Jurawälder – Vorbild für die Forstwirtschaft

Lärchenbäume im Buchenwald: Da das untere und das mittlere Waldstockwerk während der Vegetationszeit abgedunkelt sind, treiben keine Äste aus und es entsteht wertvolles Nutzholz. – Foto: Erwin Engeßer

Im Oberpfälzer und Kelheimer Jura haben unsere Vorfahren auf einer Fläche von fast 40.000 Hektar sehr artenreiche und naturnahe Mischwälder geschaffen und uns übereignet. Diese sogenannte „Juramischung“ ist ein wertvolles Erbe und zugleich ein Leitbild für die Zukunft unserer Wälder.

Die hier von Natur aus dominierenden Buchenwälder wurden mit Bauholz- und Wertholzbäumen angereichert – treffender kann man sagen: aufgefüllt. Vor allem im Bereich der Kuppenalb im Raum Parsberg–Velburg–Lauterhofen gibt es Waldbestände mit 15 Baumarten und mehr: Die Rotbuche als Schattbaumart mit der Fähigkeit, alle Stockwerke des Jurawaldes aufzufüllen, bildet das natürliche Fundament dieser Wälder. Auf südexponierten Lagen haben unsere Vorgänger häufig Kiefer, Eiche, Vogelkirsche, Elsbeere, Spitz- und Feldahorn in der Buche dazugepflanzt bzw. als Naturverjüngung durch Pflegemaßnahmen gefördert. Vor allem in den Staatswaldungen wurde ab ca. 1850 mit dem Anbau nicht heimischer Baumarten wie der Schwarzkiefer – natürlicher Lebensraum: Balkan und Korsika – und der Douglasie – natürlicher Lebensraum: Pazifikküste Nordamerikas – experimentiert. Im Bereich der Oberhang- und Kuppenlagen war es für die waldbauliche Arbeit selbstverständlich, die europäische Lärche als Baumart mit Wertholzerwartung beizupflanzen. Von Natur aus finden wir auf den Felsköpfen auch häufig die Winterlinde. Nur auf diesen Sonderstandorten kann sie sich gegen die übermächtige Rotbuche durchsetzen.

In Muldenlagen mit tiefgründigeren Böden und auf den kühleren Nordseiten der Jurahügel haben unsere Vorfahren jede Gelegenheit genutzt, die Bauholzbäume Fichte und Weißtanne zusätzlich einzubringen. Vor allem auf felsdurchsetzten oder blocküberlagerten schattseitigen Lagen kommt der Bergahorn häufig vor. Von Natur aus kann er hier die Buche verdrängen, weil diese bei ausgeprägter Blocküberlagerung an Konkurrenzkraft verliert. Früher war auf solchen Standorten neben der Hainbuche auch noch die Bergulme beigemischt. Aufgrund des sogenannten Ulmensterbens, ausgelöst durch eine in den 1970er-Jahren aus Amerika eingeschleppte Pilzart, finden wir diese vor 100 Jahren häufige Baumart nur noch in seltenen Einzelexemplaren. In den Schreinereien im Oberpfälzer Jura war „Rüster“, wie das Holz der Ulme bezeichnet wird, früher ein gerne verwendetes Möbelholz.

Der Oberpfälzer Jura ist an der Oberfläche sehr wasserarm. Von den Höhlenforschungen wissen wir, dass sich im Untergrund auf großer Fläche eine Tropfsteinhöhlenlandschaft mit einem unterirdischen Gewässersystem befindet. An den wenigen Quellaustritten, wasserführenden Bachläufen und Talmooren finden wir die Esche und die Rot- oder Schwarzerle. Die Esche ist aktuell auch – genauso wie die Ulme – durch einen eingeschleppten Pilz in ihrem Vorkommen in Mitteleuropa bedroht.

Natürlich kommen in den Wäldern des Jura auch immer wieder die Pioniergehölze Vogelbeere, Birke, Aspe (Zitterpappel) und Salweide sowie die Eibe vor. Die Eibe war in ganz Deutschland bereits im Spätmittelalter nahezu ausgerottet. Die besondere Eignung des zähen Holzes für Bögen und Armbrüste wurde ihr zum Verhängnis.

Naturnahes Ökosystem und optimiertes Wirtschaftsobjekt

Das Besondere an der Juramischung ist die Kombination aus Heimatbäumen – Buche, Eiche, Weißtanne, Edellaubbäume – und aus Bauholzbäumen – Fichte, Kiefer, Weißtanne, Lärche, Eiche – und der intelligente Baumarten-Mix in den verschiedenen Stockwerken des Waldes, also das Mischen von Lichtbaumarten, Halbschatt- und Schattbaumarten auf einer Fläche. So schufen unsere Vorfahren ein vielfältiges Ökosystem, in dem die gesamte Schöpfungsvielfalt der Buchenwälder erhalten bleibt, aber auch einen leistungsfähigen Wirtschaftswald mit guter Holzproduktion.

