„Welches Szenario eintritt, ist eine Gestaltungsaufgabe“
15. September 2026
Durch den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) wird sich unsere Arbeitswelt stark verändern. Ob positiv oder negativ für das Gemeinwohl, liegt an den politischen Weichenstellungen. Ein ehemaliger Spitzenmanager der IT-Branche hat sich intensiv mit dieser Thematik befasst.
Interview mit Andreas Dohmen
ÖkologiePolitik: Herr Dohmen, wie verändert sich durch KI unsere Arbeitswelt?
Andreas Dohmen: KI verändert vor allem die Wissensarbeit – und damit erstmals systematisch die Tätigkeiten von Akademikern. Maschinen haben körperliche Arbeit übernommen, KI greift jetzt dort ein, wo Sprache, Analyse und das Verarbeiten großer Informationsmengen gefragt sind. Das betrifft Kanzleien, Steuerberatung, Programmierung, Journalismus und Teile der Medizin. In diesen Feldern ist KI uns oft überlegen – schneller, präziser und rund um die Uhr verfügbar.
Wer profitiert von KI?
Unternehmen, die KI klug in ihre Wertschöpfung integrieren. Und Wissensarbeiter mit hoher KI-Kompetenz. Innerhalb der Berufsgruppen wird es deutliche Polarisierungen geben zwischen denen, die KI für sich zu nutzen wissen, und denen, die das nicht können. Das Pensum, für das eine Kanzlei bisher 10 Mitarbeiter brauchte, wird sie künftig eventuell mit 3 leisten können. Die Trennlinie verläuft damit nicht mehr zwischen Berufen, sondern innerhalb von Berufen.
Wer verliert generell?
Gefährdet sind Routinetätigkeiten und standardisierte Aufgaben – auch hochqualifizierte. Besonders schwierig wird es für Berufseinsteiger. Bisher wuchsen junge Akademiker langsam in ein Unternehmen hinein, übernahmen anfangs einfachere Aufgaben und lernten dabei das Geschäft. Genau diese Einstiegsaufgaben übernimmt heute die KI. Damit fehlt jungen Menschen die Brücke in den Beruf. Wir riskieren eine Generation, die exzellent ausgebildet ist, aber kaum Einstiegspositionen findet, an denen sie wachsen kann.
Wer ist nicht oder kaum betroffen?
Berufe, in denen körperliche Präsenz, Empathie, situatives Urteil und persönliche Beziehung gefragt sind: Handwerk, Pflege, Erziehung, Therapie – und auch der Vertrieb, wo Vertrauen, Verhandlungsgeschick und das Lesen von Menschen über den Abschluss entscheiden. Ebenso Führungskräfte mit ausgeprägter Urteilskraft, die in widersprüchlichen Situationen abwägen und Verantwortung übernehmen. Bemerkenswert ist: Jene menschlichen Eigenschaften, die in der Effizienzlogik der letzten Jahrzehnte an den Rand gedrängt wurden, rücken wieder in den Mittelpunkt. Tätigkeiten, die lange als weniger prestigeträchtig galten, werden strukturell wichtiger und seltener. Das sollte sich auch in der Entlohnung niederschlagen.
Welche gesellschaftspolitischen Konsequenzen hat das?
Das hängt vom Saldo ab. Werden mehr Arbeitsplätze ersetzt als neue entstehen, brechen Lohnsteuereinnahmen weg – bei steigenden Sozialausgaben. Denkbar ist auch das Gegenteil: dass KI die Produktivität so stark steigert, dass Wohlstand und neue Beschäftigung entstehen – wie bei früheren technologischen Wellen. Welches Szenario eintritt, ist eine Gestaltungsaufgabe.
Was müsste getan werden, damit sich das positive Szenario einstellt?
Ich sehe vier Stellschrauben. Erstens Bildung: ein Umbau von Schule, Hochschule und Weiterbildung – weg von Wissensvermittlung als Selbstzweck, hin zu Urteilskraft und souveränem Umgang mit KI. Wer KI nur konsumiert, statt sie zu beherrschen, wird verlieren. Zweitens der Berufseinstieg: Wie sammeln junge Menschen Erfahrung, wenn die klassischen Einstiegsaufgaben wegfallen? Drittens – die entscheidende Frage: Wer profitiert vom Produktivitätsfortschritt? Kommt er bei den Arbeitnehmern an, in Form höherer Löhne, kürzerer Arbeitszeit oder mehr Beschäftigung? Oder bleibt er bei den wenigen Tech-Plattformen hängen, denen Modelle, Daten und Rechenzentren gehören? Wenn Wertschöpfung zunehmend aus Kapital statt aus Arbeit kommt, muss unser Verteilungssystem darauf reagieren. Viertens demokratische Kontrolle: Da KI-Systeme zunehmend über Menschen entscheiden – z. B. bei Krediten, Bewerbungen, Diagnosen –, brauchen wir Transparenz und Haftung. Der EU AI Act ist nur ein erster Schritt.
Herr Dohmen, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
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