„Ohne Humusaufbau wird die Welternährung nicht möglich sein“

Die Gemeinschaft Schloss Tempelhof schafft es, den Humusgehalt ihrer landwirtschaftlichen Flächen kontinuierlich zu erhöhen. – Foto: Gemeinschaft Schloss Tempelhof

Der Boden ist die Grundlage landwirtschaftlicher Produktion. Doch seine Qualität nimmt ab. Aber es gibt auch Gegenbewegungen. Die sogenannte „Permakultur“ – abgeleitet vom englischen Begriff „permanent agriculture“ – versucht, die natürlichen Kreisläufe der Natur genau zu beobachten und nachzuahmen. Um nicht gegen die Natur, sondern mit ihr arbeiten.

Interview mit Stefan Schwarzer

 

ÖkologiePolitik: Herr Schwarzer, Sie haben zusammen mit Ute Scheub ein Buch über Humus geschrieben. Warum?

Stefan Schwarzer: Wir verlieren jeden Tag, jedes Jahr unwiederbringlich wertvollen Ackerboden. Dabei ist vor allem der Humus darin, die tote organische Substanz, dafür zuständig, dass wir 95 % unserer Nahrungsmittel produzieren können. Deswegen ist der Aufbau von Humus für unsere Lebensgrundlagen von entscheidender Bedeutung. Ohne Humusaufbau wird die Welternährung nicht möglich sein. Wir reden hier also über ein fundamentales Überlebensthema, das in der Öffentlichkeit leider viel zu wenig gesehen wird. Zudem kann Humus ein großer CO2-Speicher sein.

Wie das?

Humus besteht zu fast 60 % aus Kohlenstoff, der vor allem aus der Luft kommt. Wenn wir Humus aufbauen, speichern wir also große Mengen CO2 im Boden. Ein jährlicher globaler Humusaufbau von 0,4 % auf land- und forstwirtschaftlich genutzten Flächen würde genügen, um alle menschengemachten CO2-Emissionen eines Jahres zu kompensieren. Neben dem Ausbau erneuerbarer Energien und der Aufforstung ist der Umgang mit unseren Böden also eine entscheidende Maßnahme gegen die Klimaerwärmung.

Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Ich habe Geografie studiert, arbeite seit Langem für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen und habe vor gut 10 Jahren angefangen, mich mit der Permakultur auseinanderzusetzen. Dabei wurde mir klar, dass wir uns jenseits des Urban Gardenings und der Selbstversorgung intensiv um die Landwirtschaft kümmern müssen. Der Einstieg in die Lebensgemeinschaft „Schloss Tempelhof“ mit 30 ha landwirtschaftlicher Fläche hat es mir ermöglicht, zu forschen, es umzusetzen und jeden Tag zu lernen.

Wie sind die Zwischenresultate?

In unserer Landwirtschaft hier haben wir im Gemüseanbau sicher die größten Schritte machen können und gehören mittlerweile zu den Top-Betrieben in Deutschland. Wir sind mit dem Humusaufbau sehr gut vorangekommen und haben die Fruchtbarkeit unserer tonigen Böden enorm verbessert.

Können Sie konkrete Zahlen nennen?

Im gärtnerischen Bereich haben wir innerhalb von etwa 6 Jahren den Humusgehalt von 2 % auf rund 6 % verdreifachen können. Durch stetiges Mulchen, Kompostgaben, ständiger Bodenbedeckung durch Gründüngung, Zwischenfrüchte und Untersaaten, Mischfruchtanbau, durch Verzicht auf schwere Maschinen und viel Handarbeit in Kombination mit einfachen, aber ausgeklügelten Werkzeugen werden die Böden nicht nur fruchtbarer, sondern wir überstehen so auch längere Trockenzeiten, was in der Landwirtschaft immer wichtiger wird.

Wie haben Sie das gemacht? Gibt es Rezepte?

