„Auf Gefahren hörbar hinweisen!“
22. September 2026
In China und den USA dominieren inzwischen autoritäre Versionen der Marktwirtschaft. Und in Deutschland werden die Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft untergraben. Ein katholischer Theologe und Wirtschaftsethiker warnt vor ihrem Kollaps und fordert eine entschlossene Rückbesinnung auf humanistische Werte.
Interview mit Prof. Dr. Dr. Elmar Nass
ÖkologiePolitik: Herr Prof. Nass, Sie veröffentlichten zwei Bücher über China. Warum?
Prof. Dr. Dr. Nass: Als katholischer Wirtschaftsethiker habe ich mich gefragt, was eigentlich das Wirtschaftssystem Chinas ausmacht. In der Präambel der chinesischen Verfassung wird es als „sozialistische Marktwirtschaft“ bezeichnet. Das klingt paradox. Und zugleich ist der Aufstieg Chinas vom Armenhaus zu einer führenden Wirtschaftsnation beeindruckend. Ich habe mich dann vor allem mit Texten des Staats- und Parteichefs Xi Jinping beschäftigt, die auf rund 3.000 Seiten seine Programmatik von Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung offenlegen. Das ist ebenso fesselnd wie erschreckend zu lesen. Marktwirtschaftliche Elemente wie etwa Unternehmertum, Privateigentum oder das Effizienzprinzip werden von ihren freiheitlichen Wurzeln abgetrennt und für einen autoritär-sozialistischen Plan adaptiert. Nach einem ersten Buch über die „sozialistische Marktwirtschaft“ habe ich ein zweites Werk folgen lassen, in dem ich mich noch mehr mit dem Menschen- und Gesellschaftsbild befasse, das grundsätzlich Richtung und Ziele von Chinas Politik offenlegt, sei es in Wirtschaft, Militär, Handelsbeziehungen, Bildung oder Völkerrecht.
Worin widerspricht das chinesische Leitbild der christlichen Soziallehre?
Xi will als autokratischer Herrscher einen großen chinesischen Traum verwirklichen. Einerseits soll das Land bis 2049 führende Weltmacht sein, andererseits soll die marxistische Idee einer atheistisch dominierten, klassenlosen Gesellschaft verwirklicht werden. Solch irdische Eschatologie ist totalitären Ideologien zu eigen. Sie widerspricht der christlichen Überzeugung, dass es ohne Gott kein Paradies auf Erden geben kann. Personale Freiheit wird kollektiver Ideologie unterworfen. Die Menschen sollen zu treuen Gefolgsleuten von Partei und Staatschef umerzogen werden. Oppositionelle werden offen als Abschaum und Parasiten bezeichnet. Das widerspricht einer christlichen Letztverantwortung vor Gott und dem zentralen Wert der Würde. Andere Kulturen gelten als minderwertig. Deren Ideale und Werte sollen zersetzt werden. Solch nationalistische Hybris widerspricht der Wertschätzung kultureller Vielfalt und ist ein frontaler Angriff auf den christlichen Glauben. Ziel ist es, dass die Länder der Welt Chinas Kultur bewundern und sich wie Vasallen davon abhängig machen. Das Recht des Stärkeren soll an die Stelle christlicher Tugenden wie Nächstenliebe sowie der Prinzipien von Solidarität und Subsidiarität treten. Durch Spionage, Lügen und Gewaltandrohung – etwa gegenüber Taiwan – wird eine Kultur der Angst verbreitet, national wie international. Wahrheit, Frieden und Freiheit werden mit Füßen getreten.
Wie beurteilen Sie die Situation in den USA?
Amerika wieder groß zu machen, ist Ziel von US-Präsident Donald Trump. Dabei müsste er den „American Dream“ einlösen. In der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 lesen wir in § 2: „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, dass zu diesen Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“ Diese Vision verspricht kein Paradies auf Erden. Trump will den großen Traum neu denken. Aus christlicher Sicht ist etwa sein Eintreten für den Lebensschutz zu begrüßen. Andere Akzente geben Anlass zur Sorge: Ob er wirklich an Gott glaubt? Sein autoritärer Führungsstil passt nicht zu den Idealen der Unabhängigkeitserklärung, ebenso wenig die Missachtung des geltenden Rechts. Wie er unliebsame Richter, Banker, Bischöfe oder andere Kritiker abkanzelt, widerspricht der Tugend des Respekts und der Würde. Trumps messianisches Auftreten vermittelt den Eindruck, dass er selbst das Paradies bringen wolle und nicht ein anderer. Nichts lag den Autoren der Konstitution ferner als solche Hybris. Das Recht des Stärkeren ist das libertäre Credo seiner Deals. Fehlende Selbstkritik, Narzissmus, Erpressung durch Zölle, Missachtung von Klimapolitik und fortlaufende Kriege sind die Instrumente. Trump hat einen Traum von Macht, der mit christlichen Werten wenig zu tun hat.
