„Wir brauchen eine artgerechte ökologische Tierhaltung“

Prof. Dr. Klaus Buchner kämpft im Europaparlament gegen Massentierhaltung und macht auf den Zusammenhang von prophylaktischer Antibiotika-Verabreichung und dem Entstehen resistenter Keime aufmerksam. – Foto: Simone Lettenmayer

Während der Corona-Pandemie wurden täglich neue Zahlen über Infektionen und Todesfälle veröffentlicht. Kaum wahrgenommen werden seit Jahren über die Infektionen und Todesfälle aufgrund sogenannter „Krankenhauskeime“. Sie werden achselzuckend hingenommen, dabei sind die Zahlen erschreckend hoch. Jahr für Jahr. Eine Ursache ist die Massentierhaltung.

Interview mit Prof. Dr. Klaus Buchner MdEP

 

ÖkologiePolitik: Herr Prof. Buchner, wie viele Menschen sterben jährlich an sogenannten „Krankenhauskeimen“?

Prof. Dr. Klaus Buchner: Das Robert Koch-Institut berichtet – Stand November 2019 – von bis zu 600.000 Krankenhausinfektionen jährlich in Deutschland. Die dadurch verursachten Todesfälle werden mit 10.000 bis 20.000 angegeben. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene geht von mindestens 1 Mio. Infektionen und mindestens 30.000 Todesfällen pro Jahr aus. Der Ökonom Jim O’Neill hat im Auftrag der britischen Regierung errechnet und im Mai 2016 in seinem Bericht veröffentlicht, dass heute weltweit jedes Jahr 700.000 Menschen an multiresistenten Keimen sterben. Wenn nicht zügig einschneidende politische Maßnahmen getroffen werden, prognostiziert O’Neill in seinem Bericht 10 Mio. Todesfälle pro Jahr weltweit. Die Zahlen sind also sehr hoch.

Warum wird das einfach so hingenommen?

Das frage ich mich auch. Warnende Hinweise von Experten gibt es seit Jahrzehnten reichlich. Die Problematik antibiotikaresistenter Keime – in der Klinik werden sie dann irreführenderweise „Krankenhauskeime“ genannt – hat bereits der Entdecker des Penicillins, Alexander Fleming, 1945 in seiner Nobelpreisrede betont und warnte vor übermäßiger und fahrlässiger Verwendung: Es bestehe die Gefahr, dass die Bakterien lernen, resistent gegen Penicillin zu werden, und diese resistenten Bakterien könnten dann andere Menschen infizieren, ohne dass Penicillin helfen kann. Seit Jahrzehnten ist diese bereits 1945 geäußerte Gefahr längst bei allen Antibiotika in zunehmend erschreckendem Ausmaß fatale Wirklichkeit geworden – mit erheblichen Todesfolgen. Keiji Fukuda, Generaldirektor für Gesundheitssicherheit der WHO, betont, dass wirksame Antibiotika einer der Grundpfeiler sind, die es ermöglichen, dass wir länger und gesünder leben, und von denen die moderne Medizin profitiert – dass aber, wenn jetzt nicht schnell und koordiniert gehandelt wird, sich die Welt in eine postantibiotische Ära bewegt, in der gewöhnliche Infektionen und kleine Verletzungen, die für Jahrzehnte behandelbar waren, wieder tödlich sein können. Man muss sich daher schon fragen, warum trotzdem seit Jahren die notwendigen Maßnahmen nicht zügig genug angegangen und auch umgesetzt werden. Das Phänomen ist allerdings typisch für alle schleichenden Probleme. Im Vordergrund steht der rücksichtslose Lobbyismus und Profit von Großkonzernen. Menschen und das gesamte Ökosystem werden sehenden Auges an die Wand gefahren. Das Gleiche beobachten wir ja auch beim Vorgehen gegenüber dem Klimawandel. Die Treibhausgas-Problematik ist seit den 1960er-Jahren bekannt, wird jedoch ausgesessen, bis die Katastrophen dann voll zuschlagen und kaum oder gar nicht mehr beherrschbar sind. Es handelt sich um ein gesamtpolitisches Versagen, wie das berühmte Drei-Affen-Motiv „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ sehr anschaulich darstellt.

Woher kommt der Name „Krankenhauskeim“?

Der Ausdruck ist irreführend, da er impliziert, er würde im Krankenhaus entstehen, was jedoch nur zum Teil der Fall ist. Viele Patienten kommen bereits mit den Keimen in die Klinik – von einem anderen Menschen erworben oder verursacht durch die Übertragung vom Tier durch die skandalöse Massentierhaltung. Der häufigste resistente Killerkeim weltweit ist der sogenannte „MRSA-Keim“. Dieser wird meist als „der Krankenhauskeim“ tituliert, da er für sehr viele Todesfälle von Schwerkranken in den Kliniken verantwortlich ist, da nun mal Schwerkranke letztendlich in der Klinik behandelt werden. Mittlerweile gibt es allerdings zunehmend eine weitere Zahl von anderen, noch schlimmeren antibiotikaresistenten Keimen mit denen sich Menschen infizieren und zu Tode kommen.

