„Kommunalpolitik auf unterster Ebene ist enorm wichtig“
11. März 2026
Bezirksausschüsse sind gewählte Gremien, die sich in einem Stadtteil um die dortigen Anliegen kümmern. In München war die ÖDP im Bezirksausschuss Bogenhausen von 2020 bis 2026 unter anderem mit einem Architektur-Professor vertreten. Was für Erfahrungen hat er da gemacht?
Interview mit Prof. Dr. Martin Düchs
ÖkologiePolitik: Herr Prof. Düchs, Sie traten nach 6 Jahren Mitgliedschaft im Bezirksausschuss Bogenhausen nicht mehr auf einem aussichtsreichen Listenplatz an. Warum?
Prof. Dr. Martin Düchs: Da waren zwei Faktoren ausschlaggebend. Zum einen bin ich beruflich sehr eingespannt und öfters nicht da. Das hat dazu geführt, dass ich immer wieder nicht zu Sitzungen kommen konnte. Zum Glück hat mein wunderbarer Bezirksausschuss-Kollege Hanspeter Fenzl mich immer vertreten und ist bei den Unterausschuss-Sitzungen eingesprungen, aber auf Dauer werde ich so meinem Mandat und damit den Wählerinnen und Wählern nicht gerecht. Politisches Engagement fordert auch auf der kommunalen Ebene großen Einsatz und lässt sich nicht so einfach nebenher machen. Zum anderen habe ich für mich zu oft das Gefühl gehabt, dass ich bei den größeren gesellschaftlich relevanten Themen nichts oder zu wenig bewirken kann. In Bogenhausen führt die CSU einen aus meiner Sicht ideologisch motivierten Kampf für das Auto und für Parkplätze und gegen den Ausbau der Trambahn. Das hat bis zu persönlichen Drohmails von CSU-nahen Personen gegen mich und andere Bezirksausschuss-Mitglieder geführt. Und ich muss zugeben: Das hat mich mürbe gemacht. In Zukunft möchte ich mich daher lieber anderweitig engagieren. Vor diesem Hintergrund: Volle Bewunderung und aufrichtigen Dank an alle, die sich in der Kommunalpolitik einbringen und nicht aufreiben lassen!
Was für Erfahrungen haben Sie in den 6 Jahren gemacht? Welche Erkenntnisse nehmen Sie mit?
Neben den negativen Seiten, die ich gerade erwähnt habe, gibt es auch viel Positives. Bei vielen konkreten und „kleineren“ Themen können sich alle demokratischen Parteien vernünftig zusammenraufen und Entscheidungen herbeiführen, die vor Ort Dinge verbessern. Da ist auch das kollegiale Verhältnis über Parteigrenzen hinweg in Ordnung und man ringt fair um die beste Lösung. Das ist dann Demokratie, wie sie sein soll. Bei allen Themen, die etwas grundsätzlicher werden, kann es aber auch schnell schwierig werden, wobei das dann von beiden Seiten ausgeht und die Gegenseite mich als schwierig empfinden dürfte. Die vermutlich wichtigste Erkenntnis ist aber die, dass die Kommunalpolitik auf unterster Ebene enorm wichtig ist, und zwar aus meiner Sicht gar nicht in erster Linie in dem, was sie konkret bewirken kann, sondern dafür, dass man miteinander im Gespräch bleibt. Demokratie braucht viele Leute, die sich engagieren, und zwar für die Sache und nicht – was man bisweilen auch sehen kann –, um etwas zu werden.
Haben Sie in den 6 Jahren so etwas wie ein städtebauliches Leitbild verfolgt?
Das habe ich in der Tat. Wissenschaftlich betrachtet ist es weitgehend unstrittig, dass im Neubau relativ dichte Quartiere mit gutem ÖPNV für Klima und Gemeinwohl am besten sind. Insofern habe ich Entwicklungen in diese Richtung unterstützt. Für den Bestand bedeutet das allerdings nicht, dass man auf Teufel komm raus verdichten sollte. Hier muss man immer im Detail hinschauen und prüfen, ob die vorgeschlagenen Projekte für das Quartier verträglich sind. Und viele sind das eben nicht, weil sie einfach nur die verkaufbare Fläche maximieren auf Kosten der ökologischen, ästhetischen und sozialen Aspekte. Im BA waren wir uns interessanterweise meistens parteiübergreifend einig und haben entsprechende Projekte abgelehnt. Viele davon wurden aber trotzdem gebaut, und auch das war eine frustrierende Erfahrung.
