„Ein Bürger, der nicht kämpft, ist keiner!“
2. September 2026
Nach seiner viel diskutierten Analyse des linkliberalen Milieus schrieb der Journalist Ulf Poschardt nun eine weitere: nicht über ein Milieu, sondern über eine in der bürgerlichen Mitte verbreitete Mentalität, einen Charaktertyp. Den nennt er spöttisch „Bückbürger“. Und meint damit rückgradlose Opportunisten.
von Günther Hartmann
Warum der Journalist Ulf Poschardt mit dem linksliberalen Milieu und dessen Ideologien und Selbstgerechtigkeit nicht viel anfangen kann, hat er in seinem letztes Jahr erschienenen Bestseller „Shitbürgertum“ ausführlich dargelegt. Dass dieses Milieu im Kultur- und Bildungsbereich heute tonangebend ist, wurmt ihn. Als Ursache vermutet er eine zu geringe Gegenwehr der bürgerlichen Mitte. Die unterzieht er deshalb in seinem neuen Buch „Bückbürgertum“ einer gründlichen Analyse.
Diese Analyse reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. „Es fehlte die bürgerliche Revolution, die politische und geistige Selbstermächtigung“, vermutet Poschardt. Mangels bürgerlicher Tradition blieb der Untertan ein verbreiteter Charaktertyp. „Er beugt sich vor jedem Herrscher: in der Kaiserzeit vor dem Monarchen, in der sozialistischen Revolution vor den Arbeiter- und Soldatenräten, dann vor den Nazis, der Stasi, dem Zeitgeist.“
Immanuel Kant: bückbürgerkritische Philosophie
Als Kritiker des deutschen Untertanengeists führt Poschardt unter anderem den Philosophen Immanuel Kant an. Er betont dessen Auffassung, dass den Menschen ihre Mündigkeit in der Regel nicht verboten wird, sondern dass sie zu bequem und zu faul sind, sich mündig zu machen. „Wer sich aber zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, dass er mit Füßen getreten wird“, zitiert er aus Kants „Metaphysik der Sitten“.
Nicht zu kriechen, war für Kant eine Pflicht des Menschen gegenüber sich selbst. Wer vor ihr wegtaucht, verliert sich. „Werdet nicht des Menschen Knechte“, forderte er seine Zeitgenossen auf. Das Bücken und Kriechen sah Kant bei den Deutschen „unter allen Völkern der Erde“ am weitesten entwickelt. Menschenwürde war für ihn etwas, was selbst erarbeitet und gegen Widerstände erkämpft werden muss.
Für Poschardt hat sich seit Kants Kritik nicht viel verändert. Die Babyboomer-Generation „wollte keine Utopien, keine Revolutionen, keine Totalität mehr – sie wollte Ruhe“. Was wie Gelassenheit aussah, wurde zur Gleichgültigkeit. „Die Boomer haben gelernt, Konflikte zu verwalten, statt sie auszutragen. Sie haben aus der Dialektik von Streit und Konsens einen faden Dauerkompromiss gemacht. Damit wurde die Gesellschaft weniger friedlich als konfliktscheu.“
Dass heute gerne moralisiert wird, dient für Poschardt vor allem der Konstruktion einer Zweiklassengesellschaft: „Die Anständigen bilden die Oberschicht, die Unanständigen die Unterschicht. Der Spießbürger liebt die Moral, weil sie ihm Halt gibt. Sie ist sein Geländer im Treppenhaus der Moderne. Moral heißt für ihn: richtig stehen, korrekt sprechen, die richtigen Feinde haben. Sie ist nicht das Ergebnis von Denken, sondern von Milieudistinktion. Der Spießbürger fragt nicht nach Prinzipien, sondern nach Anschlussfähigkeit. Moral ist hier kein Anspruch an das eigene Handeln, sondern ein Instrument der Selbstvergewisserung.“
Als Gegenbild führt Poschardt zwei Intellektuelle an, die sich 2004 in der Katholischen Akademie München zu einem öffentlichen Streitgespräch trafen: Joseph Ratzinger und Jürgen Habermas. Auf dieses Gespräch geht er ausführlich ein. Ratzinger warnte darin vor einem wachsenden Werterelativismus, Habermas vor den Gegnern herrschaftsfreier Kommunikation. Die Demokratie lebt von öffentlichen Diskursen, von der Überzeugungskraft der besseren Argumente, nicht von Ausgrenzung, nicht von Cancel-Culture.
