Diskriminierung der Mütter


In den letzten Monaten erschienen zwei bemerkenswerte Bücher über das Muttersein in unserer heutigen Gesellschaft: „Die Abschaffung der Mutter“ von Alina Bronsky und Denise Wilk sowie „Die verkaufte Mutter“ von Sabine Mänken, Bettina Hellebrand und Gabriele Abel. Sie setzen sich für die Frauen ein, die sich dem Zugriff der Wirtschaft entziehen und lieber gute Erziehungsarbeit leisten.

Alina Bronsky hat vier und Denise Wilk hat sechs Kinder. Die beiden Autorinnen wissen also nur allzu gut aus eigener Erfahrung, wovon sie schreiben. Deshalb wiegt das, was sie zum „Muttersein“ zu sagen haben, vielleicht etwas schwerer, als wenn das Mütter mit „nur“ einem Kind tun. Sie zeigen, dass sie sich diskriminiert fühlen, weil sie Mütter sind. Auch Außenstehende können nachvollziehen, dass es hier nicht um Gefühlsduselei, sondern um ein zentrales gesellschaftliches Problem geht.

Das von Sabine Mänken und anderen herausgegebene Buch behandelt das gleiche Thema. Ob die Mutter „abgeschafft“ oder „verkauft“ wird, kommt aufs Gleiche raus. Beides sind Metaphern dafür, dass die Mutter als entbehrlich gilt. „Verkauft“ wurde früher die Arbeitskraft einer Sklavin. Sie hatte anderen zu dienen ohne einen Lohnanspruch, eben so wie die heutigen Mütter. Die „Freiheit der modernen Frau“ im Untertitel kann hier nur ironisch gemeint sein.

Keine Gleichberechtigung der Elternarbeit

Wie steht es aber nun um die „Gleichberechtigung der Geschlechter“? Bei nüchterner Betrachtung ist der Widerspruch zwischen dem Anspruch der Politik, wie er von allen Bundestagsparteien vertreten wird, und der Wirklichkeit unübersehbar. Zwar werden Mütter nicht diskriminiert, weil sie Frauen sind. Aber sie werden diskriminiert, weil sie Elternarbeit leisten. Übernimmt das der Vater, geht auch die Diskriminierung auf ihn über. Vordergründig besteht also keine Diskriminierung der Frauen, sondern der Elternarbeit.

Elternarbeit allerdings wird in Wirklichkeit immer noch ganz überwiegend von Frauen geleistet. So besteht mittelbar eben doch eine Ungleichbehandlung der Geschlechter. Die Politik sieht einen Ausweg darin, die Elternarbeit so weit wie möglich aus der Familie auszulagern – z. B. durch massiv einseitige Krippenfinanzierung – und den Rest gleichmäßig auf Mütter und Väter zu verteilen.

Selbst dann, wenn dieses Vorhaben gelänge, wäre nichts gewonnen. Eine Auslagerung der Erziehungsarbeit hilft nur denen, die sich der Regierungsauffassung unterordnen. Wer diese Bevormundung nicht will, wird zusätzlich benachteiligt. Bei Gleichverteilung der Elternarbeit auf beide Eltern wird aus der Diskriminierung der Mütter lediglich eine der Eltern.

Die regierungsamtliche Gleichstellungspolitik, die eine „gleiche Teilhabe der Geschlechter am Erwerbsleben“ anstrebt, ist schon von vornherein wirklichkeitsfremd. Sie geht von der Annahme aus, dass die größere Neigung der Mütter zur Erziehungsarbeit nur kulturell, also traditionell bedingt sei. Aber wer über biologische, psychologische oder medizinische Grundkenntnisse verfügt, weiß, dass es blanker Unsinn ist, die unterschiedliche Rollenverteilung nur oder bevorzugt durch Tradition zu erklären. Allerdings getrauen sich die wenigsten Fachleute, das auch offen zu sagen, weil sie nicht als „konservativ“ abgemeiert werden wollen.

Rentensystem besiegelt Ungerechtigkeit

Aber was ist mit dem Einwand, Elternarbeit sei doch immer eine ideelle Aufgabe gewesen und habe nie eine wirtschaftliche Gegenleistung erfahren? Hier liegt der entscheidende Denkfehler. Der Lohn der Elternarbeit war seit Jahrtausenden die Versorgung beider Eltern im Alter durch ihre Kinder. Erst unsere Sozialgesetzgebung hat das geändert, indem der Rentenanspruch gegenüber den Kindern sachwidrig an Erwerbsarbeit gebunden wurde.

Was ist nun davon zu halten, wenn Bronsky und Wilk fordern, dass Kontrolle, Manipulation und Abkassieren der Mütter „so nicht weitergehen darf“? Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wird ihre Forderung für berechtigt halten. Aber das allein wird wenig nutzen! Manipulation und Abkassieren sind nicht eine Folge mangelnden Gerechtigkeitssinns der Mitmenschen. Sie sind Folgen der gesellschaftlichen Bedingungen, die durch Gesetze fixiert sind.

Die heutigen Gesetze lassen keine Gleichberechtigung der Mütter zu. Keine der im Bundestag vertretenen Parteien zeigt irgendeine Initiative, daran etwas zu ändern. Weder die Auslagerung der Elternarbeit aus der Familie noch die „gleiche Teilhabe am Erwerbsleben“ noch die Gleichverteilung der Elternarbeit auf Mütter und Väter können einen echten Beitrag zur Gleichberechtigung der Geschlechter leisten. Das wird erst möglich werden, wenn die Elternarbeit der herkömmlichen Erwerbsarbeit gleichgestellt wird. Solange Frauen lediglich auf ihre Rolle im Erwerbsleben reduziert werden, bleibt Gleichberechtigung eine Illusion.

Wer eine Honorierung der Elternarbeit nicht will – und auch dafür gibt es gute Gründe –, der muss dann auch bereit sein, den Rentenanspruch gegenüber den erwachsen gewordenen Kindern wieder auf die Eltern zu beschränken. Wer keine Kinder hat, müsste dann das eigene Alter über eine Kapitalversicherung selbst absichern, die aus den gesparten Kinderkosten zu finanzieren wäre. Kosten und Nutzen müssen im Gleichgewicht stehen. Die Erziehung von zwei Kindern kostet etwa so viel wie die eigene Alterssicherung von zwei Personen durch gespartes Kapital.

 


Buchtipps:

Sabine Mänken, Bettina Hellebrand, Gabriele Abel
Die verkaufte Mutter
21 Erfahrungsberichte zur Freiheit der modernen Frau
Quell Edition, Juli 2015
128 Seiten, 14.90 Euro
978-3-9815402-5-3
http://www.familie-ist-kulturtat.de

Alina Bronsky, Denise Wilk
Die Abschaffung der Mutter
Kontrolliert, manipuliert und abkassiert –
warum es so nicht weitergehen darf
DVA, März 2016
256 Seiten, 17.99 Euro
978-3-421-04726-7

Dr. Johannes Resch

Jahrgang 1940, studierte Medizin und arbeitete 20 Jahre als leitender Arzt eines Versorgungsamts. Von 2008 bis 2010 war er Sprecher der Bundesprogrammkommission der ÖDP. Zurzeit ist er unter anderem Vorsitzender ihres „Bundesarbeitskreises Familie, Soziales und Gesundheit“.

 

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