Sojaanbau im Reallabor

Zwischen den ortsüblichen Mais-Monokulturen setzt der Gemeinschaftsgarten mit seiner großen Vielfalt an Nutzpflanzen ein Zeichen. – Foto: Markus Heim

Ein „Reallabor“ ist nach Niko Paech ein Ort, an dem Methoden und Werkzeuge erprobt und eingeübt werden, die für den Weg in eine Postwachstumsökonomie gebraucht werden. Ein Gemeinschaftsgarten südlich von Stuttgart mit Blick auf die Schwäbische Alb ist dafür ein typisches Beispiel. Ein Forschungsprojekt gab den Anstoß, auch Soja anzupflanzen.

Wir sind eine Gruppe von rund zehn Leuten, die sich seit Jahren über familiäre, freundschaftliche oder nachbarliche Beziehungen oder über die Arbeit kennen. Im Jahr 2015 fanden wir in einem Gartenprojekt eine gemeinsame Passion. Angefangen hat alles damit, dass meine Tante mir einen Acker als Schenkung überschrieb. So stand plötzlich die Frage nach der zukünftigen Nutzung im Raum. Und in der Gruppe kam sofort der Wunsch auf, die 800 m2 in gemeinschaftlicher Arbeit für den Anbau von Gemüse und Obst zu nutzen, dieses selbst zu verarbeiten und auf den Esstisch zu bringen. Das ist nichts Neues oder gar Revolutionäres, sondern war in unserer Gegend – und wohl in ganz Deutschland – schon immer üblich. Doch Bauerngärten und der Anbau für den Eigenbedarf sind in der heutigen Zeit selten geworden und einer durchindustrialisierten Landwirtschaft gewichen. Unser Projekt dreht in gewisser Weise das Rad der Zeit zurück. Gleichzeitig richten wir den Blick nach vorn und wenden uns vor allem mit dem Sojaanbau dem Thema „zukunftsfähige Nahrungsmittelversorgung“ zu. Nachahmer sind ausdrücklich erwünscht!

Was im Vergleich zu früher als neu gelten kann, das ist das Konzept gemeinschaftlicher Nutzung. Dazu haben wir die vormals zum Anbau von Getreide und Rüben genutzte Fläche in einen Garten umgewandelt, unter anderem Obstbäume gepflanzt sowie eine kleine Gerätehütte, Wassertonnen und eine Sitzecke mit Grillmöglichkeit errichtet. Die Fläche wurde nur grob parzelliert. Unsere Mitglieder können entweder ihre eigenen Vorstellungen umsetzen oder ihre Arbeitskraft fürs große Ganze einbringen. Was und wie angebaut wird, das ergibt sich aus Vorschlägen und Vorlieben – und manchmal auch ganz spontan, wenn uns jemand seine übrig gebliebenen Jungpflanzen schenkt. Auf den Einsatz von Maschinen und damit auf den Verbrauch fossiler Brennstoffe können wir weitestgehend verzichten. Muskelkraft reicht. Angebaut wird das übliche Spektrum an Obst und Gemüse. Und über die Jahre konnten wir die Erträge steigern. Das Wissen um die richtigen Sorten, Aussaatzeiten und notwendigen Tätigkeiten erwirbt man eben nur durch eigenes Tun und selbst gemachte Erfahrungen.

1.000 Gärten – das Soja-Experiment

Was uns zu Exoten macht: Die Felder der Umgebung sind geprägt vom Maisanbau, vom Fehlen von Unkräutern und vom Einsatz überdimensionierter Maschinen. Die „Vermaisung Deutschlands“ – wir haben sie direkt vor Augen. Unsere rote Gartenhütte und die pflanzliche Vielfalt stechen hervor und provozieren vielleicht auch. Im Sommer 2018 bauten wir im Rahmen des 1.000-Gärten-Projekts erstmals Soja an. Ganz grundsätzlich ist Soja der zentrale Aspekt einer Eiweißversorgung auf rein pflanzlicher Basis. Und wenn Soja in Deutschland angebaut wird, muss kein genmanipuliertes Soja importiert werden.