Wie entstehen diese antibiotikaresistenten Keime?

Es handelt sich hierbei um Bakterien, die sich im Laufe von Jahren gegen Antibiotika „gewehrt“ haben, durch Anpassung und Veränderung ihrer Erbanlagen, bis letztendlich kein Antibiotikum mehr gegen sie wirksam ist. Diese Unwirksamkeit bezeichnet man als Antibiotikaresistenz. Sie bezieht sich also auf das Bakterium und nicht auf Mensch oder Tier. Bakterien vermehren sich prinzipiell ganz rasant, durch Zellteilung verdoppeln sie sich im 30-Minuten-Takt. Alle Erbanlagen, inklusive der erworbenen Antibiotikaresistenzen, werden in Windeseile an immer mehr Bakterien weitergegeben. Die Ursache der Resistenzentwicklung bei Bakterien liegt also in der natürlichen allmählichen Anpassung gegenüber Antibiotika. Werden nun Antibiotika – wie seit Jahrzehnten üblich – falsch und unnötig massiv eingesetzt, explodiert die natürliche Resistenzentwicklung ins Unermessliche und ist nicht mehr beherrschbar. Die Situation mit den Antibiotikaresistenzen läuft somit komplett aus dem Ruder. Dass als wesentliche Ursache der Resistenzen die exzessive prophylaktische Gabe von Antibiotika an gesunde Tiere in der Tiermast von Lobbyisten der Industrie kleingeredet wird, ist unerträglich, ebenso die politische Tatenlosigkeit. Seit Jahren werden in unzähligen Untersuchungen von Fleischproben exzessive Mengen von diversen antibiotikaresistenten Bakterien nachgewiesen, teilweise bis zu 90 %. Der Nachweis des MRSA-Keims im Nasenabstrich von Menschen ist bei Tierärzten mit bis zu 45 % und bei Schweinehaltern mit 80–90 % massiv höher als bei der Durchschnittsbevölkerung, wo er unter 5 % liegt. Damit ist doch ganz klar, wo die Resistenzen vorwiegend entstehen. Es ist die „Rache aus dem Tierstall“.

Wie lässt sich diese verhängnisvolle Entwicklung stoppen?

Der inflationäre Einsatz von Antibiotika muss aufhören! Überfällig ist ein sofortiges Verbot für die Gabe von Reserveantibiotika an gesunde Tiere. Wir dürfen nicht auf die wirksamsten Medikamente für Schwerkranke verzichten. Denken Sie an Colistin, ein hochpotentes Reserveantibiotikum, mit dem Mukoviszidose-Kranke behandelt werden. Dieses Colistin wird unter anderem auch in der Hähnchenmast eingesetzt. Das ist geradezu obszön. Resistenzen wurden bereits nachgewiesen. Wir brauchen eine konsequente Ursachenbekämpfung sowohl in der Humanmedizin als auch in der industriellen Tierzucht. In der Humanmedizin werden Antibiotika sehr häufig falsch angewandt, unter anderem bei Virusinfektionen, wo sie gar keine Wirkung haben und nur Schaden anrichten können – denn Antibiotika sind nur bei bakteriellen Infektionen wirksam. Ebenfalls in der Humanmedizin werden häufig Antibiotika prophylaktisch und nicht zielgerecht, d. h. ohne Labortests eingesetzt. Das muss gestoppt werden. Die katastrophale industrielle Tierzucht in ihrer jetzigen Form muss sehr rasch zurückgefahren und letztendlich abgeschafft werden. Wir müssen und können auf industriell produziertes, mit resistenten Keimen belastetes Billigfleisch verzichten und auch seltener Fleisch essen. Wir müssen zu einer artgerechten ökologischen Tierhaltung finden. Dann erübrigt sich der tonnenweise prophylaktische Einsatz von Antibiotika. Dafür müsste sich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner stark machen, anstatt es den Billigfleisch-Produzenten recht zu machen. Doch wir sehen auch ein enormes Umdenken in der Bevölkerung hin zu gesunden Nahrungsmitteln und zu guter Tierhaltung. Sogar die Discounter haben vor der Politik mit einer Kennzeichnung zu besserer Tierhaltung reagiert. Aber das reicht nicht. Ich fordere ein einheitliches, verbindliches und EU-weites Siegel für alle Tierprodukte, um unsere deutschen Landwirte nicht zu benachteiligen. Wir wollen mit klarer Kennzeichnung über Art der Tierhaltung, Einsatz von Antibiotika und Art des Tierfutters informiert werden: Kommt es aus gentechnischen Monokulturen, z. B. aus Südamerika? Wurde es mit Pestiziden behandelt? Wir wollen außerdem eine deutliche bildliche Darstellung der Tierhaltung auf den Verpackungen. Die fröhlichen Schweine, die den Verbraucherinnen und Verbrauchern gezeigt werden, sind ein Hohn.