Inzwischen prägen Werterelativismus, Cancel-Culture und ein ausgeprägter Opportunismus unsere Gesellschaft, findet Poschardt. Ein Symbol für den kollektiven Verlust des Rückgrads ist für ihn der „Tube Man“ – eine Werbefigur aus luftdichtem Stoff, die durch ein Gebläse aufgerichtet wird und dann im Wind wabbelt und zappelt.
Angela Merkels Regierungsstil: bückbürgergerechte Politik
In Angela Merkel sieht Poschardt den „Tube Man“-Charakter im Kanzleramt angekommen: „Sie ging nicht mehr voran, sondern folgte den wenigen Möglichkeiten, die ihr opportunistisches Verständnis von Politik und staatlichem Management ihr ließen.“ Alle ihre Überlegungen und Entscheidungen dienten vornehmlich der Machterhaltung und -absicherung.
Merkels Strategie war die asymmetrische Wählerdemobilisierung durch bewussten Verzicht auf kontroverse Inhalte. Das sollte die Wähler abhalten, ihre Stimme konkurrierenden Parteien zu geben – mit fatalen Folgen. „Die Strategie der Wählerdemobilisierung lähmte den politischen Diskurs in der Mitte und stärkte die Ränder“, bemerkt Poschardt. „Sie trug entscheidend zur Entstehung und zum Aufstieg der AfD bei.“
Das Konzept der asymmetrischen Wählerdemobilisierung entstand durch die enge Zusammenarbeit mit dem Meinungsforscher Matthias Jung. „Merkel nutzte die Demoskopie als Ersatz eines Wahlprogramms“, beschreibt Poschardt ihren Politikstil. „In dem Ausmaß, wie aus der Demoskopie eine Regierungslehre wurde, verloren inhaltliche Debatten an Bedeutung.“ Ihre Generalsekretäre sollten nicht vordenken, sondern sie beim Nudging unterstützen.
Das „Nudging“ funktionierte, weil die bürgerliche Mitte es breitwillig mit sich machen ließ: „Merkels Genialität lag darin, zu erkennen, wie gebückt das Bürgertum bereits war – und sich dann zu entschließen, diese Bürger nicht wieder aufzurichten, sondern sie im praktischen Bückmodus durch ihr Leben und dann im richtigen Moment in die Wahlkabine zu lotsen.“
Ausführlich geht Poschardt auf das seltsame Verhältnis zwischen Union und AfD ein. Jung sah nämlich im Aufstieg der AfD eine Chance für die Union. Weil dadurch alle Parteien Stimmen verlieren und weil sich die Union dadurch umso glaubwürdiger als Partei der Mitte inszenieren kann. Poschardt zitiert aus Jungs Strategiepapier: „Aus diesen Gründen kann sich das Erscheinen der AfD im politischen System mehr als Segen denn als Fluch für die Union erweisen.“ So kann man sich täuschen.
Nach zwei Legislaturperioden holte sich Merkel den Politikberater Lutz Meyer ins Kanzleramt. Er perfektionierte ihre Methode: konsequente Vermeidung von kontroversen Themen, maximale Zustimmungsfähigkeit durch vage Positionen. „Merkel erkannte im wohlstandsverwöhnten Bückbürger ein politikaverses Konsenswesen, dem es um Ruhe, Ordnung und ein gutes Leben ging“, findet Poschardt.