Der Boden sollte möglichst kein Tag unbedeckt sein. Deswegen setzen wir sehr stark auf die Gründüngung, regen die Böden mit Kompost an und mulchen viel. Aber jeder Boden ist anders, jedes Mikroklima spielt eine Rolle. Von daher gibt es keine Standardrezepturen. Die Natur sollte uns ein Vorbild sein, denn sie hat das „nachhaltigste“ System überhaupt erfunden. Von daher folgen wir dem Leitsatz von Viktor Schauberger „Zuerst die Natur kapieren, um sie dann zu kopieren“ und beobachten unsere Böden deswegen sehr genau.

Gibt es bereits eine „Boden-Bewegung“?

Insgesamt ist die Community noch sehr klein, aber die Bewegung wächst. Die prominenteste Humus-Initiative „4p1000“ wurde sogar beim Pariser Klimagipfel vorgestellt und mittlerweile von über 30 Regierungen weltweit unterstützt. Mehr und mehr Bauern merken, dass es mit einem „Weiter so“ nicht mehr geht. Mehr Dünger, mehr Spritzmittel und dabei eine abnehmende Bodenfruchtbarkeit – das geht nicht mehr aus. Die Landwirte müssen umdenken – und viele wollen es auch.

Wohin geht für Sie die Reise?

Wir arbeiten an einer Landwirtschaft, die noch viel umfassender auf alle Kreisläufe schaut. Wasserkreisläufe, Agroforstwirtschaft, Artenvielfalt und Mehrfachnutzungen, an all dies muss gemeinsam gedacht werden, um eine wirklich regenerative Landwirtschaft zu erreichen. Dabei gehören soziale und ökonomische Fragen genauso dazu.

Was bedeutet das konkret?

Bäume auf den Feldern, keine wendende Bodenbearbeitung, Wasser halten durch kluge dezentrale Wasserkreisläufe und Mikroklima verändern durch Bäume auf den Feldern und ständige Bodenbedeckung. Dies alles wird sich hoffentlich sehr bald durchsetzen, weil sonst die Ernteerträge dauerhaft sinken werden und die Folgeschäden nicht mehr zu bezahlen sind.

Wie steht es mit der politischen Unterstützung?

Noch wird der Großteil der Subventionen in die zerstörerische Landwirtschaft gegeben. Noch diktiert der Handel die Preise, noch wird eine Landwirtschaft gelehrt, die nicht zukunftsträchtig ist. Hier muss ein radikaler Denkwandel passieren. Dazu brauchen wir am besten in jedem Landkreis oder zumindest jeder Region einen staatlich unterstützten landwirtschaftlichen Demonstrationsbetrieb. Die Landwirte müssen das sehen, spüren und anfassen können. Dann haben wir die Chance, dass viele Landwirte umsteigen.

Wie kann man selbst einsteigen?

Man kann natürlich viel in einem kleinen eigenen Garten ausprobieren. Ansonsten sind die „Feldtage“ der „IG gesunder Boden“ und das Symposium „Aufbauende Landwirtschaft“ zu empfehlen. Zudem organisieren wir Webinare, Symposien und Bodenpraktikerkurse.

Herr Schwarzer, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

Das Interview führte Thomas Prudlo.
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Buchtipp

Ute Scheub, Stefan Schwarzer
Die Humusrevolution
Wie wir den Boden heilen, das Klima retten und die Ernährungswende schaffen
oekom, Februar 2017
240 Seiten, 22.00 Euro
978-3-86581-838-6
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Onlinetipp

Stefan Schwarzer
Symposium Aufbauende Landwirtschaft
http://symposium.aufbauende-landwirtschaft.de
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Stefan Schwarzer

Jahrgang 1972, ist Physischer Geograf und Permakultur-Designer. Seit 2000 arbeitet für das „United Nations Environment Programme “ (UNEP) in Genf. Er ist Co-Autor des 2017 erschienenen Buchs „Die Humusrevolution“, Initiator des Symposiums „Aufbauende Landwirtschaft“ und lebt seit 2012 in der „Gemeinschaft Schloss Tempelhof“.

 

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Website: http://www.humusrevolution.de