Unendliches Wachstum oder Stabilisierung?
7. April 2026
Moderne Gesellschaften sind geprägt von exponentiellem Wachstum in vielen Bereichen. Dies führt zu krisenhaften Entwicklungen, aber auch ungleichen Lebensbedingungen und ungleicher Verteilung. Dem Trend sind lineare Entwicklungen entgegenzustellen, fordert der Soziologe Emanuel Deutschmann in seinem Buch „Die Exponentialgesellschaft“.
von Prof. Dr. Herbert Einsiedler
Emanuel Deutschmann beschreibt in seinem Buch das, wie er es nennt, „Syndrom der Exponentialität“. Damit meint er die gleichzeitig exponentiellen Verläufe von Treibhausgas-Emissionen, Bevölkerung und Konsum. Diese überschreiten die planetaren Grenzen und verursachen unweigerlich unkontrollierbare Konsequenzen und schaffen toxische Feedback-Schleifen.
Er plädiert für eine „gewollte Stabilisierung“ auf nachhaltigem Niveau anstelle der Ideologie von unendlichem Wachstum. Er schlägt ein „Dreieck der Stabilisierung“ aus „Eigenstabilisierung“, „Exponentialitätenadaption“ und „Alteri-Stabilisierung“ vor, um ein aktives Umsteuern und Brechen von Trends zu ermöglichen. Im Ergebnis würde der Wohlstand gesichert – ohne Verzichtsmentalität.
„Eigenstabilisierung“ erfolgt über eine selbstorganisierte Stabilisierung durch Veränderung der individuellen und kollektiven Lebensstile. Sie zielt auf eine Reduktion exponentiellen Wachstums durch freiwillig geändertes Konsum- und Mobilitätsverhalten sowie Ressourcenschonung ab.
„Exponentialitätenadaption“ bedeutet die Nutzung exponentieller Technologien zur Gegensteuerung negativer Trend, beispielsweise sinkende Kosten bei Solarenergie, Speichertechnologie etc. Dies führt zu einem Stabilisierungseffekt.
Unter „Alteri-Stabilisierung“ sind Aktivitäten durch Politik, Gesetze und NGOs, die einen verbindlichen Rahmen setzen, zu verstehen. Hierher gehören z. B. CO2-Steuern, Subventionskürzungen und internationale Abkommen. Diese kybernetische Wirkung ist auch aus der Regelungstechnik bekannt. In der Regelungstechnik misst ein Regler den Zustand des Systems und löst Rückkopplungen oder „State Feedback Control“ aus, um es zu stabilisieren.
Das Buch veranschaulicht das Zusammenwirken dieser drei Strategien. Sie stellen komplementäre Vorgehensweisen dar, die das exponentielle, unkontrollierbare Wachstum brechen und Ökologie und Ökonomie auf nachhaltigem Niveau halten. Das Modell adressiert psychologische Hürden, Politik und Technik simultan, um eine post-exponentielle Gesellschaft zu ermöglichen.
Deutschmann verfolgt keinen Degrowth-, sondern einen Stabilisierungsansatz. Er stützt sich auf eine umfangreiche Datenanalyse zu exponentiellen Trends in globalen Systemen. Hierbei geht er insbesondere auf deren Vernetzung ein. Das Buch referiert reale Zeitreihen aus Ökonomie, Ökologie und Technik und berücksichtigt dabei auch Krisen wie Klimawandel und Pandemien. Es macht den Inhalt durch die Verbindung der Analyse von Makrodaten mit Fallstudien deutlich und erleichtert damit das Lesen.

Emanuel Deutschmann
Die Exponentialgesellschaft
Vom Ende des Wachstums zur Stabilisierung der Welt
Suhrkamp, Mai 2025
442 Seiten, 32.00 Euro
978-3-518-43223-5



