Tech-Konzerne können steuern, welche Infos auf ihren Sozialen Medien erscheinen. – Bild: LoboStudioHamburg/pixabay.com

Gesellschaft & Kultur

„Ran an die Monopole!“

2020 war ein Kipppunkt: Seither informieren sich die Deutschen mehr übers Internet als über Printprodukte. Das bedeutet, dass die großen US-amerikanischen Tech-Konzerne die Meinungsbildung massiv beeinflussen können. Denn sie bestimmen, welche Inhalte auf ihren Plattformen sichtbar sind und welche nicht.

Interview mit apl. Prof. Dr. Martin Andree

 

ÖkologiePolitik: Herr Prof. Andree, sowohl die großen US-Tech-Konzerne als auch Rechtspopulisten wie Donald Trump und die AfD sehen die Meinungsfreiheit bedroht. Meinen die das Gleiche?

Prof. Dr. Martin Andree: Das Narrativ stammt ursprünglich von den Tech-Konzernen, wurde dann von netzaktivistischen Gruppierungen weiterentwickelt, typischerweise im Zusammenhang mit „Zensur“-Debatten zur potenziellen Sperrung von strafbaren Inhalten im Internet, dann von Trump aufgegriffen. Die AfD, aber auch libertäre Teile der FDP, die Springer-Medien und andere betreiben das Trump-Narrativ hierzulande wie ein Franchise – es ist tatsächlich weitestgehend von dort kopiert. Wichtig ist, dass unter dem Deckmantel einer angeblichen „Befreiung“ der Medien die Grundlage der Meinungsfreiheit selbst abgeschafft wird, nämlich die souveräne Gestaltung des öffentlichen Forums durch die demokratische Gemeinschaft – denn genau diese Souveränität wird ja von Trump und den Tech-Konzernen abgelehnt. Diese wollen das demokratische Forum selbst gestalten und kontrollieren.

Welchen Einfluss haben die US-Tech-Konzerne auf die öffentliche Meinungsbildung?

In digitalen Medien sind etwa 60 % der massenmedialen Aufmerksamkeit gebündelt, ein Großteil der demokratierelevanten Öffentlichkeit in den Monopolen der Tech-Konzerne.

Wie gelang es den US-Tech-Konzernen, den Wettbewerb und die Meinungsvielfalt abzuschaffen?

Sie haben zum einen die natürlichen Netzwerkeffekte genutzt und zum anderen nützliche Regelungen durchgedrückt. Netzwerkeffekte könnte man einfach durch offene Standards auskontern, die ja auch das World Wide Web die ersten 15 Jahre vor Monopolstrukturen bewahrt hat. Aber man hat den Tech-Konzernen erlaubt, ihre Plattform-Silos durch geschlossene Standards abzusichern. Man hat ihnen ferner ermöglicht, die Nutzer quasi in den Plattformen einzumauern, etwa durch die Herunterregelung von Outlinks. In meinem Buch „Big Tech muss weg“ beschreibe ich rund 15 solcher Kniffe und Tricks, mit denen die Tech-Konzerne offene Märkte und fairen Wettbewerb abgeschafft haben. Am schlimmsten ist, dass die Tech-Konzerne sich den Traffic einfach selbst zuschieben, weil ihnen die Gateways gehören – also etwa Google, das überproportional auf YouTube aus demselben Konzern weiterleitet. Diese Selbstbevorzugung haben auch unsere Messungen auf breiter Front belegt.

Wer profitiert außer den US-Tech-Konzernen von dieser Entwicklung?

Niemand.

Ist unsere Demokratie dadurch bedroht?

Die Medien konstituieren die Grundlage unserer Demokratie. Wenn es in der digitalen Welt Monopole gibt und die Tech-Konzerne diese nutzen, um Informationen für ihre eigenen Zwecke zu kontrollieren und zu manipulieren, dann haben wir keine freien Medien mehr. Dass Elon Musk für die AfD in Deutschland Wahlkampf über seine Plattform X macht, zeigt, dass dieser Zustand längst eingetreten ist.

Lässt sich diese negative Entwicklung stoppen und korrigieren?

