Mit KI lassen sich Fotos und Videos einfach, schnell und täuschend echt manipulieren. – Bild: Tumisu/pixabay.com

Demokratie & Recht

Deepfakes: Angriff auf die Wahrheit, Gefahr für unsere Demokratie

Die digitale Welt ist längst untrennbar mit unserem realen Leben verwoben. Ein großer Teil unseres Alltags findet online statt. Digitale Übergriffe haben deshalb reale, oft gravierende Folgen. Für einen wirkungsvollen Schutz ist es notwendig, die gesetzlichen Rahmenbedingungen konsequent zu ändern.

von Thomas Löb

 

Noch immer wird die Onlinewelt vielerorts wie ein rechtsfreier Raum behandelt. Auf sozialen Netzwerken oder Gaming-Plattformen werden Minderjährige binnen Minuten mit sexualisierten Inhalten konfrontiert, während Unternehmen wie Meta Milliarden mit fragwürdigen Anzeigen verdienen und von unregulierten Mechanismen profitieren, die Missbrauch begünstigen. Betroffene – zumeist Frauen – werden öffentlich diffamiert, psychisch zermürbt und sozial isoliert. Viele berichten, dass sie sich alleingelassen fühlen, was den Eindruck verstärkt, Täter hätten kaum Konsequenzen zu befürchten.

Verschlimmert wird die Situation durch sogenannte Deepfakes. Dieser Begriff setzt sich aus „Deep Learning“ und „Fake“ zusammen – tiefgehendes Lernen und gezieltes Fälschen. Gemeint sind täuschend echt wirkende, KI-manipulierte Bilder, Videos oder Audios, in denen Personen Dinge sagen oder tun, die sie nie gesagt oder getan haben. Wenige Dutzend Fotos genügen, um mithilfe von KI-Tools einen täuschend echten Face Swap zu erzeugen: das digitale Austauschen von Gesichtern in Videos, bei dem Mimik und Beleuchtung realistisch übernommen werden. Was früher Spezialsoftware und enorme Rechenleistung erforderte, gelingt heute mit frei verfügbaren Apps und einem handelsüblichen Laptop. Bekannt wurde Face Swap 2017 durch gefälschte Pornovideos von Scarlett Johansson und Emma Watson. Der wohl prominenteste Fall betraf dann 2024 Taylor Swift.

 

Schutz der Betroffenen stärken

In der ZDF-Reportage „Deepfake-Pornos: Das Geschäft mit dem Missbrauch“ sprach der bekannte Medienanwalt Christian Schertz 2024 über den Fall Collien Fernandes: „Ich muss offen gestehen, dass das, was wir jetzt machen können, nämlich versuchen, die Täter zu ermitteln, zu 90 Prozent ins Leere läuft. An die Deepfake-Plattformen kommen Sie faktisch nicht ran. Sie haben keinen, den Sie da in Haftung nehmen können. Die sitzen im Ausland. Die wissen, dass sie Unrecht tun. Und weil sie das wissen, nutzen sie alle Möglichkeiten, die das Internet bietet, um einer Haftbarkeit und einer Strafbarkeit zu entgehen.“

Schertz äußerte sich weiter gegenüber der ZDF-Redakteurin von „Die Spur“, Marie Bröckling: „Wir müssen das Recht ändern, um den Schutz der Betroffenen zu verstärken. Wir haben es bei der Hate Speech oder der Verbreitung von Fake News gesehen. Da hat der Gesetzgeber viel zu spät gehandelt. Jetzt haben wir ein weiteres Phänomen, diese Deepfake- und KI-Problematik. Bei Bildnissen und hier noch viel schlimmer: Deepfake-Pornos. Wo man ja nicht vergessen darf, dass das für die Betroffenen auch aufgrund der scheinbaren Authentizität des Bildmaterials furchtbar traumatisierend ist. Es ist eine mediale Vergewaltigung.“

Der Fall Fernandes zeigt die Tragweite digitaler Gewalt. Sie berichtet, dass ihr damaliger Ehemann jahrelang vermeintliche Nacktbilder und imitierte Stimmaufnahmen von ihr über Fake-Profile verbreitet und sogar E-Mails unter ihrem Namen an berufliche Kontakte versendet haben soll. 2026 erstattete sie in Palma de Mallorca Strafanzeige – weil dort die Gesetze opferfreundlicher sind und spezialisierte Staatsanwaltschaften existieren. In Deutschland kam sie hingegen mit ihrem Anliegen kaum voran.

Schauspielerin Sibel Kekilli, die seit mehr als 20 Jahren mit Fakes – etwa angeblichem Telefonsex – und massiven Onlineattacken konfrontiert ist, schreibt in der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Ich finde, den walk of shame sollen die Täter gehen, nicht die Opfer.“ Denn auch Kekilli hat Erfahrungen mit jenen gesammelt, die durch Untätigkeit solche Angriffe erst ermöglichen – etwa Mitarbeitende von Instagram oder Richterinnen und Richter, die die Vielzahl unbelegter Behauptungen über sie als Anlass nahmen, ihr eine Mitschuld zuzuschreiben. In ihrem „Zeit“-Beitrag hofft Kekilli, „dass der Ruf nach digitalen Gesetzen in der Folge des Falls Fernandes nicht gleich wieder abebbt und dass sich, wenn schon nicht die Gesellschaft, dann wenigstens die Rechtsprechung ändert.“

 

Untergrabung von Vertrauen

Deepfakes bedrohen nicht nur die Integrität einzelner Menschen, sondern untergraben das Vertrauen in Medien, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Sie sind ein direkter Angriff auf Wahrheit, Würde und die Grundlagen unseres demokratischen Zusammenlebens. Wenn wir nicht mehr sicher sein können, ob das, was wir sehen oder hören, authentisch ist, verlieren wir die gemeinsame Realität. Alles kann wahr sein – und alles kann eine Lüge sein. Doch Demokratie braucht Vertrauen. Und Vertrauen braucht Wahrhaftigkeit.

