Gesetzliche Rente: Kein Auslaufmodell
13. Mai 2026
Die Rente scheint ein Problem zu kriegen: Immer weniger Junge müssen immer mehr Alte versorgen. Um die Jungen nicht zu überfordern, soll die gesetzliche Rente gekürzt werden. Klingt einleuchtend. Was dabei ausgeblendet wird und wie es anders ginge, erklärt eine Publikation des Wirtschaftsmagazins „Makroskop“.
von Günther Hartmann
Als ein Hauptproblem sehen die Autoren, dass die Produktivitätssteigerungen unbeachtet bleiben bzw. dass diese nicht zu entsprechenden Einkommenssteigerungen führen. „Steigt die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde schneller als der Rentneranteil, sind keine Abstriche bei der Rente notwendig und die Nettolöhne können steigen“, ist auf Seite 4 zu lesen. „Seit den 1980er-Jahren hinken die Löhne dem Produktivitätsfortschritt hinterher. Wir müssen wieder dahin zurück, dass Arbeitnehmer und Unternehmen gleichermaßen vom Produktivitätsfortschritt profitieren.“
Im Weiteren wird untersucht, welche Möglichkeiten der Staat hätte, die Produktivität zu steigern, für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen und das Niveau der gesetzlichen Rentenversicherung stabil auf 64-%-Niveau zu halten. Ein wichtiger Aspekt ist dabei für die Autoren auch, dass alle Erwerbstätigen ins gesetzliche Rentensystem einzahlen müssen – auch Selbstständige, Beamte und Mandatsträger. Zumal Beamte und Mandatsträger maßgeblich über das gesetzliche Rentensystem bestimmen.
Nachdem sie die Grundzüge einer sozial gerechten Rentenreform skizzierten, gehen die Autoren auf die drei größten Irrtümer in der Rentendebatte ein und stellen sie richtig:
Irrtum 1: Der Bevölkerungsbaum von 1900 war gesund, der heutige ist krank.
Irrtum 2: Das Demografieproblem ist neu.
Irrtum 3: Der Kapitalmarkt löst unsere Probleme.
Allerdings könnte es auch sein, dass es sich gar nicht um Irrtümer handelt, sondern um bewusst verbreitete Fehlinformationen. „Die Demografie-Angst wird im Zwanzigjahresrhythmus hervorgeholt, um den Leuten etwas wegzunehmen“, vermutet der emeritierte Statistik-Professor Gerd Bosbach, analysiert die ökonomischen Realitäten hinter der Rentendebatte, erläutert die Interessen der Finanzbranche und schildert die Kampagnen von deren Lobbyorganisationen.
Der frühere Gewerkschafter und heutige Sprecher der Initiative „RentenZukunft“ Reiner Heyse macht auf die Tücken eines kapitalbasierten Rentensystems aufmerksam: hohe Risiken für den Normalbürger, satte Profite für die Finanzindustrie. Und für die Realwirtschaft ist es schädlich. „Statt den Wirtschaftskreislauf durch Kapitaldeckung zu bremsen, sollte das solidarische Umlageverfahren gestärkt werden“, mahnt Heyse.
Auf die Risiken und Ineffizienz von Finanzprodukten geht auch der Volkswirt Hartmund Reiners ein. Er verweist auf die Finanzkrise von 2008 und erklärt, warum die private Vorsorge faktisch teurer ist als die gesetzliche Rentenversicherung.
Der Mathematiker, Volkswirt und frühere Staatssekretär Dr. Rolf Schmachtenberg wirft einen Blick in unsere Nachbarländer, demaskiert die Behauptung vom unaufhaltsamen Niedergang des gesetzlichen Rentensystems als krasse Fehlinterpretation und verdeutlicht, warum Deutschland bei der Altersvorsorge und -versorgung im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Staaten viel schlechter dasteht.
Das „Makroskop-Rentenpaket“ ist eine lesenswerte Publikation für alle, die das Gefühl haben, dass es in den aktuellen Rentengesprächen von CDU/CSU und SPD und den Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz nicht mehr ums Gemeinwohl, sondern um ganz andere Ziele geht. Mit fundiertem Fachwissen wird verständlich erläutert, warum das staatliche Rentensystem kein Auslaufmodell ist, sondern gegenüber den von der Bundesregierung favorisierten privatwirtschaftlichen Lösungen große Vorteile bietet.

Makroskop
Das Makroskop-Rentenpaket
17.04.2026
PDF, 20 Seiten
kostenfrei downloadbar
www.t1p.de/8vz0f
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