kann nicht darum gehen, Emotionen auszuschließen. Es muss darum gehen, kritisch und selbstkritisch mit ihnen umzugehen. Wir müssen destruktive Gefühle wie Hass und Vernichtungslust im Zaum halten.

Wir müssen aber auch die positiven Emotionen vor Bedrohung schützen. „Arbeitsplätze, Wachstum, Freihandel und Profit haben Vorrang vor romantischen Gefühlen!“ Wirklich? Die totale Ökonomisierung unserer Existenz wertet Liebe zum Leben, Empathie mit allen Kreaturen, Begeisterung für natürliche und kulturelle Schönheiten und Dankbarkeit für eine an den Menschenrechten orientierte staatlich-gesellschaftliche Ordnung ab. Wer die noch erlebbaren erfreulichen Verhältnisse lediglich als historische Fakten zur Kenntnis nimmt und unter Nützlichkeitsaspekten bewertet, gefährdet sie. Hier braucht es Emotion: Sie müssen heiß geliebt und leidenschaftlich verteidigt werden

Wahrheit – eine unmögliche Forderung?

Der angeklagte Jesus brachte im Verhör vor, er sei in die Welt gekommen, um „für die Wahrheit Zeugnis abzulegen“. Der römische Machthaber konnte darauf nur sein skeptisches „Was ist Wahrheit?“ anbringen. Die Pilatus-Frage ist eigentlich eine Antwort: Wahrheit gibt es nicht und wenn es sie gäbe, könnten wir sie nicht erkennen.

Ich möchte niemandem absprechen, dass er eine religiöse oder weltanschauliche Wahrheit erkannt hat. Die Suche nach Wahrheit bleibt jedoch trotzdem eine persönliche Lebensaufgabe. Im gesellschaftlich-politischen Alltag gilt die Empfehlung: Jede Information, jede faktische oder emotionale Äußerung muss der Quellenkritik unterzogen werden: Wer sagt was? Und warum? Wie ist die Interessenlage der Quelle? Was wird gesagt und was verschwiegen?

Bernhard Suttner

Bernhard Suttner

Jahrgang 1949, studierte Politikwissenschaft, Pädagogik sowie Christliche Gesellschaftswissenschaften und arbeitete anschließend als freiberuflicher Referent in der Erwachsenenbildung. 1978 gehörte er zu den Gründern der „Grüne Aktion Zukunft“, verließ diese 1980 wieder und gründete 1982 die ÖDP mit. Von 1991 bis 2011 war er Landesvorsitzender der ÖDP Bayern. Seit 2011 ist er ihr Fachbeauftragter für Grundsatzfragen.

 

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