Westlicher Nihilismus
8. April 2026
Als Soziologe analysiert Emmanuel Todd Bevölkerungsstatistiken sowie die Bedeutung von Familienstrukturen und Religionen. Als Historiker analysiert er Geopolitik. In seinem jüngsten Buch wird klar, wie diese Forschungsgebiete zusammenhängen. Darin analysiert er den Ukrainekrieg – und die Rolle des Westens.
von Günther Hartmann
In seinen Ausführungen bleibt Emmanuel Todd nüchtern und distanziert, ergreift nicht Partei für eine Seite, sondern beschreibt anhand akribisch zusammengestellter Fakten, Zahlen und Landkarten, was war und was ist. Dabei springt er zwischen verschiedenen Ebenen und Perspektiven hin und her, was viele Leser irritieren dürfte. Doch das gehört zu seiner Methodik. Er bezeichnet sich selbst als „empirischen Hegelianer“, denkt also dialektisch. Und auch wenn das vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss ist, so hebt er sich damit wohltuend von der heute üblich gewordenen Schwarz-Weiß-Malerei ab. Dialektik erweist sich als probates Mittel, um komplexe Situationen zu verstehen und starre Sichtweisen aufzuweichen.
Dadurch gelingt es Todd, die Realität ganzheitlich und trotzdem sehr differenziert zu analysieren. Dabei konzentriert er sich natürlich vor allem auf die Antithese, also auf das, was in den von Politik und Medien verbreiteten „Narrativen“ fehlt oder diesen widerspricht. Das belegt er fundiert, greift aber auch auf psychologische Erklärungen zurück. Ein Schlüsselbegriff ist dabei: Nihilismus. Der beinhaltet für ihn zwei grundsätzliche Dimensionen: „Die sichtbarste ist die physische Dimension: der Trieb, Dinge und Menschen zu zerstören. Die zweite Dimension ist begrifflich, aber nicht minder wesentlich: den Begriff der Wahrheit selbst zu zerstören und jede vernünftige Beschreibung der Welt zu verbieten.“
Dem gegenüber steht die Religion. Sie betrachtet Todd als eine das Selbstverständnis von Menschen und Gesellschaften positiv prägende Kraft. Lässt ihr Einfluss nach, beginnt ein langsamer Niedergang: zunächst zur „Zombie-Religion“, dann zur „Null-Religion“. Unter „Zombie-Religion“ versteht er aus der ursprünglichen Religion rausgelöste Teile, vor allem Sitten- und Wertesysteme, die für einige Zeit weiterexistieren und weiterwirken. Doch sie verkümmern zunehmend, verlieren an Kraft und Einfluss. Dann versinken Gesellschaften in eine „Null-Religion“, verlieren an Orientierung – und erzeugen seltsame Reaktionen und obskure Ideologien. Am weitesten fortgeschritten sieht Todd diese Entwicklung in den USA.
USA
„Im heutigen Amerika beobachte ich im Bereich des Denkens und der Ideen einen gefährlichen Zustand der Leere, in der eine übriggebliebene Besessenheit von Geld und Macht waltet. Diese beiden können jedoch für sich genommen keine Ziele und Werte sein. Die Leere führt einen Hang zur Selbstzerstörung herbei, zum Militarismus, zu einer anhaltenden Negativität“, stellt Todd fest. Als messbare Indizien für den gesellschaftlichen Niedergang führt er unter anderem das statistisch nachgewiesene Sinken der körperlichen und geistigen Gesundheit, der Lebenserwartung, des Intelligenzquotienten und der Bildung sowie den Anstieg der Kindersterblichkeit, der Arzneimittel- und Drogenabhängigkeit, der Selbstmorde, Morde und Amokläufe an.
Eine gut funktionierende Gesellschaft benötigt aus Todds Sicht eine starke Mittelschicht. Die erodiert in den USA seit vielen Jahrzehnten. Zurück bleibt „ein Imperium ohne Zentrum und ohne Plan, ein im Wesentlichen militärischer Organismus, der von einer Gruppe ohne Kultur angeführt wird und als fundamentale Werte nur Macht und Gewalt kennt“. Seine Eliten haben ein „schwieriges Verhältnis zur Realität“, ihre Handlungen sind „unüberlegt und widersprüchlich“. Die US-Außenpolitik wird immer aggressiver – auch, um vom Zerfall des Gemeinwesens abzulenken und ihn zu kompensieren. Es wird klar: Trump ist hierbei mehr ein Symptom, weniger eine Ursache. Todd schrieb und veröffentlichte sein Buch vor dessen zweiter Amtszeit.
