Sinn und Unsinn
22. Mai 2026
Der Mensch lebt nicht vom Brot alleine, auch nicht von Chablis und Spargel oder Lottogewinnen. So nötig das Materielle ist, so nötig brauchen wir alle noch ganz anderes: Man nennt es Sinn. Weil es nicht materiell ist, kann man es nur schwer oder gar nicht berechnen, nicht portionieren oder in Bilanzen nachweisen. Aber es tut gut, wenn man es erlebt.
Liberale Demokratien tun sich schwer damit, nicht-materielle Ziele in die politische Debatte zu bringen. Das ist eine gefährliche Sackgasse: Weil man „Gesinnungs“-Diskurse – Was bedeutet eigentlich „gut leben“? – vermeiden möchte, schweigt man lieber zu Fragen von Sinn oder Unsinn, bleibt lieber im Bereich des Materiellen und redet nur noch über Mengen und Zahlen, über Gewinne und Verluste.
Die Gegner der liberalen Demokratie stoßen in diese Lücke. Sie scheuen sich nicht, Sinnkonzepte anzubieten. „Völkische Identität“ ist so ein Angebot. „Gesunder Menschenverstand“ wird auch gerne verkauft. Und vor allem: „Du bist so wie du bist o.k. Du musst dich nicht ändern. Andere sind an allem schuld. Sie behindern dein Glück.“
Der bedrohlich anwachsende rechts-extremistische Aufbruch braucht geistigen Widerspruch. Wer nur materielle Ziele als Gegen-Angebot hat, hat zu wenig! Wir sollten vor allem den Freiheitsbegriff des Grundgesetzes bei aktuellen Problemen „bewerben“. Beispiel: Angesichts der Wehrpflichtdebatte sind nicht nur junge Leute verständlicherweise besorgt. Selbst wenn demnächst vielleicht wieder Pflicht statt Freiwilligkeit gilt, bleibt doch die Verfassungsgarantie der Kriegsdienstverweigerung bestehen: Grundgesetz Artikel 12a. Gewissensfreiheit ist bei uns nämlich ein Staats-Ziel!
Und weil gerade Pfingsten ist – ein Fest der gelingenden Kommunikation – möchte ich dazu auffordern: Nutzen wir doch alle unsere Möglichkeiten! Gehen wir auf Menschen zu, um zuzuhören und um zu reden – über Freiheit und Verantwortung, über Ideen und Pläne, über Sinn und Unsinn.

