Profit-Lobbyisten der Wirtschaft aus verschiedenen Parteien als Marionetten-Figuren. Grafik: ChatGPT/Codex

Demokratie & RechtMeldungen

Nachruf auf Marco Bülow (1971–2026)

 „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass der Profit-Lobbyismus zerstört werden muss!“

Mit diesem Satz, bewusst angelehnt an Reden von Cato dem Älteren in Bezug auf Karthago, beendete Marco Bülow viele seiner Bundestagsreden. Es war mehr als eine rhetorische Zuspitzung – es stellt ein politisches Vermächtnis dar. Nun ist Marco Bülow krankheitsbedingt im Alter von nur 54 Jahren verstorben. Sein Tod ist ein tiefer Einschnitt für all jene, die an eine lebendige, unabhängige und am Gemeinwohl orientierte Demokratie glauben.

2002 zog der gebürtige Dortmunder im Alter von 31 Jahren erstmals für die SPD in den Deutschen Bundestag ein. Mit großem Engagement widmete er sich der Umwelt- und Energiepolitik, stets getragen von dem Anspruch, Politik im Interesse der Menschen zu gestalten. Doch im parlamentarischen Alltag erkannte er zunehmend die Schattenseiten politischer Entscheidungsprozesse sowie den systematischen Einfluss von Lobbyismus, Abhängigkeiten und stillen Anpassungsmechanismen.

Marco Bülow reagierte darauf mit Aufklärung und Widerstand. Den dominierenden Einfluss wirtschaftlicher Interessen bezeichnete er klar und unmissverständlich als „Profit-Lobbyismus“. In seinen Büchern, Initiativen und öffentlichen Beiträgen, etwa mit seiner Initiative „Lobbyland“, legte er offen, wie sehr demokratische Prozesse etwa durch die Einbindung von Wirtschaftskanzleien verzerrt werden, die im Auftrag von Unternehmen und Verbänden für die Regierung Gesetzesentwürfe schreiben. In seinem letzten Buch bekennt er, wie er fast auch zum Lobbyisten wurde und wie mit den Wählern gemeinsam politische Unabhängigkeit zurückgewonnen werden kann.

Ein zentrales Anliegen war ihm dabei stets die verfassungsrechtliche Rolle des Abgeordneten. Immer wieder verwies er auf Artikel 38 des Grundgesetzes: Abgeordnete sind ausschließlich ihrem Gewissen und nicht dem Fraktionszwang verpflichtet. Marco Bülow lebte diesen Anspruch auch gegen Widerstände in den eigenen Reihen konsequent. Seine Klarheit und Standhaftigkeit brachten ihm große Anerkennung im Wahlkreis ein: Fünfmal gewann er das Direktmandat in Dortmund. Der Austritt aus der SPD im Jahr 2018 war Ausdruck dieser Konsequenz. Er nahm bewusst den Verlust parteipolitischer Sicherheit in Kauf, um politisch glaubwürdig zu bleiben. Zeitweise arbeitete er als partei- und fraktionsloser Abgeordneter, später schloss er sich der Spaßpartei „DIE PARTEI“ an. Diesen Schritt ging er nicht aus Opportunismus, sondern um weiterhin wirksam Öffentlichkeit herzustellen. Macht, Status oder persönlicher Vorteil spielten für ihn dabei nie eine Rolle.

Über seine parlamentarische Arbeit hinaus war Marco Bülow ein unermüdlicher politischer Kommunikator. In seinem Podcast „LobbyLand“ erreichte er Menschen jenseits klassischer Politikformate, erklärte komplexe Zusammenhänge verständlich, sprach mit kritischem Blick über Lobbyismus, Demokratie und gesellschaftliche Verantwortung. Seinen Hörern und Lesern gab er das Gefühl, mit ihren Zweifeln und Fragen nicht allein zu sein. Auch in Interviews, unter anderem im vergangenen Jahr in der ÖkologiePolitik, zeigte er sich reflektiert, zugewandt und ermutigend. Er war kein Lautsprecher, sondern ein glaubwürdiger Mahner.

Mit Marco Bülow verliert die politische Öffentlichkeit nicht nur einen unbequemen Aufklärer, sondern einen Menschen, der anderen Mut machte, Haltung zu zeigen. Einen, der Demokratie nicht als abstraktes Prinzip verstand, sondern als tägliche Aufgabe. Er setzte sich für eine ausgeglichene Verteilung von Macht, Geld, Bildung, Ressourcen und Einfluss der „Dreieinigkeit von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik“ ein.

Gerade hierin liegt die bleibende Verbindung von Marco Bülow zur Arbeit der Ökologisch-Demokratischen Partei. Die ÖDP setzt sich seit jeher für eine Politik ein, die das Gemeinwohl über Einzelinteressen stellt und Bürgerbeteiligung insbesondere auf kommunaler Ebene stärkt. Dort, wo Menschen konkret betroffen sind, wo Demokratie erfahrbar wird und Vertrauen entsteht, beginnt die Erneuerung unseres politischen Systems. Nicht durch die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie, sondern durch die Ergänzung von Bürgerbeteiligung und Bürgermitverantwortung auf Augenhöhe sowie durch Bürgerbegehren und Volksentscheide in den Kommunen, in den Ländern und auf Bundesebene. Dieses Verständnis hat Marco Bülow mit der ÖDP geteilt und unabhängig von Parteien vielfach auch eingefordert.

Sein Vermächtnis verpflichtet uns zu Transparenz, zu Unabhängigkeit, zu demokratischer Teilhabe und zu einer Politik, die sich nicht kaufen lässt.

 

Marco Bülow fehlt.
Seine Haltung bleibt –
und lebt in der ÖDP weiter.

 


Buchtipps

Marco Bülow
Korrumpiert
Wie ich fast Lobbyist wurde und jetzt die Demokratie retten will
Westend, Februar 2025
208 Seiten, 20.00 Euro
978-3-86489-484-8

Marco Bülow
Lobbyland
Wie die Wirtschaft unsere Demokratie kauft
Das Neue Berlin, Oktober 2021
208 Seiten, 15.00 Euro
978-3-360-01378-1


Onlinetipps

Vortrag von Marco Bülow
Wie der Lobbyismus die Demokratie zerstört
ÖDP München, 15.04.2024
www.oedp-muenchen.de/service/vortraege

Interview mit Marco Bülow
„Der Clou am Lobbyismus ist: Er ist legale Korruption“
Overton, 19.05.2025
www.t1p.de/wc92h

Marco Bülow
Deutsche Rüstungspolitik: Fakten gegen Fake News
Telepolis, 19.04.2025
https://telepolis.de/-10356951

Marco Bülow
Demokratie-Demontage
Overton, 26.03.2025
www.t1p.de/kv74l

Interview mit Marco Bülow
„Wir müssen die Spielregeln des politischen Systems verändern!“
NachDenkSeiten, 24.03.2025
www.nachdenkseiten.de/?p=130628


 

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