Systemische Analyse oder Personalisierung?


Ein gefährlicher Fehler ist die Personalisierung eines eigentlich systemischen Problems. Wir erleben gerade so eine Fehlstellung: Die Migration von Süd nach Nord, von Krisen- und Armutsgebieten in sicherere und materiell besser ausgestattete Weltregionen ist eindeutig ein systemisches Problem. So lange im Süden gekämpft wird und so lange dort die Zukunftsaussichten unsicher bis deprimierend sind werden sich Menschen in Bewegung setzen. Das war immer so und das wird immer so bleiben. Wenn die reicheren Weltregionen wie die EU noch dazu mit Dumping-Exporten lokale Märkte im Süden kaputt machen und mit Waffenlieferungen Konflikte befeuern, darf man sich nicht wundern, dass die Migration nicht endet. Über diese Sachlage ernsthaft zu diskutieren und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, wäre schmerzhaft. Leichter ist es da, die Kanzlerin für schuldig zu erklären. Das systemische Problem wird erfolgreich verdrängt. Es wäre ja auch zu unangenehm, das Wohlstandsgefälle zwischen Nord und Süd und die bereits stattfindende, weltweite Klimakatastrophe als Migrationsursachen anzuerkennen. Man müsste womöglich das eigene Wirtschaftssystem in Frage stellen…

Wenn man der Kanzlerin etwas vorwerfen kann, dann dies: Auch sie hat jahrzehntelang die systemische Analyse vermieden – wohl wissend, dass man mit unbequemen Aussagen schwerlich Wahlen gewinnen kann.

Bernhard Suttner

Bernhard Suttner

Jahrgang 1949, studierte Politikwissenschaft, Pädagogik sowie Christliche Gesellschaftswissenschaften und arbeitete anschließend als freiberuflicher Referent in der Erwachsenenbildung. 1978 gehörte er zu den Gründern der „Grüne Aktion Zukunft“, verließ diese 1980 wieder und gründete 1982 die ÖDP mit. Von 1991 bis 2011 war er Landesvorsitzender der ÖDP Bayern. Seit 2011 ist er ihr Fachbeauftragter für Grundsatzfragen.

 

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