Warum Landwirtschaft im eigenen Land?

Kühe auf Weiden gehören zum typischen Bild ländlicher Regionen. Doch nach der „Theorie der komparativen Kosten“ macht Landwirtschaft in einem hochindustrialisierten Land eigentlich keinen Sinn. – Foto: PhotoMIX-Company/pixabay.com

Der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Mathias Binswanger widerlegt in seinem neuen Buch „Mehr Wohlstand durch weniger Agrar-Freihandel“ den Mythos, Freihandel vergrößere immer den Wohlstand. Gerade in der Landwirtschaft sorgt Freihandel für viele Verlierer und wenige Gewinner. Verlierer sind die vielen Kleinbauern sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern, Gewinner sind Großbauern und internationale Konzerne.

von Theo Sarikas

 

Landwirte in Deutschland beziehen 30 bis 40 % ihres Umsatzes aus Subventionen. Ihr reales Einkommen besteht also zu einem großen Teil aus staatlichen Zuzahlungen. Wobei neben der Bewirtschaftung auch Leistungen für Biodiversität und Kulturlandschaft honoriert werden. Ist das sinnvoll und gerechtfertigt? Nach der „Theorie der komparativen Kosten“, die standardmäßig an allen Universitäten der Welt gelehrt wird, macht Landwirtschaft in einem hochindustrialisierten Land eigentlich keinen Sinn. Stattdessen sollte man sich die Subventionen sparen, Schutzzölle aufheben und sich auf Branchen spezialisieren, in denen die Wertschöpfungen höher sind. Die landwirtschaftlichen Produkte sollten dann von dort importiert werden, wo sie sich am einfachsten und preisgünstigsten herstellen lassen.

Mathias Binswanger widerspricht dieser Auffassung: Landwirtschaft ist eine unvergleichbare Dienstleistung und Produktion, ein wichtiger Teil unserer Zivilisation. Ohne sie wäre unsere Kulturlandschaft nicht verständlich. Er spricht hier von „multifunktionalen“ und „nicht marktfähigen Leistungen“. Zudem ist die Versorgungssicherheit wichtig. Die Abhängigkeit von lebenswichtigen Gütern aus anderen Kontinenten ist nicht erst seit der Corona-Pandemie kritisch zu sehen. Die Klimaerwärmung wird zu Wetterextremen, Missernten und Versorgungsengpässen führen.

Hauptmotor für die Globalisierung der Landwirtschaft war die subventionierte Überproduktion in den Industrieländern und daraus resultierende Dumpingpreise. Die Giganten EU und USA förderten den Export. Freihandel führte weltweit zu wachsenden Betriebsgrößen und Monokulturen – und zerstört kleinbäuerliche Strukturen, sei es in Rumänien oder West-Afrika. Die Theorie des Freihandels und der komparativen Kosten geht von idealen gleichen Marktteilnehmern weltweit aus, doch das ist unrealistisch. Es profitieren vor allem die Akteure, bei denen die Marktmacht liegt: die großen Lebensmittel- und Handelskonzerne. Diese schöpfen ihre Gewinne neben dem Preisdiktat durch Weiterverarbeitung der Lebensmittelrohstoffe zu -produkten, während landwirtschaftliche Betriebe nur international handelbare Rohstoffe produzieren können.

Preissenkungen im Welthandel zwingen die Bauern zu Rationalisierung und Produktionssteigerung. Das ist aber genau die Landwirtschaft, die eigentlich niemand will. Eine industrialisierte Landwirtschaft erbringt keine Kulturlandschaft, kein Tierwohl und keine Biodiversität. Die Richtung der Förderpolitik muss deshalb korrigiert werden. Sie muss vor allem dem Erhalt kleinerer örtlicher Betriebe dienen. Da die allgemeinen Direktzahlungen an Betriebe die Großbetriebe mehr stärken als die Kleinbetriebe, sind sie durch ein besseres System zu ersetzen. Binswanger plädiert darüber hinaus auch für den Zusammenschluss der Bauern zu starken Erzeugergemeinschaften.
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Buchtipp

Mathias Binswanger
Mehr Wohlstand durch weniger Agrar-Freihandel
Landwirtschaft und Globalisierung
Picus, März 2020
120 Seiten, 15.00 Euro
978-3-7117-2094-8
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Theo Sarikas

Jahrgang 1969, studierte Politikwissenschaft, arbeitete als Lektor in Frankreich und in der Friedensforschung zur Entspannung des Zypernkonflikts. In der Landwirtschaft war er als Helfer auf der Alm und im Weinbau tätig. In die ÖDP trat er 2016 ein.

 

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