England
Dem Niedergang der USA am nächsten kommt für Todd der Niedergang Englands. Als Hauptursache sieht er die neoliberale Ideologie und die mit ihr einhergehende Privatisierung staatlicher Aufgaben und Finanzialisierung der Wirtschaft. „Die konzeptuelle Revolution des Neoliberalismus erscheint wie die schlichte Befreiung eines von jedweder Moral losgelösten Erwerbsinstinkts“, findet Todd. „Gier ist nur einer der Aspekte. Doch die Zerstörungswut lässt vermuten, dass ein Zerstörungstrieb am Werke ist, der sich hinter der Wirtschaftstheorie verbirgt. Die ultimative Wahrheit hinter dem Neoliberalismus ist religiöse Leere.“
Um das Unbehagen und die Angst zu kompensieren, ist der Sündenbock-Mechanismus ein altbewährtes Konzept. Vor dem Brexit diente vornehmlich die EU dazu. Und nach dem Brexit? „Die Russen haben sich gewissermaßen selbst zum Sündenbock gemacht, mit ihren Oligarchenkindern in den englischen Privatschulen, mit ihren Immobilieninvestitionen in London ohne Rücksicht auf Verluste und mit dem Kauf des Fußballclubs Chelsea durch Roman Abramowitsch“, vermutet Todd. Denn nirgendwo ist die Russophobie so ausgeprägt wie in England. Das sprach sich vor und nach Ausbruch des Ukrainekrieges am vehementesten gegen Friedensgespräche und Kompromisslösungen aus und drängte auf eine Intensivierung des Krieges.
Eine zunehmend antirussische Haltung war allerdings auch im restlichen Europa festzustellen. „Europa hat sich in diesen Krieg nicht aus Zufall, aus Dummheit oder aus Versehen gestürzt. Irgendetwas hat es getrieben“, vermutet Todd. „Dieses Etwas, das ist seine eigene Implosion. Die EU brauchte einen äußeren Feind, um neu zusammengeschweißt zu werden und wieder in Gang zu kommen.“
Ukraine
„Wie konnte eine Gesellschaft, von der alle Welt spürte, dass sie im Zerfall begriffen war, einer russischen Militäroffensive so gut standhalten?“, fragt Todd am Anfang seines Kapitels über die Ukraine. Von 1991 bis 2021 war dessen Bevölkerung um über 20 % gesunken – durch Auswanderung und eine niedrige Geburtenrate. Seine Wirtschaft war am Boden, die Korruption absurd hoch. Die Ukraine galt als gescheiterter Staat – und entwickelte im Krieg gegen Russland eine ungeahnte Kraft. Todd geht dem nach und analysiert die Geschichte der 1991 nach dem Zerfall der UdSSR unabhängig gewordenen Ukraine ausführlich.
Die Zusammensetzung des jungen Staates war von Beginn an äußerst heterogen, kompliziert und schwierig. Es gab drei recht unterschiedliche Kulturen: die Westukraine, die Zentralukraine sowie die Ost- und Südukraine. In der Ost- und Südukraine war die Bevölkerung überwiegend russischstämmig und -sprachig. Durch den wirtschaftlichen Niedergang gewann in der West- und in der Zentralukraine ein aggressiver Nationalismus die Oberhand, der sich mit Nazi-Symbolen schmückte und durch eine radikale Ablehnung alles Russischen definierte. Die Feindseligkeiten nahmen immer mehr zu, weshalb fast die gesamte russischstämmige Mittelschicht nach Russland auswanderte. Und die vormals starke jüdische Mittelschicht nach Israel.
