„Wir kennen die Algorithmen der Konzerne nicht“

Die Digitalisierung bestimmt unseren Alltag immer mehr, doch niemand weiß, was die IT-Konzerne mit unseren Daten alles machen und was sie damit noch vorhaben. – Grafik: geralt/pixabay.com

Die ökologische Transformation unserer Gesellschaft kommt nur langsam voran. Sehr viel schneller erfolgt dagegen die digitale Transformation. Sie verändert unser Leben, doch fast niemand überblickt, was da alles geschieht und wohin das führen könnte. Um hierüber aufzuklären, hat ein ehemaliger Spitzenmanager der IT-Branche ein Buch geschrieben.

Interview mit Andreas Dohmen
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ÖkologiePolitik: Herr Dohmen, seit unserem letzten Interview sind fast zwei Jahre vergangen. Was ist seither in der Welt der Digitalisierung passiert?

Andreas Dohmen: Die Digitalisierung ist in der Gesellschaft angekommen, in der Wirtschaft, in der Politik. Heute vergeht fast kein Tag mehr, in dem sie in den Medien nicht in irgendeiner Weise thematisiert wird. Vor zwei Jahren haben wir mehr eine Oberfläche wahrgenommen, heute sind wir mittendrin. Die Menschen spüren die Umwälzungen. Und dementsprechend stellen sie in meinen Vorträgen auch ganz andere Fragen. Vor ein paar Jahren war die Digitalisierung noch etwas Fremdes, regte die Fantasie an und führte zu sehr emotionalisierten Diskussionen. Heute ist die Digitalisierung schon etwas Alltägliches und die Diskussionen sind sehr viel realitätsnaher und pragmatischer.

Was hat Sie motiviert, ein Buch über die Digitalisierung zu schreiben?

Nach einem Vortrag auf einer Tagung in Stuttgart vor eineinhalb Jahren kam die Programmleiterin des Patmos Verlags auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, ein Buch über die Digitalisierung zu schreiben – aber so, wie ich gesprochen habe, also einfach und verständlich. Ein Buch, das das Thema „Digitalisierung“ in seiner Breite darstellt, nicht Ausschnitte in der Tiefe. Das hat mich gereizt. Und das habe ich dann gemacht.

Ist das nicht sehr schwierig, weil die Entwicklung schnell fortschreitet?

Ja, das war in der Tat die vielleicht größte Herausforderung. Viele im Buch behandelten Themen werden auch in ein paar Jahren noch ihre Gültigkeit haben, andere jedoch nicht. Deshalb baue ich gerade einen Blog auf, wo ich die Einträge dann immer wieder aktualisieren kann. Aber das Buchkonzept, die Digitalisierung in ihrer Breite darzustellen, erleichterte das Schreiben, weil ich eben nicht jeder technischen oder gesetzespolitischen Neuerung hinterherhecheln musste, sondern es vor allem darauf ankam, Zusammenhänge aufzuzeigen, verständlich zu erläutern und auf deren Relevanz für unser Leben und unsere demokratische Gesellschaft hinzuweisen. Das war für mich auch die entscheidende Motivation, dieses Buch zu schreiben. Ich wusste, es gibt viele gute und sehr gute Bücher zu Teilbereichen, aber noch kein gutes Buch, das erklärt, was diese miteinander zu tun haben, wie diese miteinander vernetzt sind. Ich habe bei meinen Vorträgen immer wieder gemerkt: Wenn man den Menschen dies verständlich erklärt, dann macht es bei ihnen klick.

Wo ist die Digitalisierung am innovativsten – in einem positiven Sinn?

