„Dass es zu wenig Arbeit gibt, ist ein  Märchen “


Ist die Einführung eines Grundeinkommens sinnvoll, wenn gleichzeitig viele wichtige gesellschaftliche Aufgaben nur schlecht bezahlt oder gar nicht erledigt werden? Wie würde sich die Situation dadurch verändern?

Interview mit Dr. Johannes Resch
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ÖkologiePolitik: Herr Dr. Resch, warum sind Sie gegen ein Grundeinkommen?

Dr. Johannes Resch: Ein Grundeinkommen lehne ich nicht grundsätzlich ab. Ich befürworte es sogar als Leistung für Kinder. Sie sollen spielen und lernen und nicht zu ihrem Unterhalt beitragen müssen. Unter ursprünglichen Bedingungen sind Kinder nicht zuletzt eine Investition zur Alterssicherung der eigenen Eltern. Deshalb waren sie Privatsache und wurden von den Eltern finanziert. Heute sind Kinder aufgrund des Umlageverfahrens die Grundlage der Alterssicherung für die ganze Gesellschaft, einschließlich der hohen Krankheits- und Pflegekosten. Deshalb ist ein staatlich finanziertes Grundeinkommen für Kinder und in Ausbildung befindliche junge Erwachsene durchaus sachgerecht.

Aber was halten Sie nun von einem Grundeinkommen für alle Erwachsene?

Diese Frage sollte nicht gestellt werden, solange gesellschaftlich wichtige Arbeit unbezahlt ist. Ich denke da in erster Linie an die Erziehungsarbeit der Eltern, die – knapp gerechnet – rund 25 % der gesamten gesellschaftlich relevanten Arbeit ausmacht. Es gibt aber auch an vielen Schulen Lehrermangel; die Polizei ist überlastet; Alte und Kranke werden oft nur mehr schlecht als recht versorgt. Hier für Abhilfe zu sorgen, ist wichtiger, als ein Grundeinkommen einzuführen.

Wird durch ein Grundeinkommen nicht auch die Erziehungsarbeit anerkannt?

Nein! Es ist psychologisch ein großer Unterschied, ob eine Leistung honoriert wird oder ob eine Zahlung bedingungslos erfolgt. Und es ist auch ein großer Unterschied, ob 68  Mio. Erwachsene ein Grundeinkommen erhalten oder 14 Mio. Eltern, die halb- oder ganztags Erziehungsarbeit leisten. Wenn jeder Erwachsene 1.000 Euro und jedes Kind 500 Euro Grundeinkommen pro Monat erhielten und dieses teilweise durch Wegfall der steuerlichen Grundfreibeträge, des Ehegattensplittings, des Kindergelds, des Elterngelds sowie zu 25 % durch höhere Verbrauchsteuern finanziert würde, dann blieben bei einer Familie mit zwei Elternteilen, drei Kindern im Alter von 0, 2 und 4 Jahren sowie einem Durchschnittsverdienst in Höhe von 32.600 Euro brutto von diesem Grundeinkommen letztlich für die ganze Familie pro Monat 851 Euro übrig. Die Ganztagsarbeit eines Elternteils wird also geringer bewertet als die Nichtarbeit des Nachbarn, der 1.000 Euro erhält. Die Familie muss mit ihren Steuern den in der Sonne sitzenden Nachbarn alimentieren: eine schreiende Ungerechtigkeit und ein verheerendes Signal an alle potenziellen jungen Eltern.

Wird ein Grundeinkommen nicht aufgrund der zahlreichen Arbeitsplätze, die durch Automatisierung und Digitalisierung verloren gehen, notwendig?

Der Wegfall von Arbeitsplätzen in Industrie und Verwaltung ist eine Riesenchance, denn es werden dann ja die Arbeitskräfte frei, die wir dringend zur Vermenschlichung unserer Gesellschaft im Erziehungs-, Bildungs- und Pflegebereich in und außerhalb der Familie brauchen. Dass es zu wenig Arbeit gibt, ist ein Märchen. Das Problem liegt in der falschen Gewichtung verschiedener Arbeit durch Überbewertung einerseits und Unterbewertung andererseits. Die Wertschöpfung aus der elterlichen Erziehungsarbeit wurde sachwidrig an Erwerbsarbeit gebunden. Diese wird seitdem doppelt bezahlt – durch Lohn und Rente – und umgekehrt die Erziehungsarbeit der Eltern fast gar nicht mehr. Diese leistungsfeindliche Fehlkonstruktion würde durch ein Grundeinkommen noch weiter verschlimmert. Helmut Kohls Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“ ist richtig, wird aber bisher immer extrem einseitig und ungerecht interpretiert: Kapitalgewinn wird höher bewertet als Erwerbslohn und mit niedrigeren Steuern belohnt. Und die Erwerbsarbeit wird höher bewertet als die Erziehungsarbeit und mit höheren Renten belohnt. Dadurch sind Eltern und Kinder in unserer Gesellschaft immer die Dummen – und das doppelt. Sie können weniger Kapital bilden und Kapitaleinkünfte erzielen, weil Kinder Geld kosten, und die späteren Rentenbeiträge ihrer Kinder kommen vor allem denjenigen zugute, die selbst keine Kinder haben. Genau besehen ist unser neoliberal und scheinsozial geprägtes System ein Fahrplan zur Zerstörung der Familie und damit letztlich der ganzen Gesellschaft. Wir brauchen deshalb mehr leistungsbezogene Bezahlung statt weniger – allerdings mit einer anderen, gerechteren Bewertung von Leistung.

Wie kam es dazu, dass der Leistungsbegriff derart missbraucht und pervertiert wurde?

Das liegt sicherlich auch daran, dass Wirtschafts- und Sozialpolitik in der Vergangenheit von Männern bestimmt wurden, die mehr vom Kapitaleinsatz und von der Erwerbsarbeit her denken. Die meist von Frauen geleistete Erziehungsarbeit erschien ihnen nicht so wichtig. Das war und ist jedoch ein verhängnisvoller Irrtum. Heute prägen zwar auch Frauen die Sozialpolitik; bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass viele von ihnen kein oder nur ein Kind haben. Aufgrund ihrer persönlichen Lebensverhältnisse haben sie dann oft die Denkweise der Männer übernommen – und damit auch deren Denkfehler.

Herr Dr. Resch, herzlichen Dank für das interessante Gespräch. 

 

Dr. Johannes Resch

Jahrgang 1940, studierte Medizin und arbeitete 20 Jahre als leitender Arzt eines Versorgungsamts. Von 2008 bis 2010 war er Sprecher der Bundesprogrammkommission der ÖDP. Zurzeit ist er unter anderem Vorsitzender ihres „Bundesarbeitskreises Familie, Soziales und Gesundheit“.

 

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Pablo Ziller

Pablo Ziller

Jahrgang 1984, ist Diplom-Politologe.

 

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