Wahrheit kann nicht „nach Lust und Laune zusammengebastelt“, sondern muss gesucht werden. Zu ihr gibt es aber nicht nur einen Weg, sondern viele Wege. – Foto: Free-Photos/pixabay.com

Gesellschaft & Kultur

„Keine Ideologie erschließt einem die Wahrheit“

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Unsere Gesellschaft spaltet sich. In viele Teile. Und die werden sich immer fremder. Denn jeder Teil scheint nur mehr in seiner eigenen Welt zu leben, scheint die Wirklichkeit nur noch extrem gefiltert wahrzunehmen. Wahrgenommen wird das, was das eigene Weltbild bestätigt, anderes ausgeblendet oder uminterpretiert. Wahrheitssuche ist das nicht. Die sieht anders aus.

Interview mit Paul Holmes

 

ÖkologiePolitik: Herr Holmes, warum haben Sie ein Buch über Metaphysik geschrieben?

Paul Holmes: Na ja, über die Metaphysik sagt mein Buch wenig, vielmehr ist es eine Übung in der Metaphysik. Ich wählte dieses mittlerweile strittige Medium, weil es ausschließlich diese Disziplin ist, mit der man die „Sinnfrage“ stellen kann – wie sie auch, dann aber in der Psychologie, von Viktor Frankl gestellt wurde. Frankl interessierte sich primär für die Lebensführung des Einzelnen, ich aber wollte auf den philosophischen Grund der Sinnfrage gehen. Den „entbirgt“ man in der Wahrheit, die die alten Griechen „Aletheia“ nennen: das „Aufgedeckte“. Einen „Sinn“ entdecken wir erst dann im Leben, wenn wir uns in die Lage verschaffen, an den Millionen von Wahrnehmungen, die wir tagtäglich erfahren, das Wahrhaftige für uns selbst auszufiltern.

Was ist Wahrheit?

Aha, die Pilatusfrage! Die beantworte ich auch im Buch. Aber vielleicht als Hintergrund dazu: Pilatus sah im eigenen römischen Rechtssystem die „Wahrheit“, in der Person Jesus Christus aber nicht – darum seine Frage. Kein Staat der Welt, keine Instanz, erst recht keine Ideologie erschließt einem die Wahrheit. Die hat man als Mensch in der Welt für sich selbst zu suchen. Weil sich jeder von uns in der Welt unterschiedlich positionieren will, bedarf es für diese Suche einer abgesicherten Freiheit. Deswegen wird in meinem Buch auch dieses Thema behandelt. Zunächst ist jedoch – und es bleibt nicht dabei – die Freiheit des „Andersdenkenden“, wie es Rosa Luxemburg antibolschewistisch ausdrückte. Wahrheit ist, den eigenen Pfad im Leben zu finden, sich selbst aber dann zu vergessen – weil man dann „in der Wahrheit“ lebt.

Ist Ihr Buch auch eine Kritik an der aktuellen Tendenz, in seiner „eigenen Blase“ zu leben und nur noch „passende Wahrheiten“ wahrzunehmen oder gar selber welche zu erfinden?

Genau! Es ist in unseren Tagen vielerorts die Rede von „meiner Wahrheit“ und „deiner Wahrheit“. „Wahrheit-en“ kann es im Pluralen jedoch gar nicht geben, weil wir in der Sinnsuche auf eine einzige kosmisch-bestimmte Richtung angewiesen sind. Einen eigenen Sinn für das Leben weist uns wie bei einem Leuchtturm nur das eine Licht der Wahrheit. Doch zu ihm gibt es viele Wege. Wenn die Wahrheit uns als Leuchtturm dienen soll, dann läuft jede Erfindung „eigener passender Wahrheiten“ auf einen Selbstbetrug hinaus. Man verlebt dann sozusagen die eigene Fiktion. Gleichwohl müssen schon eingeschlagene Wege der Sinnsuche wie etwa Christentum, Judentum, Buddhismus, Taoismus in ihrer Unterschiedlichkeit nicht „falsch“ sein. Man hält da nämlich am selben Licht fest.

Ist unsere Zeit auch von einer Angst vor der Wahrheit geprägt? Oder von einer Verachtung der Wahrheit?