Die Ukraine begann aufzurüsten und strebte die NATO-Mitgliedschaft an. Russland, das ursprünglich davon ausgegangen war, aufgrund des russischstämmigen Bevölkerungsanteils immer gute Beziehungen zu dem jungen Land zu haben, musste einen großen Irrtum erkennen und bereute, die Ukraine 1991 ohne Grenzkorrekturen in die Unabhängigkeit entlassen zu haben. 2014 annektierte es die Krim. Die Ukraine rüstete weiter massiv auf und drängte auf die NATO-Mitgliedschaft. 2022 wurde sie von Russland angegriffen – und leistet bis heute einen so nicht erwartbaren Widerstand.
Am Ende des langen Kapitels versucht Todd seine Eingangsfrage zu beantworten: „Man kennt die Formulierung von Clausewitz: ‚Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.‘ Hier ist der Krieg sein eigenes Ziel. Er verleiht einer Nation Sinn, in der es Politik nicht gibt: Die Unfähigkeit des ukrainischen Nationalstaats, sich zu entwickeln und seinen Platz zu finden, ist es, die diesen endlosen Krieg aufrechterhält. Im Kern der Politik der ukrainischen Regierung ahnt man eine Art Schwindel, eine Flucht Richtung Abgrund, einen zerstörerischen Impuls gegen das, was ist, ohne in Betracht zu ziehen, was sein könnte.“
NATO
Im militanten ukrainischen Nationalismus sieht Todd die Hauptursache für die Eskalation. Die USA nimmt er hier in Schutz. Er glaubt nicht, dass sie die Ukraine aufgerüstet haben, um den Brzeziński-Plan aus den 1990er-Jahren – Russland destabilisieren, nach seinem Zusammenbruch in 3 bis 4 gut kontrollierbare Teile aufspalten, seine Bodenschätze auszubeuten – endlich umzusetzen: „Die USA waren keine Kriegstreiber. Sie hatten die Expansion aufgegeben und suchten keine Konfrontation mit Russland. Vielmehr war es der nihilistische Traum der ukrainischen Nationalisten, der sie köderte.“
Doch auch wenn die USA sich lieber auf ihren „Krieg gegen den Terror“ und die Konfrontation mit dem aufstrebenden China konzentrieren wollten, hatte sich das Verhältnis zu Russland seit Mitte der 2000er-Jahre spürbar verschlechtert. Vor allem in den USA kippte die Stimmung. Den Ursachen geht Todd nach.
Als entscheidend betrachtet er vor allem zwei Ereignisse. Das erste geschah 2003: „Die Bildung einer gemeinsamen deutsch-französisch-russischen Front gegen den Irakkrieg hat das amerikanische geopolitische Establishment alarmiert.“ Das zweite: „Im Juli 2013 begeht Russland das absolute Sakrileg: Es gewährt Edward Snowden politisches Asyl.“ Durch den Whistleblower waren die Aktivitäten der NSA bekannt geworden – auch die Überwachung der europäischen NATO-Partner. Es keimte der Verdacht auf, dass die NATO vornehmlich dazu dient, den Einfluss der USA in Europa zu sichern und seine Verbündeten zu kontrollieren.
Russland
Neben der militärischen Stärke der Ukraine ist für Todd die wirtschaftliche und gesellschaftliche Resilienz Russlands überraschend. Auch wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Russlands zu Beginn des Ukrainekriegs nur 3,3 % von dem des Westens betrug und der Westen Russland mit massiven Sanktionen destabilisieren und ruinieren wollte, brach es nicht zusammen. Ganz im Gegenteil. Die Gründe dafür sucht Todd in der russischen Gesellschaft. Sie ist kein neostalinistisches System. Zwar ist die Meinungs- und Pressefreiheit stark eingeschränkt, doch es gibt Reisefreiheit – aber kaum jemand verlässt das Land. Es muss also auch positive Aspekte geben. Und Todd findet welche.
Von 2000 bis 2020 gingen die alkoholbedingten Todesfälle, Selbstmorde und Morde drastisch zurück. Die Kindersterblichkeit – für Todd ein zentrales Kriterium für den Zustand des Gemeinwohls – sank in diesem Zeitraum von 19 auf 4,4 pro 1.000 Geburten und liegt damit unter den 5,4 der USA. Die Tradition des „patrilinearen Familientyps“ hält die russische Gesellschaft stabil. Zudem stärkte Putin die Mittelschicht, indem er die Vermögen und Einkommen, die sich in der Ära Jelzin auf eine schmale Oberschicht konzentrierten, nach unten umverteilte. Die Oligarchen wurden politisch entmachtet – ganz im Gegensatz zur Entwicklung in den USA.