Wahrscheinlich im medizinischen Bereich. Die Digitalisierung wird die Ärzte sicher nicht ersetzen, aber sie kann den Ärzten ihre Arbeit sehr erleichtern. Erstdiagnosen können vielleicht tatsächlich von einer Künstlichen Intelligenz (KI) durchgeführt werden. Und in 80 % aller Fälle genügt das dann auch. Und für die restlichen 20 % haben die Ärzte dann mehr Zeit. Und gerade für alte Menschen ist es oft das Schwierigste, überhaupt zum Arzt zu gelangen. Das Gespräch mit dem Arzt dauert dann nur 10 Minuten und ist oft ganz banal, aber der Weg zum Arzt ist lang und beschwerlich und mit dem Taxi auch recht teuer. Und dann gibt es oft noch lange Wartezeiten. Hier kann die Digitalisierung künftig helfen, Voruntersuchungen zu Hause durchzuführen, dem Arzt zu übermitteln und ihm auf der Grundlage einer großen medizinischen Datenbank Diagnose- und Behandlungsvorschläge zu unterbreiten. Das entlastet die Patienten, die Ärzte und unser Gesundheitssystem. Und in der Chirurgie ist es ja bereits schon seit Langem Realität, dass Roboter Operationen durchführen – natürlich gesteuert von einem Chirurgen. Das funktioniert hervorragend und hat sich bewährt. Nicht die Technik ist hier das Problem, sondern eher die von ihr erzeugten hohen Kosten.

Was läuft auf der politischen Ebene?

Auf dem vor ein paar Wochen stattgefundenen Digital-Gipfel ging es vor allem um die großen Online-Plattformen. Da hat Europa die Entwicklung verschlafen und deshalb gibt es aktuell eine bedenkliche Dominanz US-amerikanischer Konzerne. Nur China hat schon früh damit begonnen, dem eigene Entwicklungen entgegenzusetzen, um in keine Abhängigkeit zu geraten. Das will jetzt Europa auch tun. Damit unsere Daten bei uns in Europa bleiben und wir nicht der Willkür US-amerikanischer oder chinesischer Konzerne ausgesetzt sind. Denn was diese mit unseren Daten machen, da herrscht wenig Transparenz. Wir brauchen unbedingt auch ethische Richtlinien. Und die lassen sich am ehesten bei uns in Europa durchsetzen. Problem erkannt, Gefahr nicht gebannt. Aber Europa hat immer noch eine große Chance, da aufzuholen und etwas Besseres zu entwickeln. Etwas Besseres nicht in einem technischen, sondern in einem ethischen Sinn. Julian Nida-Rümelin fordert in seinem letzten Buch, das er mit seiner Frau geschrieben hat, einen Digitalen Humanismus. Seine Position ist durchaus für die Digitalisierung, aber für eine andere als die, welche die USA und China derzeit praktizieren.

Um was geht es dabei konkret?

Es geht um die Einhaltung von Menschenrechten, Bürgerrechten, Freiheitsrechten, und um mehr Transparenz bei den Algorithmen. Wir kennen die Algorithmen der großen Konzerne nicht. Und haben keine Ahnung, was die alles können und welche Ziele sie verfolgen. Gerade bei der vorhin genannten Medizin braucht es natürlich ganz strenge ethische Richtlinien, damit die Daten über den Gesundheitszustand bzw. die Krankheiten der Patienten nicht missbraucht werden können. Und es muss auch klare Grenzen geben, damit die Medizin nicht technokratisch wird, sondern immer der Arzt die Verantwortung trägt und Entscheidungen fällt. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz können ihm seine Arbeit jedoch sehr erleichtern.

Machen Digitalisierung und KI die Menschen kreativer?

Sie können Menschen kreativer machen. Sie befreien von langwieriger Recherchearbeit und machen den Kopf frei für die wichtigen Dinge. Mein Buch mit dieser großen Fülle an Themen und Informationen z. B. hätte ich in der kurzen Zeit von eineinhalb Jahren früher gar nicht schreiben können. Früher saß man für Informationen, die sich heute im Internet in wenigen Minuten recherchieren lassen, wochen- und monatelang in Bibliotheken und studierte Archivlisten und Bücher. Und umgekehrt lässt sich heute auch in ganz kurzer Zeit feststellen, ob Textpassagen kopiert sind. Mit Schummeleien kommt man heute also kaum mehr durch. Man ist somit gezwungen, kreativ zu sein und etwas Eigenes hervorzubringen.

Haben Sie keine Angst vor der Digitalisierung?

Digitalisierung an sich ist ja eigentlich an vielen Stellen nur hochkomplexe Mathematik. Was mir Angst macht, dass ist die Irrationalität der Menschen. Was mir Angst macht, das sind vor allem Politikertypen wie Donald Trump und Boris Johnson, die mithilfe der Digitalisierung eine viel fatalere Wirkung erzielen können als bereits ohne. Unsere Demokratie ist durch solche Menschenfänger ernsthaft gefährdet. Ihr Erfolgsrezept besteht darin, auf komplexe Fragen simple Antworten zu geben und diese durch ständige Wiederholung als wahr erscheinen zu lassen. Und die Digitalisierung kann ihnen bei der Umsetzung dieser Strategie leider enorm helfen. Stichworte: Fake News, Bots, Trolle, Deep-Fake-Videos.