Tragisch ist, dass man das tatsächlich recht einfach lösen könnte. Man müsste aber an die Kernprobleme ran – also an die Monopole –, indem man etwa die Tech-Konzerne dazu zwingt, ihre Plattformen für Outlinks komplett zu öffnen, damit auch Traffic außerhalb der Monopole wieder möglich wird. Man müsste sehr große Plattformen durch offene Standards interoperabel machen. Und man müsste den regulatorischen Grundfehler des Internets kurieren: dass nämlich milliardenschwere Wirtschaftsakteure bis heute mit strafbaren Inhalten Geld verdienen dürfen, ohne dafür zu haften. Das Haftungsprivileg könnte sogar fortbestehen – mit dem entscheidenden Unterschied, dass sich die Digitalkonzerne dann einfach entscheiden müssen, wie sie monetarisieren wollen. Wenn sie nicht haften wollen, kein Problem, dann sind sie eben Netzwerke, dürften aber keine Inhalte zu Geld machen wie redaktionelle Medien. Wenn sie lieber mit Inhalten Geld verdienen wollen – auch kein Problem, aber dann müssen sie haften.

Warum wurde von der Politik bislang nichts unternommen?

Weil es bis heute keine Debatte gibt. Und weil die unterschiedlichen kritischen Strömungen untereinander hoffnungslos unterschiedliche Visionen besitzen, wie ein freies Internet denn aussehen müsste. Nehmen Sie gern meinen Punkt oben zum Thema Haftung und fragen sie dazu mal Netzaktivisten: Viele denken bis heute, dass wir bei einer Haftung der Plattformen „das Ende des Internets, wie wir es kennen“ erleben würden. Das ist natürlich Quatsch. Erinnern Sie sich, als 2018 die Künstler und Autoren gegen die Ansprüche der Tech-Konzerne geschützt werden sollten: Es wurde in riesigen Demonstrationen – wohlgemerkt: für die Interessen der Tech-Konzerne! – durch die Netzcommunity ein „Ende des Internets, wie wir es kennen“ und „flächendeckende Zensur“ prophezeit. Die involvierten Politiker erhielten Morddrohungen. Die Regelung wurde dann trotzdem umgesetzt – und zwar ab dem 1. August 2021. Haben Sie irgendetwas bemerkt? Daran merken wir, wie kontraproduktiv die Blockade wichtiger Lösungsansätze durch Ideologie ist. Wir sind selbst schuld an dieser Misere.

Herr Prof. Andree, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

 


Buchtipps

Martin Andree
Krieg der Medien
Dark Tech und Populisten übernehmen die Macht
Campus, August 2025
256 Seiten, 28.00 Euro
978-3-593-52098-8
www.kriegdermedien.de

Martin Andree
Big Tech muss weg!
Die Digitalkonzerne zerstören Demokratie und Wirtschaft
Campus, August 2023
288 Seiten, 25.00 Euro
978-3-593-51754-4
www.bigtechmussweg.de

Martin Andree, Timo Thomsen
Atlas der digitalen Welt
Campus, September 2020
272 Seiten, 32.00 Euro
978-3-593-51271-6
www.atlasderdigitalenwelt.de


Onlinetipps

apl. Prof. Dr. Martin Andree, Prof. Dr. Karl-Nikolaus Peifer
Vorschläge für Maßnahmen zur Wiederherstellung von Vielfalt und Wettbewerb in digitalen Medienmärkten
– Medienstaatsvertrag –
www.mstv2go.de

Interview mit Martin Andree
Digitale Sicherheit
Neu Denken, 09.12.2025
http://y2u.be/k302KsDbcPc

Vortrag von Martin Andree
Krieg der Medien
TEDxFribourg, 24.11.2025
http://y2u.be/etZTCAhwCX8

Interview mit Martin Andree
Krieg der Medien
ZIB Magazin, 05.11.2025
http://y2u.be/p2D1fip02kM

Martin Andree, Karl-Nikolaus Peifer
Befreit das Netz
Süddeutsche Zeitung, 08.02.2024
www.t1p.de/4lhse

Vortrag von Martin Andree
Big Tech muss weg
Verlegerverband Schweizer Medien, 11.01.2023
http://y2u.be/7gIUaHXrf4U

Günther Burbach
Tech-Konzerne: Das System über dem System
NachDenkSeiten, 17.04.2026
www.nachdenkseiten.de/?p=149164

Detlef Koch
„Technofeudalismus“ – das Geschäftsmodell der Macht
NachDenkSeiten, 12.04.2026
www.nachdenkseiten.de/?p=148954

Günther Burbach
Zwischen Freiheit und Kontrolle: Wer bestimmt die Regeln der digitalen Welt?
NachDenkSeiten, 08.04.2026
www.nachdenkseiten.de/?p=148806

Bernardo Cantz
KI-Agenten kapern den demokratischen Diskurs
Telepolis, 15.03.2026
https://telepolis.de/-11211478


 

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