In den unteren und mittleren Stockwerken der Jurawälder dominiert vor allem die Schattbaumart Buche, beigemischt sind hier die auch Schatten ertragenden Baumarten Weißtanne, Hainbuche, Winterlinde und Eibe. Aus diesem „Teppich aus Buche“ ragen die Lichtbaumarten Lärche, Eiche, Fichte, Douglasie und Edellaubbäume heraus und produzieren im oberen Stockwerk des Waldes langschäftiges Bau- und Wertholz.

Die Buche entfaltet aber auch im Unter- und Zwischenstand auf ganzer Fläche ihre ökologischen Vorteile:

  • Sie wirkt als Nährstoffpumpe, bringt durch den jährlichen Laubfall Nährstoffe aus mittleren Bodenschichten in die Humusauflage und fördert so auch das Wachstum der eingebrachten Mischbaumarten.
  • Durch ihre plastische Krone und ihr ausladendes Wachstum in die Breite schützt sie den Boden und bewahrt die Feuchtigkeit im Wald.
  • Den mittleren Kronenraum füllt sie mit ihrem Blattwerk und sorgt so für eine bevorzugte Astreinigung bei den dazu gepflanzten Bauholz- und Wertholzbäumen. So wird sie zum „Bau- und Wertholzmacher“ bei Eiche, Lärche, Kiefer, Douglasie und Fichte.

Man schlägt also mehrere Fliegen mit einer Klappe: Während der Buchen-Teppich seine ökologischen Vorteile als Nährstoffpumpe und optimaler Boden- und Stammschutz entfalten kann, bringen die Bau- und Wertholzbäume den ökonomischen Ertrag und liefern das Nutzholz für den Menschen. Während in reinen Buchenwäldern auf mittleren Jurastandorten pro Hektar und Jahr 6–7 m³ Holz zuwachsen, wachsen im „angereicherten“ Jurawald 9–12 m³ Holz zu. Die Mischkultur und das Wachstum in den verschiedenen Stockwerken sorgen für diesen höheren Holzzuwachs.

Interessant wird die Sache, wenn wir uns jetzt noch die Holzverwendung anschauen: Das Holz der Buche dient vor allem als Brennmaterial oder als Industrieholz für Textilfasern bzw. als Biomasse für die chemische Industrie (80–90 %), weniger für die Möbelherstellung und als Baumaterial (10–20 %). Die Stärke der Buche im Jurawald ist ihre ökologische und stabilisierende Wirkung und von der Nutzung her ihr hoher Brennwert. Bei den Nadelholzarten Fichte, Tanne, Kiefer, Douglasie und Lärche dagegen liegt die Bau- bzw. Wertholzquote bei ca. 80 %, wogegen nur ca. 20 % als Brennholz oder Industrieholz verwertet werden.

Welche Anforderungen müssen Wälder in Zukunft erfüllen?

Mit der für die nächsten 50 bis 100 Jahre prognostizierten Klimaerwärmung gut zurechtzukommen, ist die große Herausforderung an unsere Wälder. Deren tragendes Fundament müssen Baumarten sein, die der Klimaerwärmung gewachsen sind. Nur gemischte Wälder, die aus 4–6 überwiegend heimischen Hauptbaumarten bestehen, sind stabil, risikoarm und zukunftsfähig. Aus der Forstgeschichte wissen wir, dass Monokulturen und auch Wälder mit einer geringen Baumartenvielfalt sehr störanfällig sind.

Wälder werden zunehmend wichtiger als nachwachsender Baustoff-, Brennstoff- und Biomasselieferant für die zur Neige gehenden fossilen Rohstoffe und Energieträger. Für den Klimaschutz ganz entscheidend ist das Bauen mit Holz. Hierfür brauchen wir Baumartenmischungen, die möglichst viel Bauholz produzieren. Der entscheidende Hebel zur verstärkten CO2-Bindung sind – global gesehen – großflächige Wiederbewaldungsprojekte, die Erhöhung der Holzvorräte bestehender Wälder durch einen intelligenteren Baumarten-Mix und das verstärkte Bauen mit Holz.

In Deutschland sind aufgrund der Flächenknappheit großflächige Erstaufforstungen nicht mehr möglich. Sehr gut möglich sind jedoch eine großflächige Erhöhung der Holzvorräte durch eine neue, moderne und intelligentere Baumarten-Zusammensetzung und eine markante Erhöhung der Holzbauquote. Die ausgeklügelte Juramischung unserer Vorfahren, die auf bestmögliche und risikoarme Nutzung des Waldes in der kargen und wasserarmen Landschaft angewiesen waren, kann hierfür wegweisend sein!

