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„Für Trump ist die EU eine Bedrohung“

Donald Trumps Politikstil wird meist als wirr, wankelmütig und unberechenbar angesehen. Und deshalb nicht verstanden. Dabei ist er damit oft erfolgreich. Einer seiner ehemaligen Berater hat Trumps‘ Methoden aus nächster Nähe kennengelernt, gründlich analysiert – und darüber ein Buch veröffentlicht.

Interview mit Prof. Jeffrey Sonnenfeld Ph.D.

 

Herr Prof. Sonnenfeld, warum haben Sie sich so intensiv mit Donald Trump beschäftigt?

Prof. Jeffrey Sonnenfeld: Ob die Leser ihn nun mögen, verabscheuen oder versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen – man muss anerkennen, dass Donald Trump einer der folgenschwersten Menschen auf diesem Planeten ist. Sein Führungsrepertoire ist gefährlich, muss aber verstanden werden. Bloß mit dem Finger auf ihn zu zeigen und ihn zu beschimpfen, löst keine Probleme. Es ist wichtig, die Person und ihre Methoden zu verstehen und herauszufinden, wo die Möglichkeiten für Widerstand und Korrektur liegen. Es gibt 10 vorhersehbare Hebel, an denen er zieht. Wir haben sie „Gebote“ genannt, weil er sich für gottgleich hält, und meinen damit die Methoden, die er immer wieder anwendet. Die Kenntnis dieser Instrumente hilft zu verstehen, warum und wie Trump tut, was er tut.

Was haben die von Ihnen analysierten Machtstrategien mit einer „Offenbarung“ gemeinsam? Und welche Rolle spielt Religion für das Handeln Trumps?

Trump glaubt an Verehrung und Glauben. Leider bringt er diese Verehrung nur sich selbst entgegen, und er glaubt – vielleicht sogar mit übermäßigem Selbstvertrauen – an sein eigenes, oft unqualifiziertes Urteilsvermögen. Er würdigt Experten herab. Seine Entscheidungsfindung basiert viel zu sehr auf seinen Instinkten, und das hat ihn während seiner gesamten Karriere geleitet. Die „10 Gebote“ sind die Werkzeuge in seiner „Leadership Toolbox“ – Methoden, denen er als unveränderlichen Pfaden folgt. Seine Strategien sind anders als die jedes anderen Führers. Er verhandelt nicht so, wie es ein Diplomat oder Wirtschaftsführer tun würde. Er organisiert ein großes Unternehmen nicht so, wie es ein anderer Großindustrieller, Militärbefehlshaber oder ein anderes Staatsoberhaupt mit seinen Organisationen tun würde. Trumps Methoden sind ganz und gar seine eigenen und einzigartig „trumpisch“. Er verlässt sich konsequent auf diese Methoden, bis hin zur völligen Abhängigkeit. Man muss sie verstehen, um ihn angemessen herauszufordern und mit dem von ihm absichtlich geschaffenen Chaos umzugehen.

Was ist das Prinzip hinter Trumps Prinzipienlosigkeit? Und warum sollten wir es kennen und verstehen?

Was EU-Führungskräften, deutschen Politikern und auch den amerikanischen Führungseliten bisher entgangen ist: Trumps Ziele decken sich nicht mit ihren. Seine Ziele bestehen nicht darin herauszufinden, wie man ein Land wohlhabender und sicherer macht oder weltweite Harmonie gewährleistet. Sie drehen sich vielmehr vollständig um die Vermehrung seiner eigenen Macht, seine Großartigkeit, seine Eitelkeit und seinen Stolz – und in gewissem Maße auch um seinen beträchtlich gesteigerten persönlichen Reichtum. Es gibt nur eines, was Trump mehr hasst, als Geld zu verlieren: Gesichtsverlust. Darin unterscheidet er sich von den meisten anderen Staats- und Regierungschefs. Menschen, die sich fragen, wie Trumps Handlungen einer nationalen Agenda dienen, stellen die falsche Frage. Die richtige Frage lautet: Wie dient dies der unmittelbaren Befriedigung und den Bedürfnissen von Trump? Wenn man Trump verstehen will, muss man dieses Grundprinzip verstehen.

Nur weil man das Muster nicht erkennt, heißt das nicht, dass keines existiert. Wie heißt es so schön: Chaos ist lediglich die Bezeichnung für eine Ordnung, die man nicht versteht. Trump versucht, Macht und Reichtum zu seinem eigenen Vorteil anzuhäufen, und er verfügt über vorhersehbare Mittel, dies zu tun. Andere Mittel setzt er nie ein. Was viele für impulsiv halten – weil es den Instinkten und Erfahrungen fast aller Führungskräfte aus verschiedensten Bereichen widerspricht –, ist es für ihn noch lange nicht. Die „Trump’schen Gebote“ sind bewusst gewählte Instrumente, die ihm manchmal nützen, oft auch nach hinten losgehen – doch die Ergebnisse bringen ihn nicht dazu, seinen Kurs zu ändern. Für einen Hammer ist alles ein Nagel! Und Trump wird die gleichen Methoden immer wieder einsetzen, bis hin zu einer fast schon überraschenden Vorhersehbarkeit.

Trump hat eine Affinität zu autoritären Führungsfiguren und deren Art der Machtausübung. Besteht die Gefahr, dass sich die USA in eine ähnliche Richtung wie Russland oder China entwickeln?

