Die Europabrücke ermöglicht sehr viel Verkehr über die Alpen. Und der senkt die Lebensqualität. – Foto: Hans/pixabay.com

Kompass Orange

Was ist am Brenner los?

Musste das wirklich sein – den ganzen Tag Blockade? Wissen doch ohnehin alle, dass da viele Autos fahren. Dass die Deutschen mit ihrer Bürokratie den Basistunnel nicht voranbringen – dafür können doch wir Urlauber nichts! Und was hat‘s den Tirolern gebracht? Ein Tag Ruhe und dann alles wie immer …

Die Menschen am Brenner und an seinen „Zulauf“-Routen sind den Verkehr eigentlich seit Jahrtausenden gewöhnt. Der Verkehr hat ihnen die allermeiste Zeit genutzt, Arbeit und Einkommen verschafft, hat Menschen zueinander gebracht und vielfältigen Austausch von Waren und Ideen ermöglicht. Nicht verschwiegen darf werden, dass die günstige Alpenpassage auch Gegenstand von Konflikten und Kriegen war. Aber die meiste Zeit stand doch das Positive im Vordergrund: Man kam relativ schnell und bequem zu Fuß, mit Muli, Pferd, Kutsche, Fuhrwerk, Eisenbahn und endlich auch mit Fahrrad, Pkw und Lkw von Nord nach Süd und von Süd nach Nord.

Aber jetzt: Gestank, Lärm, Heimatverlust, Gesundheitsgefahr und kollektive Wut. Der heutige Irrsinn auf der Alpenpassage hat einen systemischen Grund; es zeigt sich hier das zentrale Problem der industrialisierten Moderne besonders deutlich: Sinnvolles Maß wurde durch Wachstumszwang ersetzt – und der führt überall zu einem belastenden Zuviel.

Die Bewegung der Waren und Personen macht die zwanghafte Vermehrung von allem nur sichtbar – das Problem selbst entsteht an anderer Stelle: Erst wenn eine vom Zwang der stetigen Aufblähung befreite und am Gemeinwohl orientierte Ökonomie eine Chance bekommt, wird auch der Verkehr abnehmen können. Der Basistunnel und die Elektrifizierung von Pkw und Lkw werden den Tirolern sicher Erleichterung bringen. Lärm und Feinstaub werden aber bleiben: Ein Ausbau der Autobahn (samt Abriss und Neubau der einst so gefeierten „Europabrücke“) wird schon fleißig geplant.

Nur eine Kultur der (Selbst-)Beschränkung kann am Brenner und überall Lösungen bringen. Unser Problem heißt: Zu viel.

 


 

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