Kriege – zum Vermeiden von Demokratie?
8. Januar 2026
82 Tage vor dem US-amerikanischen Überfall auf Venezuela erschien Rainer Mausfelds „Hegemonie oder Untergang“. Bei der Lektüre wird klar, dass diese Aktion nichts Ungewöhnliches ist. Die große Stärke des Buchs liegt in der psychologischen Analyse der Ursachen und der Durchsetzung einer bestimmten Art von Politik.
von Günther Hartmann
Gesellschaften sind fragile Gebilde. Eines ihrer Kernprobleme ist seit jeher, dass die Mächtigen immer noch mächtiger und die Reichen immer noch reicher werden wollen. Dies untergräbt das Gemeinwohl und zerstört den Zusammenhalt. Schon frühe Kulturen drohten daran zu zerbrechen – und begannen Gegenstrategien zu entwickeln. Als wohl wirksamste Gegenstrategie entstand im Alten Griechenland die Demokratie. Rainer Mausfeld bezeichnet sie als „radikalste Form der Zivilisierung von Macht“ und als „Leitplanke gegen das Macht- und Besitzstreben der Eliten“.
Doch es gibt noch andere Strategien zur innenpolitischen Befriedung, zur Vermeidung allzu großen Unmuts, die ebenfalls verfolgt wurden und bis heute verfolgt werden: das Propagieren klarer Feindbilder und Wohlstandswachstum. Imperiale Expansion war und ist eine Konsequenz. Also das, was derzeit Russland vorgeworfen wird, und dem der Westen angeblich mit gigantischer Aurüstung entgegentreten muss, um die „wertebasierte Ordnung“ zu verteidigen. Mausfeld zeigt in seinem Buch anhand einer Fülle von Beispielen, dass die westliche Außenpolitik bislang wenig wertebasiert, sondern vor allem machtbasiert war – vom Kolonialismus bis zur Gegenwart.
Militärische Überlegenheit als außenpolitische Strategie
Zu Beginn des zweiten Kapitels zitiert Mausfeld den US-amerikanischen Politikwissenschaftler und Regierungsberater Samuel Huntington: „Der Westen eroberte die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen und Werte oder einer Religion, sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.“ Huntington plädierte deswegen dafür, dass der Westen seine Militärmacht gewaltig auszubaut, um seine Interessen weiterhin überall auf der Welt durchsetzen zu können.
Für Mausfeld ist das keine sinnvolle und keine akzeptable Option. Für die meisten Menschen – zumindest in Europa – wohl auch nicht. Deshalb hielt es Huntington für wichtig, das öffentliche Bewusstsein gezielt zu steuern, ohne dass dies von den Menschen bemerkt wird: „Macht bleibt stark, wenn sie im Dunkeln bleibt; dem Sonnenlicht ausgesetzt, beginnt sie zu verdampfen.“ Mausfeld bringt die Macht und ihre Techniken ans Licht.
Wirksame Steuerung des öffentlichen Bewusstseins
„Die Methoden der Bewusstseinsmanipulation sind mittlerweile so perfektioniert worden, dass ein großer Teil der Bevölkerung des Westens überzeugt ist, in einem System zu leben, das im Großen und Ganzen frei von Propaganda und Indoktrination ist. Das ist eine höchst bemerkenswerte Leistung“, stellt Mausfeld fest. Als Psychologie-Professor und Wissenschaftler hat er sich intensiv mit der menschlichen Wahrnehmung und ihrer Manipulierbarkeit auseinandergesetzt. Dementsprechend zählen seine Beschreibungen der Manipulation zu den besten Passagen in seinem Buch.
Zu den häufigsten Manipulationstechniken gehört ein irreführender Gebrauch von Begriffen, die Erzeugung von Unsicherheit und Angst, der Aufbau von klaren Feindbildern, die endlose Wiederholung affektiver Appelle und die mediale Überflutung mit vorgeblichen Tatsachen.
„Tendenziell steigt, wie aus psychologischen Studien bekannt ist, der eingeschätzte Wahrheitsgehalt von Aussagen, je häufiger sie präsentiert werden“, erklärt Mausfeld. „Diese Prozesse laufen automatisch und unbewusst ab. Wir können uns also nicht dagegen wehren. Selbst wenn man Personen zuvor über dieses Phänomen aufklärt, ändert dies nichts an dem Effekt: Je häufiger sie – vor allem aus scheinbar unabhängigen Quellen – eine Aussage hören, umso stärker steigt deren gefühlter Wahrheitsgehalt. Endlose Wiederholungen von ideologischen Kernbotschaften über möglichst viele verschiedene Kanäle an möglichste viele Nachrichtenkonsumenten sollen eine Illusion der Informiertheit erzeugen.“
Ein weiteres wichtiges Instrument zur Steuerung des öffentlichen Bewusstseins ist die „systematische Störung der Realitätswahrnehmung durch Erzeugung eines affektiven und gedanklichen Nebels der Verwirrung“: durch eine Überflutung mit Nichtigkeiten und billiger Unterhaltung.
