Vom Haben zum Sein


In den gesellschaftlichen Debatten zum Grundeinkommen blieb die Frage nach seiner Wirkung auf Wachstum und Beschleunigung bisher weitgehend ausgeklammert. Dabei hat es gerade hier einiges zu bieten. Es würde einen Prozess in Gang setzen, bei dem das Leitbild „Produktivismus“ – die Herstellung möglichst vieler Produkte und Dienstleistungen – zugunsten des neuen Leitbilds „Zeitwohlstand“ zurückgedrängt wird.

Ein Übermaß an Produkten, Konsum und Ereignissen hindert uns daran, Zeit als unsere wichtigste Ressource für das, was wir für ein gutes Leben wichtig finden, einzusetzen: für entspannende und kreative Muße, für freie Persönlichkeitsentfaltung oder für echte Freundschaften. Dabei ist die Idee auch in der herkömmlichen Ökonomie nicht neu. Schon John Maynard Keynes erwartete für seine „Urenkel“ die „wirtschaftlichen Möglichkeiten“ einer wöchentlichen Arbeitszeit von 15 Stunden. Zum „guten Leben“ jenseits der Wachstumsspirale gehört allerdings elementar eine Basis-Lebenssicherheit. Je weniger diese gewährleistet ist, desto mehr ökonomische Aktivitäten werden nur aus purer Existenzangst erhofft, initiiert und aufrechterhalten – kosten sie ökologisch, sozial und individuell, was sie wollen. Wer Postwachstum möchte, muss den Druck zu ökonomischen Aktivitäten von jedem Einzelnen nehmen. Das geht am besten mit einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Finanzierung über Öko-Abgaben

Doch wie kann dieses gestaltet werden, ohne neue Konsumorgien zu ermöglichen und ohne Wachstumsschübe nötig zu haben? Indem wir es über Öko-Abgaben auf problematische Umweltnutzungen und -verschmutzungen finanzieren! Dadurch wird ein verschwenderischer, konsumorientierter Lebensstil teurer und ein ressourcenarmer Lebensstil mit viel Bildung, Kunst, Kommunikation etc. preiswerter. Erst mit der Verwendung der Erträge aus der Ressourcenbesteuerung als Grundeinkommen wird dieses „Weniger“ für mehr Schichten lebbarer als heute: Mit der Gewissheit ökonomischer Basis-Sicherheit und dem Gefühl größerer sozialer Anerkennung in der Gesellschaft werden mehr Menschen neue ressourcenleichtere Lebensformen der Kooperation und des Wenigers ausprobieren und schätzen lernen. Heute trauen sich das nur ein paar Avantgardisten.

Vielfältige Postwachstumslebensstile

Das Wichtigste aber: Mit einem solchen „Ökologischen Grundeinkommen“ sind verschiedene Lebensstile möglich, die alle ökologisch korrekt sind. Man kann 20 Stunden in der Industrie – deren Produkte mehr als heute ökologischen Anforderungen genügen werden – als Spezialist arbeiten und ergänzend 10 Stunden subsistent oder gemeinschaftlich tätig sein. Man kann aber auch nur 5 Stunden erwerbstätig sein und 35 Stunden in Gemeinschaft selber produzieren. Grundeinkommen ist Zeitwohlstand – innerhalb und außerhalb der Erwerbsarbeit. In beiden Sphären können wir eher das machen, was uns gefällt – was immer es ist.

Welche Anteile industrieller, lokaler oder subsistenter Arbeit dabei herauskommen, wissen wir nicht im Voraus und brauchen es in einer offenen Gesellschaft auch nicht zu wissen. Was wir aber sicher wissen: Unser ökologischer Fußabdruck wird dabei begrenzt – durch die Öko-Steuern. Die Finanzierung des Grundeinkommens wird durch die erhoffte Ressourceneinsparung indes nicht angegriffen. Die Steuersätze auf problematische Ressourcennutzungen müssen nur kontinuierlich ansteigen. So bleibt der Anreiz zur Entwicklung weitergehender technischer und kultureller Alternativen dauerhaft erhalten und die finanzielle Basis des Grundeinkommens gesichert.

