Wie Überwachung, Algorithmen und Bequemlichkeit unser Leben neu ordnen
24. Juni 2026
Im Jahr 2013 warnte das damals aufsehenerregende Buch „WebAttack“ vor der Totalüberwachung unserer Gesellschaft durch Digitalisierung. 2026 ist dies Realität, bereitet aber kaum jemandem Sorgen.
von Thomas Löb
Potsdam, ein grauer Vormittag: Eine ältere Dame schiebt ihren Rollator über das Kopfsteinpflaster des Alten Markts. Als barockes Herzstück wird er von prachtvollen Gebäuden wie dem Potsdamer Stadtschloss, dem Alten Rathaus und der berühmten Nikolaikirche umsäumt. Auf dem Marktplatz herrscht geschäftiges Treiben, Menschen kaufen Spargel, Brot, Blumen. Am Handgelenk der Frau blinkt eine Smartwatch, die jeden Schritt zählt, jede Herzfrequenz misst, jede Bewegung speichert. Sie bemerkt es kaum. Warum auch? Es ist bequem, praktisch, modern –ein Geschenk ihres Enkels.
Und doch erzählt dieses kleine Gerät eine größere Geschichte – eine Geschichte, die vor mehr als einem Jahrzehnt begann, als ein Publizist warnte: „Alles, wirklich alles, was wir erledigen, wird zentral gespeichert.“ Damals, 2013, klang das wie eine düstere Vision. Heute ist es Alltag. Heute wirkt es fast untertrieben.
Als Roman Maria Koidl vor 13 Jahren in seinem Buch „WebAttack – Der Staat als Stalker“ schrieb, dass der Staat uns quasi „ins Gehirn“ schaue, war die Empörung groß. Seine These war, dass der Staat in Zusammenarbeit mit Tech-Konzernen wie Apple, Google oder Amazon unsere Gehirne erobern würde. Dass alles, was wir am Computer oder an der Supermarktkasse erledigen, zentral gespeichert würde. Unsere Grundrechte hätten damit ausgedient. Alles zu einer Zeit,in der gerade die Edward-Snowden-Enthüllungen frisch auf dem Tisch lagen, die Angst vor Geheimdiensten greifbar war.
KI perfektioniert Datenanalyse
Doch während die Welt über NSA, Prism und Überwachung diskutierte, wuchs im Hintergrund etwas anderes heran – leiser, unscheinbarer, aber weit mächtiger: ein globales Ökosystem aus Daten, Algorithmen und Plattformen, das heute unser Leben prägt. Die Überwachung, vor der Koidl warnte, ist nicht verschwunden. Sie hat nur den Besitzer gewechselt. Wer heute durch eine deutsche Innenstadt läuft, wird von Kameras erfasst, die längst nicht mehr nur Bilder speichern. Sie analysieren Bewegungen, Muster, Verhaltensweisen. Nicht der Staat hat sie installiert, sondern private Betreiber, Ladenketten, Immobilienfirmen.
Die totale Überwachung, die Koidl befürchtete, ist nicht mehr sichtbar. Sie ist in die Dinge gewandert. War 2013 noch „Big Data“ das Schlagwort, ist es heute „künstliche Intelligenz“. Sie sortiert Bewerbungen, berechnet Kreditwürdigkeit, erkennt Betrug, filtert Nachrichten, steuert Werbung. Sie weiß, was wir wollen, bevor wir es wissen. Sie weiß, wohin wir fahren, bevor wir starten. Sie weiß, was wir kaufen, bevor wir den Gedanken fassen. Die Frage, die Koidl stellte – „Wer soll diese gigantischen Datenmengen überhaupt jemals lesen?“ –, hat sich erledigt. Es liest niemand. Denn die Daten werden in Sekundenbruchteilen automatisiert erfasst, analysiert und mit anderen Datenbanken sowie Texten verknüpft – vollständig systemisch, ohne menschliches Zutun.
Staat darf nur noch mitspielen
Koidl warnte damals vor einem Staat, der in Zusammenarbeit mit Konzernen unsere Gedankenwelt erobert. Die Realität ist komplizierter. Der Staat ist längst nicht mehr der Hauptakteur. Er ist ein Mitspieler – und oft ein überforderter. Er kämpft darum, die Macht der Plattformen zu regulieren, die längst eigene Regeln geschaffen haben. Die DSGVO war ein Anfang, der Digital Services Act ein weiterer Schritt. Doch die Geschwindigkeit der Technologie überholt die Gesetzgebung regelmäßig. Während Behörden noch Akten digitalisieren, entwickeln Konzerne KI-Modelle, die ganze Bevölkerungen analysieren können. Die Diktatur, die Koidl damals fürchtete, ist keine staatliche. Sie ist eine algorithmische.
