Dialog über unsere Gegenwart
20. Mai 2026
Demokratie setzt die Bereitschaft voraus, in einem öffentlichen Meinungsbildungsprozess Gründe für und gegen bestimmte Auffassungen vorurteilsfrei wahrzunehmen und abzuwägen. Das erfordert die Bereitschaft zum Dialog. Was ein Dialog sein kann, zeigt ein kürzlich erschienenes Buch.
von Günther Hartmann
In der antiken griechischen Philosophie war der Dialog beliebt und wichtig – insbesondere bei Sokrates und bei Platon. Durch logisches Denken und den respektvollen Austausch von Gedanken, durch das gemeinsame Abwägen von Argumenten und Gegenargumenten sollten Widersprüche aufgedeckt und Unklarheiten beseitigt werden, um sich der Wahrheit nach und nach anzunähern, um sie zu entbergen und sichtbar werden zu lassen.
Unsere heutige Gesellschaft agiert zunehmend anders: Sie polarisiert sich und das Denken verflacht. Wahrheit wird nicht mühevoll gesucht, sondern durch Meinung ersetzt. Diese wird wie ein Besitz betrachtet, den es zu verteidigen gilt. Mit Kritikern wird nicht diskutiert, sondern versucht, diese zu canceln. Schubladen ersetzen das Argument. Zunehmender Realitätsverlust und ein Niedergang unserer demokratischen Kultur sind die Folge.
Umso erfreulicher, dass zwei Intellektuelle unserer Zeit den Dialog pflegen und einen Ausschnitt in einem Buch veröffentlichten: Florian Rötzer, Jahrgang 1953, freier Autor und Publizist, Mitgründer und langjähriger Chefredakteur des Online-Magazins „Telepolis“, heute Redakteur beim Online-Magazin „Overton“. Und Moshe Zuckermann, Jahrgang 1949, Sohn jüdischer Holocaust-Überlebender, seit 1990 Professor für Geschichte an der Universität Tel Aviv, inzwischen emeritiert.
Wie heute üblich, wurde der Dialog per E-Mail geführt – ein offener Gedankenaustausch ohne klaren Plan: über künstliche Intelligenz (KI), die angebliche „Zeitenwende“, postmoderne Philosophie, den Verfall unserer demokratischen Kultur, die Bedrohung der Meinungsfreiheit, das Verschwinden kritischer Diskurse, das Erstarken rechtsextremistischer Bewegungen und die Veränderung der öffentlichen Meinungsbildung durch eine veränderte Medienlandschaft.
Das ständige Hin und Her ist teilweise etwas mühsam zu lesen, teilweise aber auch erfrischend und anregend. Die vielen Ausführungen zusammenzufassen, ist allerdings kaum möglich und wird deshalb hier nicht versucht. Es sei nur gesagt: Lesenswert ist das Buch – wegen kluger Gedanken zu unserer Gegenwart und wegen der unzeitgemäßen literarischen Form.

Moshe Zuckermann, Florian Rötzer
In der Wüste der Gegenwart
Ein Dialog über KI, Krieg und die Aufgabe der Intellektuellen heute
Westend, Januar 2026
160 Seiten, 18.00 Euro
978-3-98791-359-4