Inwieweit lässt sich eine nachhaltige Stadtentwicklung wissenschaftlich begründen und eruieren?
Man kann relativ leicht den Flächenverbrauch pro Einwohner für Gebäude und Straßen messen und Erhebungen über die private Mobilität durchführen. Außerdem spielen die Bautypologien eine Rolle hinsichtlich des weiteren Ressourcenverbrauchs. Insgesamt zeigt sich dann, dass Einfamilienhausteppiche auf dem Land in ökologischer Hinsicht viel schlechter abschneiden als zentrumsnahe Stadterweiterungen mit relativ dichtem Geschosswohnungsbau. Und auch in sozialer Hinsicht ist die letztgenannte Siedlungstypologie schlicht besser: Wohnungen, die sich auch eine Krankenschwester oder ein Polizist leisten kann, entstehen viel eher und in größerer Anzahl hier.
Sind die Bekämpfung der Wohnungsnot und der Naturschutz Zielkonflikte? Lassen die sich in Einklang bringen?
Auf den ersten Blick sieht das tatsächlich nach einem Zielkonflikt aus. Wenn ich neue Wohnungen baue, dann müssen die irgendwo stehen und das sind bei größeren Projekten dann häufig Ackerflächen. Und tatsächlich: Wenn ich mir eine Welt wünschen dürfte, würden wir gar nicht mehr bauen, nur noch umnützen, uns mit weniger zufrieden geben und die konventionell genutzten Ackerflächen in ökologisch wertvolle Flächen umwandeln. Gleichzeitig weiß ich, dass das ein Wunschdenken ist, und zwar eines, das man sich aus ökologischer Sicht und im Hinblick auf das Gemeinwohl eigentlich nicht leisten kann, weil das Ergebnis dann noch schlimmer sein wird. Wenn wir bei Kommunen, die unter hohem Bevölkerungsdruck stehen, nicht zentrumsnah Geschosswohnungen bauen, dann werden halt irgendwo auf dem Land darum herum mit den entsprechenden ökologischen und sozialen Kosten Einfamilienhausteppiche ausgerollt und das ist ökologisch, ästhetisch und sozial viel schlimmer. Die Ethik kennt die Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Die Gesinnungsethik lässt sich mit dem Grundsatz „fiat iustitia et pereat mundus“ beschreiben – es möge Gerechtigkeit geschehen, auch wenn die Welt darüber zugrunde geht. Die Verantwortungsethik dagegen plädiert dafür, das Beste aus einer nicht-idealen Situation herauszuholen. Ich würde immer für ein verantwortungsethisches Handeln plädieren. Und das bedeutet im Städtebau konkret, ökologisch sinnvoll geplante Stadterweiterungen einem weitgehend ungesteuerten Wachstum im Umland vorzuziehen. Untersuchungen zeigen ja auch, dass die Artenvielfalt in der Stadt bei entsprechend intelligenter Planung der Grünräume höher sein kann als auf konventionell genutzten Ackerflächen, die auf Ertragsmaximierung hin bewirtschaftet werden. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Bekämpfung der Wohnungsnot und der Naturschutz müssen nicht zwangsläufig kollidieren.
Herr Prof. Düchs, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
Buchtipps
Martin Düchs
Menschliche Architektur
Eine philosophische Annäherung
Springer, März 2026
ca. 600 Seiten, ca. 75,00 Euro
978-3-658-49815-3
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Klassiker der Ethik
Studienbuch
Karl Alber, Oktober 2022
276 Seiten, 26.00 Euro
978-3-495-49267-3
Eric-Oliver Mader, Julia Mang-Bohn (Hrsg.)
50+1 Architektonische Gewissensfragen
beantwortet von Dr. Martin Düchs
Dölling und Galitz, September 2019
248 Seiten, 22.00 Euro
978-3-86218-127-8
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