Behörden nutzen KI-Systeme, die sie nicht selbst verstehen. Landesinnenminister kaufen für ihre Polizeibehörden Überwachungssoftware von privaten Firmen wie Palantir ein. Unsere Regierungsvertreter haben uns bundes- wie landesweit abhängig von undurchsichtigen Cloud-Anbietern gemacht. Deutsche wie europäische Gesetzgeber hinken technologischen Entwicklungen Jahre hinterher. Ein Beamter des Innenministeriums sagte mir jüngst hinter vorgehaltener Hand: „Wir regulieren Konzerne, die technisch weiter sind als alles, was wir in der Verwaltung haben. Wir sind immer zwei Schritte hinten.“ Die Macht liegt also nicht mehr in Parlamenten, sondern in Rechenzentren.
Erstaunlich wenig Widerstand
Vielleicht ist das Erstaunlichste an der Entwicklung, wie wenig Widerstand es gab. Die totale Überwachung kam nicht mit Gewalt, sondern mit Komfort. Nicht mit Drohungen, sondern mit Rabatten. Nicht mit Zwang, sondern mit Bequemlichkeit. Die Menschen haben ihre Daten und Privatsphäre nicht verloren. Sie haben sie eingetauscht. Denn die größte Bedrohung ist heute nicht die Überwachung selbst, sondern ihre Selbstverständlichkeit. Menschen tragen Fitness-Tracker, weil sie gesund leben wollen. Sie akzeptieren personalisierte Werbung, weil sie relevanter wirkt. Sie geben Daten preis, um Rabatte zu bekommen. Ein Soziologe der LMU München fasst es so zusammen: „Die Überwachung hat gewonnen, weil sie nützlich ist. Nicht weil sie mächtig ist.“
Die Überwachung, die Koidl beschrieb, war noch an Geräte gebunden: Smartphones, Computer, Kameras. 2026 ist sie in die Dinge selbst gewandert. Denn der Kühlschrank meldet, wann die Milch leer ist. Die Heizung weiß, wann jemand nach Hause kommt. Die neueste Autogeneration kennt jede Route, jede Pause, jede Geschwindigkeit. Unser überdimensional großer Smart-TV-Bildschirm erkennt Stimmen und Gesichter. Die populäre Alexa, der allseits beliebte Cloud-basierte Sprachassistent reagiert auf unsere Sprachbefehle, verarbeitet diese über künstliche Intelligenz und hilft vermeintlich uneigennützig, den Alltag effizienter zu gestalten.
Der smarte Lautsprecher hört zu – immer. Die Frage ist nicht mehr, ob Daten gesammelt werden. Die Frage ist, welches Gerät es gerade tut. Ein mir bekannter IT-Sicherheitsberater, der anonym bleiben möchte, sagt: „Die meisten Menschen haben heute 20 bis 40 Geräte im Haushalt, die permanent Daten senden. Viele wissen nicht einmal, dass sie existieren.“
Koidl warnte 2013 vor Identitätsdiebstahl und Erpressung. Die Realität ist heute weit gefährlicher. Deepfake-Erpressungen sind alltäglich. KI-generierte Stimmen täuschen selbst Familienmitglieder. Gesundheitsdaten werden auf Schwarzmärkten gehandelt und Angriffe auf Smarthomes können ganze Haushalte lahmlegen. Ein Cyberermittler aus Bayern berichtete mir: „Wir haben Fälle, in denen Kriminelle komplette digitale Identitäten übernehmen – inklusive biometrischer Daten.“ Die Kriminalität ist nicht nur größer geworden. Sie ist nun industrialisiert.
Verblüffend genaue Prognosen
Heute hat die künstliche Intelligenz die Überwachung auf ein neues Niveau gehoben. KI-Modelle analysieren nicht nur, was Menschen tun, sondern auch, was sie wahrscheinlich tun werden. Sie erkennen Muster, die selbst Experten nicht sehen könnten. Banken bewerten Kreditrisiken anhand digitaler Spuren. Versicherungen kalkulieren Tarife nach Bewegungsprofilen. Arbeitgeber prüfen Bewerber über algorithmische Risikobewertungen. Behörden nutzen KI zur „Gefahrenprognose“.
Ein Datenwissenschaftler aus München erklärte mir jüngst: „Wir haben Systeme, die mit 80 bis 90 % Genauigkeit vorhersagen können, ob jemand in den nächsten Monaten kündigt, umzieht oder einen Kredit braucht.“ Was früher Science-Fiction war, ist heute Geschäftsmodell. Was 2013 noch als dystopisch galt, ist 2026 banal. Was damals Angst machte, bereitet heute kaum noch jemandem Sorgen.
Die vielleicht gefährlichste Entwicklung ist die schleichende Gewöhnung. Denn Überwachung, unkontrollierte Datenweitergabe, algorithmische Entscheidungen und digitale Abhängigkeit sind normal geworden. Die digitale Kontrolle ist nicht mehr das Monster im Keller – sie ist der Mitbewohner, den man kaum bemerkt.
Buchtipp

Roman Maria Koidl
WebAttack
Der Staat als Stalker
Goldmann, Oktober 2013
89 Seiten, Kindle 3.99 Euro
978-3-641-13555-3
Onlinetipp
Roman Maria Koidl
Im Internet wird die Diktatur privatisiert
Cicero, 28.10.2013
www.t1p.de/bjgf8