Welche Umweltprobleme werden durch die Industrialisierung der Landwirtschaft noch erzeugt?

Die Probleme sind immens! Fleisch ist mittlerweile Lebensmittelverschwender Nummer 1. Der größte Teil der Äcker weltweit dient der Tierfutterproduktion für die Massentierhaltung anstatt der Nahrungsmittelproduktion für den Menschen – und das oft mit gentechnischen Monokulturen. Monokulturen und Herbizide zerstören die Böden. Das führt zum massiven Sterben der für das Ökosystem lebensnotwendigen Organismen, Wildbienen und anderen Insekten, Würmer etc. Überdüngung und Gülle vergiften das Boden- und Grundwasser. Zudem ist der Agrarbereich für 30–40 % unserer Klimagas-Emissionen verantwortlich. Und nicht zu vergessen die erheblichen sozialen Probleme, die der Strukturwandel weg von der klein- und mittelständischen hin zur großindustriellen Landwirtschaft mit sich bringt. Auf den Feldern und in den Schlachthöfen herrschen unsägliche Arbeitsbedingungen – wie gerade jetzt während der Corona-Pandemie offensichtlich wurde.

Gibt es Gegenbewegungen, die auf eine allgemeine Kurskorrektur hoffen lassen?

Die größte und wichtigste Gegenbewegung sind die Wählerinnen und Wähler! Politiker reagieren auf den Druck der Bevölkerung und wollen ihre Stimmen. Wir sehen, wie die Jugendbewegung „Fridays for Future“ wirkt, auch bei der Elterngeneration. Wer für ein besseres Klima kämpft, kämpft auch gegen die Massentierhaltung als einen der Hauptverursacher klimaschädlicher Entwicklungen. Wir haben starke Non-Profit-Organisationen. Die Anti-Atomkraft-Bewegung hat auch einen langen Atem gebraucht. Wir müssen uns einsetzen für unsere Welt. Wir müssen laut sagen, was uns nicht passt, sonst werden wir nicht gehört. Und selbstverständlich fordere ich dazu auf, die ÖDP zu wählen, welche sich massiv für unsere Umwelt einsetzt. Das erfolgreichste bayerische Volksbegehren war „Rettet die Bienen“. Das zeigt, wie sehr die Menschen in unserem Land ein Umdenken wünschen. Eine Agrarwende, welche Landwirte bei der Umsetzung zu ökologischer Landwirtschaft deutlich unterstützt, ist vonnöten – und nicht die Verteilung von jährlich 60 Mrd. Euro Subventionen nach dem Gießkannenprinzip, also nach Fläche.

Welche Rolle spielt die EU-Kommission? Und welche das EU-Parlament?

Die EU-Kommission hatte schon 2011 einen Aktionsplan zu Antibiotikaresistenzen veröffentlicht. Und das EU-Parlament hat 2018 nach jahrelangen Verhandlungen ein Maßnahmenpaket beschlossen, um Antibiotikaresistenzen zu reduzieren. Beispielsweise sollen Reserveantibiotika ab 2021 in der Tierhaltung verboten werden. Und auch die prophylaktische Behandlung soll deutlich eingeschränkt werden. Doch das ist viel zu wenig und viel zu langsam. In Anbetracht der rasant zunehmenden Antibiotikaresistenzen, der vielen Toten und der zunehmend katastrophalen Entwicklung muss das schneller gehen. Und natürlich dann auch kontrolliert und bei Nichtbeachtung bestraft werden. Doch das funktioniert schon jetzt nicht. Der angekündigte „Green Deal“ und „Farm to Fork“ sind zwar gute Vorsätze, die Umsetzung allerdings viel zu zögerlich aufgrund der Brisanz. Hinzu kommt, dass die Lobbyverbände wegen der Corona-Pandemie bereits stark drängen, die angestrebten Dinge nicht sofort umzusetzen und weiter zu verschieben. Ich kann nur hoffen, dass Gier und Profit nicht weiter die Oberhand behalten.

Herr Prof. Buchner, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
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Onlinetipp

Klaus Buchner MdEP
Agrarwende jetzt!
Petition „Gegen Massentierhaltung & für ein EU-weites Qualitäts-Siegel“
www.agrarwende-jetzt.de
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Prof. Dr. Klaus Buchner

Jahrgang 1941, studierte Physik, promovierte im Bereich Kernphysik und war anschließend wissenschaftlich tätig, von 1973 bis 2006 als Mathematikprofessor an der TU München. Für seine Forschungsarbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. In die ÖDP trat er 1983 ein, war von 2003 bis 2010 ihr Bundesvorsitzender und errang 2014 und 2019 als ÖDP-Spitzenkandidat ein Mandat im Europaparlament. Dort war er als Mitglied der Fraktion Grüne/EFA in zahlreichen Ausschüssen, Unterausschüssen und Delegationen aktiv. Im Juli 2020 übergab er sein Mandat an Manuela Ripa.

 

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