Das sind tatsächlich unterschiedliche Größen, sie schließen sich gegenseitig nicht aus. Wer „Macht“ innehat, wird jeder „Sinnsuche“ seine Verachtung entgegenbringen, denn es geht ihm nicht um den Sinn des Lebens, sondern um die Verzweckung der Mitmenschen für die eigenen Belange. Immanuel Kant schrieb, man dürfe den Mensch nie zum Mittel eines Zwecks machen. Warum das? Weil sich jeder Mensch freiheitlich gedacht sein eigener Zweck sei, das könne man ihm nur mit einer gewalttätig ausgeübten Macht entreißen. Leider ist das in der heutigen Gesellschaft nicht mehr selten der Fall: Man bedenke das neu aufkommende und sprunghaft wachsende „Prekariat“ in vielen Lebenslagen. Regelrecht „Angst“ vor der Wahrheit haben nach meinem Dafürhalten eher die Universitäten. Um ein „Universalwissen“, wie ehemals und noch in ihren Gründungssatzungen festgehalten, geht es ihnen nicht mehr. Es geht vielmehr ums Eintreiben von Drittmitteln, ums Vorweisen einer „industriellen Relevanz“. Der Wahrheitsmetaphysiker geriert sich dabei eher als Sand im Getriebe. Überall entdeckt er Befangenheiten. Ihm ginge es nämlich immer um die mögliche Transzendenz des eigenen denkerischen Einsatzes – mit Blick auf eine solche Befangenheit halt misslich.

Der Untertitel Ihres Buchs lautet „Ein Dreizack der Grundbegriffe Wahrheit, Freiheit, Sinn“. Welche Rolle spielt die Freiheit? Welche der Sinn?

Angepasstheit ist der Feind einer echten Freiheit. Freiheit heißt nicht, sich an oktroyierte Normen anzupassen, sondern diese und gegebenenfalls weitere für sich selbst zu entdecken. Diese Suche kann einem keiner abnehmen! So ist die Freiheit der Rahmen, in dem man bildlich gesprochen die eigene Münze in den Umlauf bringen darf. Das „Dürfen“ bestimmt das jeweilige freiheitlich verfasste Staatswesen. Den Sinn könnte man zum Beispiel im Weiterleben nach dem Tode finden. Wir sterben alle, aber die Welt soll uns nicht „vergessen“. Verewigt sind die Gespräche, die man führt, die Kinder, die man erzieht, die Projekte, die man für das Gemeinwohl durchzieht. Insofern als diese in einer persönlichen Freiheit gebettet waren, sind sie sinnhaft. Und das alles bestimmt ein Leben im Lichte der Wahrheit. Ich rede auch vom „Klang“ der Wahrheit.

Gibt es denn tatsächlich einen „Sinn des Lebens“? Oder ist das nur ein Trugschluss unseres zweckorientierten Denkens?

Im Buch unterscheide ich zwischen „Sinn“ und „Zweck“. Das utilitaristische Denken ist tatsächlich eine Seuche unserer Zeit. Wer die eigenen Interessen vor alles andere stellt, kolportiert vermutlich gerne den „Sinn des Lebens“ als Trugschluss. Aber dabei betrügt er sich selbst. In der Psychologie empfehle ich wärmstens Frankl, dessen Schriften eine wahre Sinnsuche erleichtern.

Warum sollte jemand Ihr Buch lesen?

Zunächst muss ich sagen, dass mir das Buch regelrecht entquoll. Ich habe es nicht als Verkaufsobjekt geschrieben. Und ich schreibe eindeutig gegen die Zeitläufte an. Alle, die die Überspanntheit unserer Welt und ihrer Strukturen wohl schmerzhaft empfinden, werden am Buche hoffentlich diesen oder jenen Denkansatz oder gar persönliche Hilfe finden.

Herr Holmes, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

 


Buchtipp

Paul Holmes
Versuch einer Wahrheitsmetaphysik
Ein Dreizack der Grundbegriffe Wahrheit, Freiheit, Sinn
Utzverlag, Mai 2021
196 Seiten, 17.95 Euro
978-3-8316-2258-0