Mausfeld betrachtet die von Georg Orwell in „1984“ und von Aldous Huxley in „Schöne neue Welt“ beschriebenen Manipulationsstrategien, vergleicht sie – und zitiert den US-amerikanischen Medienwissenschaftler Neil Postman: „Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley fürchtete, dass es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will. Orwell fürchtete jene, die uns Informationen vorenthalten. Huxley fürchtete jene, die uns mit Informationen so sehr überhäufen, dass wir uns vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten können. Orwell fürchtete, dass die Wahrheit vor uns verheimlicht werden könnte. Huxely fürchtete, dass die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen könnte.“
Die Medien erzeugen eine „Illusion von Informiertheit“, doch „die tatsächlichen Kausalitäten für ein kollektives Unbehagen können nicht angemessen erkannt werden“, betont Mausfeld. „Folglich lässt sich die Veränderungsenergie der Bevölkerung leicht auf geeignete Ablenkungsziele lenken statt sie auf die politisch Verantwortlichen zu richten.“
Selbsterkenntnis als wichtiger Schritt für Veränderung
In diesen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sieht Mausfeld die Ursachen für charakteristische psychische Verformungen: „Dazu gehören Entfremdung vom eigenen Selbst, Konsum als Ersatzbefriedigung und als paradoxer Versuch, die eigene emotionale Leere zu füllen, eine auf sofortige Bedürfnisbefriedigung angelegte Affektstruktur mit mangelnder Spannungstoleranz, Konformismus, Verachtung der Schwachen, übersteigertem Bedürfnis nach Autoritäten, Neigung zu blindem Gehorsam gegenüber Autoritäten oder eine Identifikation mit den Mächtigen, um die eigene Ohnmacht zu kompensieren.“
Selbsterkenntnis ist deshalb für Mausfeld von zentraler Bedeutung: „Angesichts der Auswirkungen der herrschenden Gesellschaftsordnung auf alle Bereiche unserer Wahrnehmung, unseres Begehrens, Fühlens und unseres Denkens müssen wir uns zunächst in aller Nüchternheit und Konsequenz klarmachen, dass das ideologische Gewölbe nicht nur um uns herum zu verorten ist, sondern auch in uns selbst.“
Ohne aufgeklärte Bürger keine wirkliche Demokratie
Wenn es um konkrete politische Schritte und Ziele geht, bleibt Mausfeld vage und deutet nur an. Das liegt jedoch im Wesen der „offenen Gesellschaft“. Mausfeld will vor allem aufklären: uns Menschen aus unserer „Unmündigkeit“ herausführen. Das ist anstrengend, für eine wirkliche Demokratie jedoch unumgänglich.
Hier steht Mausfeld in einer Linie mit großen Philosophen wie Immanuel Kant: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“
Kant propagierte keine infantile Wohlfühl-Philosophie, sondern wollte die Menschen aufrütteln: „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.“ Kant glaubte an die Liebe zur Freiheit, an die Kraft der menschlichen Vernunft und an universelle Werte. Mausfeld tut dies auch.
Rainer Mausfeld
Hegemonie oder Untergang
Die letzte Krise des Westens?
Westend, Oktober 2025
216 Seiten, 24.00 Euro
978-3-98791-334-1
Onlinetipps
Über Rainer Mausfelds Vortrag
„Demokratie: die radikalste Form der Zivilisierung von Macht“
ÖkologiePolitik, 09.06.2025
www.t1p.de/g707j
Vortrag von Rainer Mausfeld
Demokratie am Abgrund?
ÖDP München, 13.03.2024
www.t1p.de/hv0wm
Vortrag von Rainer Mausfeld
Wie werden politische Debatten gesteuert?
ÖDP München, 04.06.2018
www.t1p.de/2gl8x
Interview mit Rainer Mausfeld
„Plumpe Lügen sind eher die Ausnahme“
ÖkologiePolitik, 06.11.2017
www.t1p.de/u2f3
Vortrag von Rainer Mausfeld
Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert?
ÖDP München, 01.05.2017
www.t1p.de/dzzjm