Wie beurteilen Sie die Situation in Deutschland?
Die Resilienz unserer freiheitlichen Demokratie hat Schaden genommen. Misstrauen in Eliten und Bedrohungen von außen öffnen einer Kultur aus Angst und Lügen die Tür. Damit erodieren wesentliche Wertegrundlagen der Sozialen Marktwirtschaft. Deren Grundidee ist es, Eigen- und Sozialverantwortung, sozialen Frieden, Wettbewerb und Sozialstaat zu vereinen. Das ist begründet in der christlichen Idee der vierfachen biblischen Verantwortung des Menschen vor Gott, vor sich, dem Nächsten und für die Schöpfung. Ohne diese Begründung verlieren Markt, Sozialstaat, Klimapolitik und irenische Idee des Zusammenlebens ihre humane Plausibilität. Schnell kann etwas anderes an deren Stelle gesetzt werden. Begründungsfreie Narrative gleich welcher Art, vernunftfreie KI-Evidenz oder aufgezwungene Fremdbestimmung durch China, USA o. a. könnten die gebliebenen Reste politischer Tugend zersetzen und ersetzen. Ich halte es deshalb für notwendig, dass geradlinige Personen in Politik, Wirtschaft, Kirchen und Kultur auf solche Gefahren hörbar hinweisen und sich für die beste Begründung humanistischer Freiheit starkmachen: Das ist das christlich-soziale Fundament, das den Menschen als Person in seiner Verantwortung, Begrenzung und gleichen Würde an Anfang und Ziel einer guten Gesellschaft stellt.
Ihr jüngstes Buch heißt „Europas Traum der Freiheit“. Was ist das für ein Traum?
Der Traum ist eine moralische Kulturidee: versöhnte Freundschaft. Er lernt aus der schmerzhaften Geschichte jahrhundertelanger Feindschaften, Kriege und Konflikte, aus den dunklen Erfahrungen von Kolonialismus, Vernichtung und Vertreibung. Er schließt einen moralischen Bund der Zuneigung, Treue, Solidarität und Verlässlichkeit. Dieser Traum ist freiheitlich und humanistisch. Er grenzt sich von den Diktaten der sogenannten kommunistischen „Völkerfreundschaften“ ab. Die freiheitliche Versöhnung der Völker geht Hand in Hand mit einer Versöhnung der humanistischen Traditionen, die Europas Kultur prägen und seine Werte begründen. Das sind vor allem die Philosophie der Antike, Christentum und freiheitliche Aufklärung. Diese Vielfalt guter Begründungen gleicher Werte bereichert und stärkt das Fundament. Sie ist unvereinbar mit einem ethischen Synkretismus oder einer Ideologie bloß behaupteter Werte. Der in versöhnter Freundschaft begründete europäische Humanismus drückt die gemeinsame Überzeugung aus, dass gesellschaftliches Leben und Recht von der Entfaltung jedes Menschen als Person verstanden werden müssen. So werden unbedingte Rechte und Pflichten des Menschen objektiv begründet. Weitere religiöse oder säkulare Humanismen sind unter diesen Prämissen als Freunde willkommen. Der Traum gibt dem Pfad der europäischen Kulturgeschichte eine Richtung. Ein europäischer Patriotismus tritt neben die lokalen Patriotismen und Kulturen. Der Gedanke der Versöhnung stärkt das Band einer reifen Freundschaft in Vielfalt zwischen Völkern, Menschen und Ideen. Zuerst gilt es, mit gutem Beispiel voranzugehen und inneren Frieden in einem irenischen Miteinander der Völker umzusetzen. Aus diesem Geist erwächst Resilienz gegenüber Gefahren von außen und die Kraft, sich selbstbewusst für einen stabilen Frieden und für eine wirksame Hilfe für notleidende Völker und Regionen der Welt einzusetzen. Der Traum gibt uns große Ziele auf, die uns einen und motivieren, unter Nutzung komparativer Vorteile das Beste zu dessen Gelingen einzubringen und so mit guten Gründen im Kampf der Kulturen wehrhaft an der Seite der Freiheit zu stehen.
Herr Prof. Nass, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
Buchtipps

Elmar Nass
Europas Traum der Freiheit
Für Einheit und Resilienz im globalen Kampf der Kulturen
Kohlhammer, März 2026
279 Seiten, 25.00 Euro
978-3-17-047235-8

Elmar Nass
Christliche KI-Ethik
Einführung in Grundlagen und Anwendung
Karl Alber, Februar 2026
270 Seiten, 29.00 Euro
978-3-495-98917-3

Elmar Nass
Der globale Puppenspieler
Die Vision von Xi Jinping und eine Antwort der Freiheit
Kohlhammer, September 2024
228 Seiten, 26.00 Euro
978-3-17-045205-3

Elmar Nass
Ziele und Werte „sozialistischer Marktwirtschaft“
Chinas Wirtschaft aus ordnungsethischer Sicht
Kohlhammer, Juni 2023
154 Seiten, 25.00 Euro
978-3-17-043747-3

Elmar Nass
Christliche Sozialethik
Orientierung, die Menschen (wieder) gewinnt
Kohlhammer, April 2020
382 Seiten, 39.00 Euro
978-3-17-037056-2