Heutige Leitmedien: bückbürgergerechte Information
Eine wichtige Rolle spielen natürlich immer die großen Leitmedien. Die kennt Poschardt bestens, denn drei Jahrzehnte arbeitete er dort in Führungspositionen. Und er warnt: „Wer diese Medien unkritisch konsumiert, büßt sein Urteilsvermögen ein. Wer sich ausschließlich über den medialen Mainstream informiert, lebt desinformiert. Und viele Bückbürger haben sich in diese Desinformation gefügt, weil sie damit ihre tägliche Anpassung besser rationalisieren können – im Sinne jener Argumente, die ihnen eigentlich fremd, aber gesellschaftlich angesagt sind.“
Er zeigt auf, welches Selbstverständnis große Leitmedien heute haben und mit welchen Methoden sie die öffentliche Meinung zu beeinflussen versuchen. Ein Beispiel: „Zeit Online steht exemplarisch für einen neuen Typus von Journalismus: jung, woke, aktivistisch. Man inszeniert sich als moralische Instanz, verliert aber das Gespür für Differenz und Freiheit. Die neuen Zensoren wollen keine Debatte, sondern Disziplinierung. Sie schüchtern ein, statt zu überzeugen.“
Poschardt beklagt, dass sich die heutigen Medien weit von den Idealen der Aufklärung entfernt haben. Und beschreibt pointiert, was er damit meint: „Die Aufklärung hat zwei Stränge. Da ist zum einen die Idee eines Universalismus der Freiheit, der Demokratie und der Menschenrechte. Und zum anderen der Skeptizismus und Relativismus in Bezug auf ‚ewige Wahrheiten‘. Die Linke kapriziert sich zunehmend auf den zweiten Strang. Das Bürgertum versagt beim Festhalten am ersteren.“
Poschardts Schwäche: neoliberale Phrasendrescherei
Poschardt beendet sein Buch mit einem Aufruf: „Aufklärung ist Anfang des 21. Jahrhunderts der Ausgang des Bürgerlichen aus der selbstverschuldeten Gebücktheit. Der neue kategorische Imperativ heißt Kämpfen.“ Für was die bürgerliche Mitte aber kämpfen soll, bleibt das ganze Buch über ziemlich diffus. Konkrete politische Inhalte deutet er nur ab und zu an – und bleibt dabei irritierend oberflächlich und klischeehaft.
So bezeichnet er z. B. den Atomausstieg und die Energiewende als unüberlegt und überstürzt. Und tut so, als wäre diese Einschätzung eine Selbstverständlichkeit, die sich quasi automatisch aus einer konservativen Grundeinstellung und vernünftigen Überlegungen ableitet. Doch es gab und gibt auch im konservativen Lager seit jeher entschiedene Atomkraftgegner wie z. B. den Fernsehjournalisten Franz Alt, den Philosophen Robert Spämann und als politische Partei die ÖDP. Deren Argumente haben bis heute nichts an Richtigkeit eingebüßt.
Poschardts Stärke liegt in der Gesellschafts- und Kulturanalyse. Da ist er unkonventionell, eigensinnig und erfrischend. Da ist er bewandert und sieht Zusammenhänge, die anderen verborgen bleiben.
Für alle, die zwischen dem scharfsinnig beobachtenden und dem politisch irrlichtenden Poschardt unterscheiden können, sowie für alle, die es sich nicht gemütlich in einer Blase einrichten wollen, sondern ihr Denken und Handeln immer wieder selbstkritisch hinterfragen, ist sein „Bückbürgertum“ eine durchaus anregende und oft auch erhellende Lektüre. Man muss sich ja vor Poschardt nicht bücken.

Ulf Poschardt
Bückbürgertum
Westend, Juni 2026
352 Seiten, 27.00 Euro
978-3-98791-370-9
Onlinetipp
Über Ulf Poschardts
Shitbürgertum
ÖkologiePolitik, 08.09.2025
www.t1p.de/3ppj2

