Wege aus der Sackgasse

Aus „CSU“ wird „SUV“: Mit der Aktion an der CSU-Zentrale in München protestierte Greenpeace im Oktober 2019 gegen deren klimaschädliche Verkehrspolitik. – Foto: Thomas Einberger/Greenpeace

Insgesamt sinken die deutschen CO2-Emissionen, die des Verkehrs jedoch steigen. Die Gründe liegen in einer falschen Verkehrspolitik – von der kommunalen Ebene bis zur Bundesebene. Dabei wäre ein emissionsfreier Verkehr durchaus machbar. Eine bloße Umstellung auf Autos mit Elektroantrieb greift dabei jedoch zu kurz. Die Zahl der Autos muss sinken.

von Dr. Benjamin Stephan
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Das Wort Verkehrswende klingt in Deutschland noch für viele bitter, nach Einschränkung und Verzicht. Aber fragt man Menschen in Kopenhagen, warum sie bei Wind und Wetter aufs Rad steigen, antworten sie, das sei eben praktischer, als etwa mit dem Auto zu fahren, billiger als die Öffentlichen ist es allemal. Noch mehr sehen im Tritt in die Pedale eine Fitnessübung an der frischen Luft. Am häufigsten aber antworten die Menschen dort in Umfragen, dass sie mit dem Rad nun mal schneller als mit jedem anderen Verkehrsmittel an ihr Ziel kommen. Umweltschutz nennt nicht mal jeder Zehnte als Motivation.

Die Antworten aus dem Norden zeigen, was in der deutschen Debatte viel zu kurz kommt: Der Umstieg auf eine klimaverträgliche Mobilität ist nicht die Disziplin wohlmeinender Gutmenschen, sie bietet handfeste Vorteile und gerade für Städte ein enormes Potenzial.

In der Stadt ist das eigene Auto schon heute in vielen Fällen das unpraktischere Verkehrsmittel. Dort ist fast jeder zweite damit zurückgelegte Weg kürzer als 5 km. Auf solchen Strecken bringt einen das Fahrrad am schnellsten ans Ziel. Auch deshalb steigen mehr und mehr Menschen aufs Rad. Der vergleichsweise geringe Anstieg der mit dem Rad zurückgelegten Wege in den Jahren 2007 bis 2016 um moderate 2 Prozentpunkte täuscht: Hinter der gesamtdeutschen Zahl verbergen sich zweistellige Zuwachsraten in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München. Doch es könnten noch mehr sein.

Verkehrsplanung und -politik ist zu autofixiert

Weil Verkehrsplaner sich bis vor Kurzem nahezu ausschließlich am Auto orientierten, sind breite, sichere Radwege an den allermeisten Straßen die Ausnahme, sind viele Kreuzungen für Radfahrende mindestens unübersichtlich, manche schlicht lebensgefährlich. Diese gefühlte und die reale Unsicherheit setzt bei vielen eine fatale Spirale in Gang: Ist das Auto nicht sicherer als das Rad? Und ist ein großes Auto nicht sicherer als ein kleines? Gedanken, die Hersteller nur zu gerne verstärken. Mit Erfolg, wie stetig steigende SUV-Verkäufe zeigen. Die Folge: eine katastrophale Klimabilanz des Verkehrs. Während Deutschland seine CO2-Emissionen seit 1990 insgesamt um etwa 35 % gesenkt hat, steigen die CO2-Emissionen im Verkehr wieder. Der Verkehr ist der einzige Bereich, in dem seit 30 Jahren keinerlei Fortschritte beim Klimaschutz erzielt wurden.

Der Grund ist eine Verkehrspolitik, die aus falsch verstandener Rücksicht auf die kurzsichtigen Interessen von Autokonzernen weder der Industrie noch den Käufern Orientierung bietet. Statt die deutsche Schlüsselindustrie mit einem klaren politischen Rahmen zu mehr Tempo beim Umstieg auf klimaverträgliche Angebote anzuspornen, gaukelt die Bundesregierung – vor allem Unionspolitiker wie Verkehrsminister Andreas Scheuer – der Autoindustrie vor, für den Umbau ihres Geschäftsmodells noch Zeit zu haben. Ein fataler Fehler für den Klimaschutz, aber auch für die gut 800.000 Arbeitnehmer der Branche. Deren Arbeitsplätze sind umso sicherer, je früher sich Konzerne ein Geschäftsmodell suchen, das nicht im Zerstören des Planeten besteht.

Verbrennungsmotor hat keine Zukunft mehr

In Zeiten einer sich zuspitzenden Klimakrise und eines wachsenden gesellschaftlichen Bewusstseins, dass fossile Energieträger wie Kohle, Gas und Öl im Boden bleiben müssen, gerät der Verbrennungsmotor zum Auslaufmodell. Länder wie Frankreich, Großbritannien oder Indien haben bereits ein Datum angekündigt, ab dem keine weiteren Diesel und Benziner mehr zugelassen werden. Weitere Länder werden folgen, denn ohne den Öl-Ausstieg sind die Klimaziele im Verkehr nicht zu erreichen. Will die deutsche Autoindustrie ihre heute noch starke Marktposition künftig verteidigen, muss sie sich an die Spitze dieser Entwicklung setzen. Andernfalls werden Newcomer wie Tesla ihnen weiter Marktanteile abnehmen.

Allein der Wechsel des Antriebs hin zu Elektromotoren wird dabei nicht reichen. 2 Tonnen schwere SUV – ganz gleich ob mit Diesel oder Strom betrieben – sind das Gegenteil einer Verkehrswende. Neben einem raschen Ausstieg aus dem Verbrenner brauchen wir deshalb auch einen massiven Ausbau des Angebots an Bus- und Bahnverbindungen, damit die Zahl der privaten Autos schnell sinken kann. Greenpeace fordert nicht weniger Mobilität, sondern eine klimafreundlichere Mobilität. Die aber kann es nur ohne Öl und mit deutlich weniger Autos geben.
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Onlinetipp

Greenpeace / Wuppertal Institut
Verkehrswende für Deutschland
Der Weg zu CO2-freier Mobilität bis 2035
August 2017
www.t1p.de/ln4p
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Dr. Benjamin Stephan

Jahrgang 1982, studierte Politikwissenschaft, schlug nach dem Diplom zunächst eine akademische Berufslaufbahn ein und promovierte. Von 2014 bis 2017 war er dann für den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung tätig – Themenschwerpunkte: Klimawandel, Urbanisierung und nachhaltige Stadtentwicklung. Seit 2017 arbeitet er bei Greenpeace als Campaigner für Mobilität und Klima.

 

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Email: bstephan@greenpeace.org