Eine wissenschaftliche Untersuchung des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zeigte bereits 2018, dass sich Falschinformationen schneller verbreiten als verifizierte Nachrichten. Prof. Christian Stöcker von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg warnt: „Wer überzeugende Fake-Pornos herstellen kann, kann auch andere Manipulationen fabrizieren.“ Er hält es für wahrscheinlich, dass solche Videos künftig Journalisten zugespielt werden: „Videos, die einen Politiker dabei zeigen, wie er sich schmieren lässt, wie er mit einer Prostituierten ein Haus betritt oder was auch immer. Propaganda wird sich auch auf dieses Feld erweitern.“

 

Strengere Gesetze notwendig

Im Umgang mit Deepfakes zeigt sich das rechtliche Versagen in Deutschland. Obwohl die Technologie massenhaft zur sexualisierten Erniedrigung eingesetzt wird, gelten solche Fälle rechtlich oft als Bagatellen, als harmlose Bildmanipulationen. Diese juristische Blindheit ignoriert, dass ein einziges manipuliertes Video ausreichen kann, um Existenzen zu zerstören. Während die technische Qualität der Fälschungen rasant steigt, bleibt die Gesetzgebung im analogen Denken stecken. Das Ergebnis ist ein digitaler Raum, in dem Täter kaum Konsequenzen fürchten.

Spanien könnte ein juristisches Vorbild sein: In den vergangenen Jahren wurde dort ein deutlich strengerer Rechtsrahmen geschaffen, insbesondere im Bereich digitaler Gewalt. Verfahren werden schneller geführt, Strafen für das Verbreiten intimer Inhalte ohne Zustimmung sind härter, und Polizei sowie Justiz verfügen über spezialisierte Einheiten. Betroffene erhalten mehr Schutz, etwa durch restriktive Auflagen für Täter und klar definierte Verantwortlichkeiten für Plattformen.

Auch andere Länder sind bei Deepfakes weiter als Deutschland. Seit 2026 gibt es die weltweit mit am strengsten Regelungen in Großbritannien, wo die Erstellung sexueller Deepfakes ohne Einwilligung strafbar ist. Zusätzlich gibt es eine harte Plattformaufsicht durch die Behörde Office of Communications (Ofcom) mit Bußgeldern bis zu 18 Mio. Pfund oder 10 % des weltweiten Umsatzes. Dort können sogar gerichtliche Maßnahmen gegen Plattformen erwirkt werden. Australien wiederum bietet einen deutlich umfassenderen Opferschutz als Deutschland: schnelle Löschmechanismen, zivilrechtliche Ansprüche, strafrechtliche Sanktionen.

Dänemark zeigt, wie moderner Persönlichkeitsschutz im Digitalen aussehen kann: Wer dort durch Deepfakes geschädigt wird, soll zivilrechtlich Ansprüche auf Entschädigung geltend machen können – etwa bei Rufschädigung oder wirtschaftlichem Schaden. Ein einklagbares Recht auf Stimme, Gesicht und Körper im Netz. Satirische und künstlerische Deepfakes bleiben zulässig, solange sie klar erkennbar sind – vorsätzliche Irreführung hingegen muss hart bestraft werden.

 

Aktueller Gesetzentwurf

Die Bundesregierung hat im März 2026 einen Entwurf für ein digitales Gewaltschutzgesetz vorgelegt. Vorgesehen sind Verschärfungen in den §§ 184k und 201b StGB, die erstmals die Herstellung sexualisierter Deepfakes sowie KI-basierte Persönlichkeitsrechtsverletzungen spezifisch unter Strafe stellen sollen. Beim Thema „sexualisierte Deepfakes“ geht der Entwurf sogar über die EU-Vorgaben hinaus, die Deutschland bis Mitte 2027 ohnehin umsetzen muss. Die EU-Richtlinie sieht Mindeststrafen nur für das Verbreiten solcher Inhalte vor – und auch nur dann, wenn ein schwerer Schaden für die betroffene Person entsteht. Das Bundesjustizministerium plant hingegen eine Strafbarkeit bereits für das Herstellen.

Doch dieser Gesetzesentwurf darf nur lediglich ein Anfang sein. Eine Petition der Organisation Digitalcourage, unterstützt von vielen prominenten Erstunterzeichnern, fordert eine noch konsequentere Ausweitung:
1. eine breitere Strafbarkeit von Deepfakes
2. eine stärkere Regulierung von Plattformen
3. höhere Strafrahmen
4. präventive Maßnahmen und technologieoffene Gesetze
5. den Schutz demokratischer Prozesse

 


Onlinetipps

Digitalcourage e.V.
Anti-Deepfake-Petition
23.03.2026
www.t1p.de/8uscz

Julia Engels
Die Realität hat ein Echtheitsproblem
Telepolis, 09.05.2026
https://telepolis.de/-11282010

Wassilis Aswestopoulos
Sind Deepfakes neu in unserem Leben?
Telepolis, 20.04.2026
https://telepolis.de/-11261882

Marcus Schwarzbach
Deepfake-Betrug : Warum Sie Ihrem Chef nicht mehr trauen können
Telepolis, 01.03.2026
https://telepolis.de/-11187530

Die Spur, Folge 63
Deepfake-Pornos: Das Geschäft mit dem Missbrauch

ZDF, 11.12.2024
www.t1p.de/tlzx1

Die Spur, Folge 62
Deepfake-Pornos: Die Jagd nach den Tätern
ZDF, 11.12.2024
www.t1p.de/p9qcy


 

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