Das 1.000-Gärten-Projekt ist ein Forschungsprojekt der Universität Hohenheim und dem Freiburger Tofu-Hersteller „Taifun-Tofu“. Sein Ziel ist es, in Freilandversuchen Sojasorten zu finden, die für das vergleichsweise raue Anbauklima in Deutschland geeignet sind und eine gute Eignung zur Tofu-Herstellung besitzen. Dafür wurden deutschlandweit Kleingärtner gesucht, die im eigenen Garten einige Quadratmeter für die zu testenden Sorten bereitstellen. Aussaat der Bohnen und Dokumentierung des Pflanzenwuchses erfolgten dabei durch den Kleingärtner – im Stil einer Citizen Science – und endete mit dem Einschicken der reifen Bohnen an die Universität. Aufmerksam auf das Projekt waren wir eher zufällig durch den Hinweis einer Mitstreiterin geworden. Es erwies sich als idealer Anlass, um den selbst gesetzten Anspruch, ein „Reallabor“ zu sein, unter Beweis zu stellen.

Neben dem Saatgut für die Wissenschaft wurde eine weitere Tüte der Sorte „Primus“ für den Eigenbedarf und als Dankeschön für die Teilnahme bereitgestellt. Die hat sich bei uns zum Startschuss für eine eigene Tofu-Herstellung entwickelt. Die Sojapflanzen zeigten keinerlei Schädlingsbefall – ganz im Gegensatz zu den Erbsen nebenan – und reiften gut aus. Als zeitintensiv erwies sich das Auspulen der Bohnen, doch die Arbeit lässt sich gut am Küchentisch in geselliger Runde verrichten. Verblüffend war dann, wie einfach sich Tofu herstellen lässt. Neben schon vorhandenen Küchengeräten wie Mixer und Kochtöpfen sind lediglich der Kauf einer kleinen Presse und das Gerinnungsmittel „Nigari“ erforderlich. Ein Video-Tutorial aus dem Internet zeigte uns Anfängern die einzelnen Arbeitsschritte. Und geschmacklich ist der eigene Tofu unschlagbar. Insofern haben wir die richtige Sojasorte bereits gefunden.

Gute Erträge & hoffnungsvolle Signale

Nach den ersten drei Jahren Gemeinschaftsgarten lässt sich eine überaus positive Bilanz ziehen: Wir haben viel erreicht. Unser Essen stammt aus dem eigenen Garten und ist vegetarisch.  Der Garten selbst hat sich zu einem Ort der Begegnung entwickelt: neugierig fragende Spaziergänger, ihren Traktor anhaltende Bauern, ein Erntedankgottesdienst mit Freunden und Bekannten, abendliche Gespräche am Grillfeuer. Und auch die Insekten scheinen sich bei uns wohlzufühlen – was angesichts der apokalyptischen Meldungen über den aktuellen Insektenschwund eine gewisse Hoffnung gibt. So ist die kleine Gerätehütte ein beliebter Nistplatz für Feldwespen geworden und am Flugloch eines Nestes der Erdwespe ließ sich bis weit in den Herbst hinein ein reger Flugbetrieb beobachten.
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Onlinetipp

Universität Hohenheim, Taifun-Tofu GmbH
1000 Gärten 2.0
Soja-Experiment
www.1000gaerten.de

 

Markus Heim

Jahrgang 1973, lernte den Beruf des Werkzeugmachers, studierte anschließend Maschinenbau und ist seit 2010 als freiberuflicher Konstrukteur für Werkzeugmaschinen und Automatisierungsanlagen tätig. Seit 2014 ist er ÖDP-Mitglied und beschäftigt sich mit der Postwachstumsökonomie und ihrer praktischen Umsetzung.

 

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