Russland: ein Scheinriese. Was folgt daraus?
21. Juni 2026
Europa kann sich nicht mehr auf die USA verlassen und muss selber für seine Sicherheit sorgen. Greenpeace hat deshalb seine im November 2024 erschienene Studie über die militärische Stärke der NATO und Russlands aktualisieren lassen – und die NATO ohne die USA betrachtet.
von Günther Hartmann
„Wer sich tief weiß, bemüht sich um Klarheit; wer der Menge tief scheinen möchte, bemüht sich um Dunkelheit. Denn die Menge hält alles für tief, dessen Grund sie nicht sehen kann: sie ist so furchtsam und geht so ungern ins Wasser.“ Dieser Aphorismus von Friedrich Nietzsche beschreibt sehr treffend die derzeitige Situation in Deutschland.
Ständig wird von einer „veränderten Bedrohungslage“ geraunt und daraus die Notwendigkeit abgeleitet, schnell massiv aufzurüsten. Der Rüstungsetat soll bis 2035 auf 5 % des BIP steigen – fast die Hälfte des gesamten Bundeshaushalts. Richtig begründet wird dies nie. Wird es für überflüssig gehalten? Oder für zu schwierig? Oder ist es gar nicht möglich?
Die neue Greenpeace-Studie „Europa allein zu Haus?“ bringt hier etwas Licht ins Dunkel. Sie analysiert die militärische Stärke der NATO ohne die USA und die Russlands. Und kommt zu einem klaren Ergebnis: „Die NATO-Staaten sind Russland auch ohne die USA in wesentlichen militärischen Kategorien überlegen.“
NATO ohne USA / Russland
Militärausgaben 2025: 626 / 190 Mrd. US-Dollar
Soldaten: 1,96 / 1,26 Mio.
Kampfflugzeuge: 2.215 / 1.064
Kriegsschiffe: 143 / 34
U-Boote: 74 / 53
Artillerie: 15.896 / 5.976
Kampfpanzer: 7.104 / 3.630
Gepanzerte Fahrzeuge: 30.030 / 9.910
Kampfhubschrauber: 428 / 335
Die russischen Militärausgaben betragen trotz des Ukrainekrieges, der ja stetig wertvolle militärische Ressourcen vernichtet, nicht einmal ein Drittel von dem, was die NATO-Staaten ohne die USA ausgeben. Und nicht einmal ein Achtel von dem, was die NATO-Staaten mit den USA ausgeben.
Russland stößt durch den Ukrainekrieg wirtschaftlich, technologisch und demografisch an seine Grenzen. Bei genauerem Hinsehen entpuppt es sich als ein Scheinriese, der wie Michael Endes Kinderbuchfigur Tur Tur immer kleiner wird, je näher man ihm kommt und je näher man ihn betrachtet.
Dieser Scheinriese ist aber vornehmlich ein Produkt unserer Politik und unserer Medien. Auf der einen Seite sieht jeder, dass Russland nicht einmal in der Lage ist, gegen die kleine Ukraine seine Kriegsziele zu erreichen. Auf der anderen Seite wird ihm zugetraut, die NATO anzugreifen – die ihm laut ihrem Generalsekretär Mark Rutte „unendlich überlegen“ ist. Sogar ein Überraschungsangriff über Portugal wird als möglich erachtet.
Effizienter aufrüsten
Dass sich Greenpeace mit militärischen Fragen beschäftigt, liegt auf der Hand: Schon das Militär an sich gehört zu den größten Ressourcenverbrauchern, Umweltverschmutzern und CO2-Emittenten – ein Krieg noch sehr viel mehr. Schon aus Umweltschutzgründen sollte so wenig wie möglich aufgerüstet und jeder Krieg tunlichst vermieden werden. Das dadurch einsparbare Geld wird dringend für Umweltschutz und andere gesellschaftliche Aufgaben benötigt.
Die Greenpeace-Studie geht deshalb auch der Frage nach, wie sich Europas Verteidigungsfähigkeit effizienter realisieren lässt. Und sieht in der „rüstungspolitischen Kleinstaaterei“ ein großes Problem. Europas Sicherheitspolitik leide „unter einem unkoordinierten und teuren Wettlauf um Rüstungsprojekte“.
Alexander Lurz, einer der drei Autoren: „Wer Europas Sicherheit allein mit immer mehr Milliarden garantieren will, übersieht die wahren Probleme: fehlende Kooperation, teure Doppelstrukturen und nationale Egoismen. Die EU-Länder achten penibel darauf, dass die heimische Industrie profitiert. Auch die neue Militärstrategie der Bundeswehr spart die notwendige Zusammenarbeit in Europa völlig aus. Diese nationalen Alleingänge verschwenden immense Ressourcen.“
Weniger Umweltschäden und mehr Geld für Umweltschutz durch eine Aufrüstung mit Augenmaß und mehr Effizienz – so lässt sich der Kerngedanke der Greenpeace-Studie zusammenfassen.
Warum nicht abrüsten?
Der Frage nach einer sinnvollen Sicherheitsstrategie geht die Greenpeace-Studie allerdings nicht nach. Der Begriff „militärisches Gleichgewicht“ taucht nicht auf, dabei war der während des Kalten Krieges von zentraler Bedeutung. Um die Logik des militärischen Gleichgewichts zu verstehen, muss man nur wissen: Der Verteidiger ist immer im Vorteil. Der Angreifer muss mindestens doppelt, besser dreimal so stark sein, um in angemessener Zeit einen klaren Sieg zu erringen.
Daraus folgt: Wenn die Streitkräfte zweier sich nicht freundschaftlich gegenüberstehender Mächte ungefähr gleich stark sind, muss keiner der beiden befürchten, vom anderen angegriffen zu werden. Da stellt sich nun angesichts der in der Greenpeace-Studie veröffentlichten Zahlen die Frage: Muss sich die NATO von Russland bedroht fühlen? Oder Russland von der NATO?
Die ständigen Warnungen vor einem baldigen Angriff Russlands auf die NATO wirken angesichts der Fakten höchst seltsam. Um einer Aufrüstungsspirale mit fatalen Umweltauswirkungen zu entgehen und zu einem militärischen Gleichgewicht zu gelangen, müssten wir eigentlich das Gegenteil von dem tun, was gerade geschieht: Abrüsten!
Was noch zu fragen wäre
Warum werden die in den Greenpeace-Studien zusammengestellten Fakten in den politischen Debatten bislang völlig ignoriert? Warum wird die Erzählung von der angeblichen Bedrohung durch Russland vehement weiterverbreitet? Warum wird sie so kritiklos akzeptiert? Und reproduziert? Welche Motive und Ziele stecken hinter den Aufrüstungsplänen?

Herbert Wulf, Alexander Lurz, Philip Steeg
Europa allein zu Haus?
Europas Sicherheitspolitik in Zeiten Donald Trumps
Greenpeace, Mai 2026
24 Seiten, kostenfrei downloadbar (1,6 MB)
www.greenpeace.de/frieden/kraeftevergleich-nato-russland
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Über die Greenpeace-Studie
Wann ist genug genug?
ÖkologiePolitik, 20.01.2025
www.t1p.de/n30re