Epochaler Wandel der Existenzweise

Das Grundeinkommen ist ein gastliches Umfeld für den Wandel der Existenzweise: vom „Haben“ zum „Sein“, wie Erich Fromm das 1976 in seinem berühmten Buch postulierte. Dieser Wandel muss sich gerade auch in der Sphäre der Erwerbsarbeit entwickeln können. Mit der größeren Wahlfreiheit im Rücken lassen sich dort größere Ansprüche ans „Sein“ wie etwa Partizipation und Selbstverwirklichung stellen. Deren Realisierung darf allerdings nicht durch eine Verschärfung wettbewerbsbedingter Zeitknappheit wieder erschwert werden. Auch deshalb ist es nötig, das Verhältnis von Steuern auf Arbeits(zeit)einsatz und Ressourcenverwendung zugunsten letzterer zu verändern. Darauf ist im Konzept des „Humanökologischen Grundeinkommens“, dem – insbesondere in seiner Begründung als Förderer einer freien Postwachstumsgesellschaft – voll zuzustimmen ist, zu achten.

Mit der Finanzierung des Grundeinkommens über Öko-Steuern lässt sich Gelassenheit, (zeitaufwendige!) Qualität und Partizipation auch in der Erwerbsökonomie stützen. Allerdings wäre eine solche Langsamkeit keineswegs zwingend – vielmehr handelt es sich um eine neu erwachsene Option. Wer weiterhin möglichst schnell, mit eventuell höherem Verbrauch innerer und äußerer natürlicher Ressourcen, arbeiten möchte, kann dies tun. Er ist aber ökonomisch dazu weniger gezwungen, wenn Arbeitszeit nicht mehr der allein entscheidende Kostenfaktor im Wettbewerb ist. Das Grundeinkommen ist ein Bremspedal gegen die Beschleunigung in der Erwerbsarbeit, das benutzt werden kann.

Freiheit, Gleichheit,  Nachhaltigkeit

Ein „Ökologisches Grundeinkommen“ kombiniert das „grüne“ Ziel ökologischer Nachhaltigkeit mit dem „roten“ Ziel materieller und sozialer Gleichheit und dem liberalen Ziel erweiterter individueller Freiheit. Prinzipiell ist also ein hegemonialer sozialer Block aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen mit unterschiedlichen politischen Philosophien als Unterstützer für ein Grundeinkommen denkbar. Deshalb gibt es heute schon eine starke Unterströmung für diese radikale Reformidee. In der Schweiz etwa stimmten im Juni 2016 ein Viertel der Stimmberechtigten dafür – aus unterschiedlichen Motiven.

Indes – der Wechsel zu einem allgemeinen Grundeinkommen ist große Transformation: Es wird sich daher nur schrittweise verwirklichen lassen. Gerade mit einem aus Öko-Abgaben finanzierten Teil-Grundeinkommen kann zunächst das Prinzip der Bedingungslosigkeit der Teilhabe aller an den Erträgen von Natur und Gesellschaft verankert werden, um es dann sukzessive zu erweitern und damit soziale Sicherung langsam in Richtung Bedingungslosigkeit zu wandeln.


Buchtipp:

Ulrich Schachtschneider
Freiheit, Gleichheit, Gelassenheit
Mit dem Ökologischen Grundeinkommen aus der Wachstumsfalle
oekom, September 2014
152 Seiten, 16.95 Euro
978-3-86581-693-1

Dr. Ulrich Schachtschneider

Jahrgang 1962, absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Stahlbetonbauer und studierte dann Energietechnik, Soziologie und Umweltpolitik. Seither ist er als Energieberater, freiberuflicher Sozialwissenschaftler und Buchautor tätig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Nachhaltigkeitskonzepte und soziale Umwelt- und Energiepolitik.

 

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Pablo Ziller

Pablo Ziller

Jahrgang 1984, ist Diplom-Politologe.

 

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