Trump teilt die Vorlieben und brutalen Instinkte vieler anderer Tyrannen der Geschichte. Indem er solche tyrannischen, autokratischen und destruktiven Führer verherrlicht, verwechselt er deren brutale Gewalt fälschlicherweise mit heroischer Führung – allein deshalb, weil sie auffällig und durchsetzungsstark ist. Er verwechselt Bekanntheit mit Verruf – sie alle waren berüchtigte, nicht heroische Anführer. Indem er sich mit solchen Führern identifiziert, verwirft er weitaus überzeugendere Vorbilder wie Nelson Mandela, Mahatma Gandhi, Winston Churchill, George Washington, Konrad Adenauer, Abraham Lincoln, Jacinda Ardern, Violeta Chamorro aus Nicaragua und Léopold Senghor aus dem Senegal. Diese Persönlichkeiten waren langfristig deutlich wirksamer, wurden – statt von ihrem eigenen Volk verachtet und gestürzt zu werden – aufrichtig verehrt und leben als gefeierte Legenden weiter. Die Persönlichkeiten, die Trump bewundert, werden hingegen häufig gefürchtet und geringgeschätzt. Auf der Liste der von Trump bewunderten Führer fehlt der ehemalige brasilianische Präsident Bolsonaro, der ebenfalls autokratische Praktiken zeigte, aber – ähnlich wie Viktor Orbán und Richard Nixon – letztlich den Willen seines Volkes respektierte, indem er freiwillig aus dem Amt schied. Trump kritisiert sie dafür, dass sie die Kontrolle abgegeben haben – etwas, wozu Putin oder Xi Jinping wohl kaum bereit wären. Das sollte der Welt eine ernste Warnung sein.

Die „Kunst“ des selbsternannten „Dealmakers“ erinnert mehr an Erpressung und Einschüchterung als an einen Austausch auf Augenhöhe, der die Interessen von Vertragspartnern in Einklang zu bringen versucht. Was kann die Diplomatie von Trump lernen?

Die Staats- und Regierungschefs der EU und Deutschlands sollten erkennen, dass Trump nicht darauf aus ist, Einheit zu schaffen. Tatsächlich ist die EU für ihn kein Verbündeter, sondern eine Bedrohung – denn kollektives Handeln ist für ihn eine Bedrohung, so mythisch wie das Kreuz für den Vampir. Kollektives Handeln kann Trumps aggressives Auftreten entmachten und unschädlich machen. Die NATO, die EU, der Business Roundtable – Trump weiß instinktiv, dass jede Art von kollektivem Handeln seitens solcher Organisationen einem Tyrannen die Stirn bieten und ihn zu Fall bringen kann.

Grundsätzlich verhandelt Trump anders als alle anderen. Sein Credo lautet: „Bei Kopf gewinne ich, bei Zahl verlierst du.“ In seiner Denkweise gibt es keine Win-win-Lösung. Er beginnt seine Verhandlungen nicht damit, eine Vertrauensbasis aufzubauen, sondern damit, seinem Gegenüber empfindlich zu schaden, damit alles andere danach erträglich erscheint. Deshalb greift Trump auch so häufig auf seine Lieblingstaktik „Teile und herrsche“ zurück. Worauf deutsche Politiker daher achten müssen, sind seine ständigen, unermüdlichen Bemühungen, eine Kluft zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen der EU und Großbritannien sowie zwischen der EU, Großbritannien und Kanada zu schaffen. Sein Ziel ist es, immer wieder Wege zu finden, um seine vermeintlichen Gegner daran zu hindern, gemeinsame Handlungsstrategien auf der Grundlage gemeinsamer Ziele zu entwickeln oder sich gemeinsam gegen seine Schikanen zu wehren.

Mit was müssen wir nach den Kongresswahlen im November und nach dem Ende der offiziellen Amtszeit rechnen?

Wir können davon ausgehen, dass die US Midterms 2026 nicht wie andere Wahlen verlaufen werden. Bereits 2016 versuchte er, den Wahlprozess durch Einmischungsversuche und die Anzweiflung ihrer Korrektheit zu destabilisieren – in der Annahme, er werde verlieren. Als er dann zu seiner eigenen Überraschung gewann, ließ er das fallen. Doch 2020, als er verlor, kehrte er zu seiner bewährten Taktik des „Bei Kopf gewinne ich, bei Zahl verlierst du“ zurück.

Er wird alles daransetzen, die Wahlen zu zentralisieren, um sie seiner nationalisierten Kontrolle zu unterwerfen. Zugleich wird er versuchen, Wählerinnen und Wähler, von denen er annimmt, dass sie ihm nicht wohlgesonnen sind, zu behindern und einzuschüchtern. Und versuchen, Stimmzettel unter seine Kontrolle zu bringen, um jene auszusondern, die ihm nicht gefallen. Wahrscheinlich wird er zudem über seinen Geheimdienst-Chef falsche Behauptungen über ausländische Einflussnahme verbreiten lassen, um durch seinen Justizminister eine Rechtfertigung für diese Zentralisierung von Macht zu erlangen – und dann seinen Verteidigungsminister, den er als Kriegsminister bezeichnet, dazu nutzen, rechtswidrig Bundestruppen einzusetzen.

Sollte es zu einem öffentlichen Aufschrei mit Massendemonstrationen von Hunderttausenden oder Millionen auf den Straßen kommen, würde ihn das vermutlich nicht abschrecken oder einschränken – anders als bei der Auflösung autokratischer Regime in Osteuropa –, sondern eher noch bestärken. Die Gerichte müssten anerkennen, dass solche Turbulenzen den Rückgriff auf Notstandsbefugnisse und erst recht auf den Insurrection Act begünstigen.

Das Interview führte Barbara Böhm, Mankau Verlag.

 

Prof. Jeffrey Sonnenfeld Ph.D., Steven Tian
Die 10 Gebote des Donald Trump
Wie er bekommt, was er will: Die Führungsstrategien des US-Präsidenten
Mankau, November 2026
320 Seiten, 24.90 Euro
978-3-86374-824-1

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