Juramischung – ein zukunftsfähiges Mischwald-Bauholz-Konzept

Eine häufige Ausprägung der Juramischung wurde in der „Förstersprache“ der Nachkriegszeit wie folgt in Zahlen gefasst: „In der Hauptschicht (Oberschicht): 40 % Fichte, 10 % Tanne, 10 % Lärche, 5 % Kiefer, 30 % Buche und 5 % Edellaubholz – und 70 % Buche im Unter- und Zwischenstand.“ So einfach und klar wurde der Waldaufbau in den drei Stockwerken des Waldes beschrieben. Vom Waldaufbau und von der Vielfalt der beteiligten Baumarten her ist diese Mischung schon nahe dran am idealen Zukunftswald.

Im Wissen um die Klimaerwärmung betrachten wir allerdings heute einen Fichten-Anteil von 40 % und mehr als nicht zielführend. Die Fichte ist ein robuster Gebirgsbaum, der an kühlere Klimate angepasst ist. Die Fichte kann mit der prognostizierten Klimaerwärmung von 1,5–3,0 °C nicht annähernd zurechtkommen. Sie kann allerdings z. B. in Nord-exponierten Lagen oder in kalten Mulden in Anteilen von 10–20 % ohne großes Risiko beteiligt werden, vor allem wenn sie mit Buche oder Hainbuche unterfüttert ist.

Welche Baumarten die Fichte als Bauholz ersetzen können

Die heimische Weißtanne sollte im Zukunftswald mit Anteilen von möglichst 20–30 % beteiligt sein. Da sie gut in allen Etagen des Waldes wachsen kann, füllt sie die Bestände mit zusätzlicher Holzmasse. Die geraden, vollholzigen Stämme liefern gutes Bauholz.

Die aus Nordamerika stammende Douglasie ist vom Wachstum her allen heimischen Baumarten überlegen. Sie produziert viel Masse und vielseitig verwendbares, wertvolles rötliches Holz. Ihre guten Wuchseigenschaften entfaltet sie vor allem als Mischbaumart in der Buche. Sie ist wie die Tanne keine Baumart für einschichtige Reinbestände. Seit ca. 150 Jahren wird sie in Europa angebaut. Die Forstwissenschaft kennt inzwischen die geeigneten Herkünfte für die verschiedenen Regionen und Standorte: Mit ca. 20 % Douglasie sollte der Zukunftswald angereichert werden.

Je nach Standort und Lage sollten zusätzlich Lärche, Kiefer und Schwarzkiefer in Anteilen von je 10 % beteiligt werden. Die Baumartengarnitur in der Oberschicht des Waldes kann komplettiert werden mit der Eiche, Edellaubbäumen und einzelnen Buchen. Die Eiche eignet sich hervorragend als stabilisierende Baumart gegen Stürme an westlichen Waldrändern oder entlang von Wegen. Edellaubbäume wie Berg- oder Spitzahorn, Kirsche oder auch Nussbäume werden sinnvollerweise auf nährstoffreichen Böden ergänzt.

Aber ganz wichtig: Im unteren und mittleren Stockwerk des Zukunftswaldes brauchen wir möglichst auf 100 % der Fläche die heimische Buche, die „Mutter des Waldes“, als natürliches, ökologisches Füllholz!

 

Baumarten-Mischungen Gesamtwuchs-
leistung
Erntefestmeter Holz

nach 120 Jahren
pro Hektar

davon
Bauholz

davon
Brennholz
bzw. Industrieholz
Wertleistung
in Euro
pro Hektar
und Jahr
(Preise der
letzten 5 Jahre)
Klimaschutz-
leistung

a) CO2-Bindung
im Waldbestand

b) CO2-Bindung
im verbauten Holz

c) Substitution fossiler Energieträger
in Tonnen CO2
pro Jahr und Hektar
Reiner
Juralaubwald
90% Buche,

10% Edellaubholz

700

100

600

300

8–10
Aktuelle
Juramischung
40 % Fichte,
10% Tanne,
10% Lärche,

5% Kiefer,
30% Buche,
5% Edellaubholz
sowie 70% Buche im Unter-/Zwischenstand

1.000

600

400

700

13–15
Juramischung
der Zukunft
20% Tanne,
20% Douglasie,
10% Lärche,
10% Kiefer,
10% Eiche,
10% Edellaubholz,

20% Buche sowie
100% Buche im Unter-/
Zwischenstand

1.500

1.000

500

1.200

20–25

 

Erwin Engeßer

Jahrgang 1957, studierte Forstwissenschaften und arbeitete anschließend vier Jahrzehnte lang bis 2019 als Forstbeamter bei der Bayerischen Forstverwaltung und den Bayerischen Staatsforsten, davon 24 Jahre am Forstamt bzw. Forstbetrieb Kelheim, zuletzt als dortiger Betriebsleiter. Schwerpunkt seiner Aufgabe war die naturschutzgerechte Waldbewirtschaftung in den Jurawäldern des Naturparks Altmühltal. Seit 1993 ist er Mitglied der ÖDP.

 

Weitere Beiträge von

 

Email: engesser.fam@t-online.de