Bevölkerungsmäßig ist Russland mit seinen 145 Mio. Einwohnern den USA mit seinen 330 Mio. zwar klar unterlegen, bildet aber mehr Ingenieure aus. Das ist für Todd ein Indiz, dass Russland robuster ist und den Ukrainekrieg gewinnen wird. Denn in den USA sind nur noch die Finanz-, Energie- und IT-Branche stark, der Industrie fehlt es an Ingenieuren und Fachkräften. Deshalb waren die USA nicht in der Lage, genügend Munition und Waffen an die Ukraine zu liefern. Zudem ist der Ukrainekrieg für die USA eher unwichtig, für Russland dagegen von zentraler strategischer Bedeutung, weshalb es ihn unbedingt gewinnen will. Sein politisches Ideal ist: nationale Souveränität.
Putin hatte seit den 2000er-Jahren in vielen Reden immer wieder betont, dass Russland es nicht akzeptieren wird, wenn die Ukraine der NATO beitritt und an dessen Grenze – nur 500 km von Moskau entfernt! – Raketen stationiert werden. Seine Warnungen wurden im Westen nicht wahr- oder ernst genommen. Er hat aber bis heute auch immer wieder betont, dass Russland keinen Angriff auf die NATO plane – was ebenfalls nicht wahr- oder ernst genommen wird. Für Angriffspläne sieht Todd kein Indiz. Zum einen, weil Russland dafür viel zu schwach ist. Zum anderen, weil es ein massives demografisches Problem hat: seine niedrige Geburtenrate.
Bei schrumpfender Bevölkerung und einem riesigen Staatsgebiet, reich an Bodenschätzen, wäre die NATO anzugreifen sinnlos und dumm. Russland weiß das. Es profitiert lieber davon, dass sein Ansehen im „Rest der Welt“ enorm gestiegen ist. Weil es gewagt hat, den USA entgegenzutreten, und sich behauptete. „Russland wurde keineswegs an den Rand gedrängt, sondern ist wieder zu einem zentralen Akteur in der Welt geworden“, stellt Todd fest und fragt: „Warum akzeptiert der Westen seine Niederlage nicht? Warum scheint er bereit zu sein, auch den letzten Ukrainer zu opfern und das Risiko eines thermonuklearen Schlagabtauschs einzugehen?“
Hier kommt wieder der Nihilismus ins Spiel. „Die Möglichkeit eines Friedens wird von unseren Politikern verneint, als ob er eine Bedrohung wäre“, kritisiert Todd. „Dieselben Eliten, die gestern nicht in der Lage waren, vorherzusehen, dass Russland Krieg führen würde, sind heute nicht fähig, sich vorzustellen, dass Russland danach Frieden will, nicht aus Gutmütigkeit, sondern weil es in seinem Interesse liegt.“ Und so schließt Todd sein Buch mit der lapidaren Feststellung: „Russland wird in der Ukraine nicht nachgeben. Europa ist in keiner Weise bedroht. Frieden sollte möglich sein.“
Ausblick
Mit dieser Aussage verlässt Todd seine ansonsten sehr sachliche Analyse und lässt sich – weniger als Wissenschaftler, mehr als besorgter europäischer Bürger – zu einer Hoffnung hinreißen, für die es aktuell keinerlei Anhaltspunkte gibt. Ganz im Gegenteil – wie die letzte Sicherheitskonferenz in München deutlich zeigte, wie die dortige Rede von US-Außenminister Rubio deutlich zeigte, wie Äußerungen deutscher Spitzenpolitiker immer wieder zeigen. Nachdem diese in den letzten Jahren Angriffspläne Russlands wie eine gesicherte Tatsache darstellten und eine massive Aufrüstung forderten, kommen sie da ohne großen Gesichtsverlust nicht mehr heraus. Der würde das Ende ihrer politischen Karriere bedeuten. Also wird weitergemacht.

Emmanuel Todd
Der Westen im Niedergang
Ökonomie, Kultur und Religion im freien Fall
Westend, Oktober 2024
352 Seiten, 28.00 Euro
978-3-86489-469-5
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