Warum haben Sie mit Ende 50 begonnen, Philosophie zu studieren?

Philosophie zu studieren, war schon immer ein großer Traum von mir. Studiert habe ich als junger Mann aber Physik – und da stößt man auch immer wieder an die Grenzen des Verstehens und auf wissenschaftstheoretische und andere philosophische Fragen. Und nach jahrzehntelanger Tätigkeit als Manager bei großen IT-Konzernen haben mich dann in den letzten Jahren vor allem zwei Themen immer stärker interessiert. Das erste Thema ist die „Wirtschaft“ vor dem Hintergrund unserer Umweltprobleme, vor allem der Klimaerwärmung: Wie könnte ein anderes Wirtschaften aussehen? Was kann und soll bleiben? Was muss anders werden? Ist Wachstum die einzige Kenngröße für das Wohlergehen der Gesellschaft? Und das zweite Thema, das mich interessiert, ist „Digitalisierung und KI“. Da tauchen dann Fragen auf wie: Können Maschinen denken? Hat ein Roboter ein Bewusstsein? Die Digitalisierung wirft wieder die uralten Menschheitsfragen auf. Sie zwingt uns, über uns selbst nachzudenken. Und über Ethik und Moral. Was ist gut, was ist böse? Das ist äußerst spannend und faszinierend. Die Hochschule für Philosophie ist hierfür ideal. Auch weil hier noch vieles im positiven Sinn analog läuft und man sich nicht hinter seinen PowerPoint-Folien verstecken kann. Und weil man hier streng logisch und wissenschaftlich denken und argumentieren muss.

Was sollte auf politischer Ebene getan werden?

Wir brauchen erstens eine konkrete Vision, wie Deutschland im Jahr 2050 aussehen soll. Zweitens sollten wir Nachhaltigkeit und Digitalisierung koppeln, denn Letztere bietet große Chancen in vielen Bereichen, z. B. um Energie- und Rohstoffverbräuche zu senken. Und drittens müssen wir unser Wirtschaftssystem so umgestalten, dass dessen Exzesse verschwinden, dass es wieder dem Gemeinwohl dient – so wie es ja bereits in der Bayerischen Verfassung und vielen anderen Verfassungen verankert ist.

Wie schaffen wir es, unser Wirtschaftssystem umzugestalten?

Entscheidend ist, dass nicht nur darüber nachgedacht wird, wie ein besseres Wirtschaftssystem aussehen könnte und sollte, sondern auch darüber, wie die konkreten Schritte aussehen müssen, um dorthin zu gelangen. Wir brauchen einen detaillierten Fahrplan mit realisierbaren Maßnahmen. Und wir sollten klar dessen Konsequenzen aufzeigen. Denn „weniger“ bedeutet oft Verzicht und erfordert einen Bewusstseinswandel. Sonst wird die ökologische Transformation unserer Gesellschaft nicht gelingen.

Herr Dohmen, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
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Buchtipp

Andreas Dohmen
Wie digital wollen wir leben?
Die wichtigste Entscheidung für unsere Zukunft
Patmos, September 2019
272 Seiten, 24.00 Euro
978-3-8436-1151-0
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Onlinetipp

Interview mit Andreas Dohmen
„Die Entwicklung steht erst am Anfang“
ÖkologiePolitik, 13.03.2018
www.oekologiepolitik.de/2018/03/13/interview-die-entwicklung-steht-erst-am-anfang/

 

Andreas Dohmen

Jahrgang 1959, studierte Kernphysik, Informatik und Betriebswirtschaftslehre, war ab 1990 als Manager bei großen IT-Unternehmen tätig und arbeitet seit 2013 als selbstständiger Unternehmensberater und Coach. Nebenher studiert er an der Hochschule der Philosophie München, arbeitet als Dozent in der Industrie, an der Münchner Volkshochschule sowie der Wirtschaftshochschule FHAM und engagiert sich in sozialen Projekten.

 

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