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Postfaktische Naturverklärung ist kontraproduktiv

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Über eine Million Mal wurde der Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ des Försters Peter Wohllebens seit seinem Erscheinen im Jahr 2015 verkauft. Die Wissenschaft schaute dem lange irritiert und fassungslos zu. Dann raffte sich ein Biologe auf und schrieb als Antwort „Das wahre Leben der Bäume“.

Zwar ist es grundsätzlich erfreulich, dass ein Buch über Bäume plötzlich zum Bestseller wird, doch die große Frage lautet: warum gerade Wohllebens Konglomerat aus wissenschaftlichen Halbwahrheiten und spekulativen Mutmaßungen? Wie konnte es dazu kommen, dass so viele Journalisten die Ausführungen des selbst ernannten „Experten“ nicht stärker hinterfragten und ihn unkritisch hochjubelten? „Ein faszinierendes Buch über eine gewaltige Kreatur, der es offenbar gelungen ist, sich vor unser aller Augen zu verstecken“ stand zum Beispiel in der Welt; „Wohlleben hat dem Wald die Seele zurückgegeben“ in der Süddeutschen; „fundiert und faszinierend“ in der Gala; „ein faszinierendes Sachbuch, das Entdeckungen aus einem oft unbekannten benachbarten Universum unterhaltsam präsentiert“ im Greenpeace Magazin; „nach der Lektüre sieht man Bäume mit anderen Augen“ in der Natur und „Wohllebens Bücher erweitern unsere Wahrnehmung von der Welt“ im Tagesspiegel.

Es ist zugegebenermaßen sehr unterhaltsam und mit flotter Feder geschrieben, aber warum wurden die Inhalte von den Massenmedien nicht stärker hinterfragt? Warum wurden von ihnen nie Forstwissenschaftler oder Biologen interviewt, was sie von dem Buch halten? Immerhin: Inzwischen haben mehr als 4.500 Personen die Petition „Auch im Wald: Fakten statt Märchen – Wissenschaft statt Wohlleben“ unterschrieben. „Das Buch ist kein populärwissenschaftliches Werk“, heißt es darin. Es ist zwar populär, aber nicht wissenschaftlich. Es „spiegelt lediglich den aktuellen, gleichwohl unseligen Zeitgeist wider, nach dem mehrfach wiederholte Behauptungen mit fundierten Fakten gleichsetzt werden“.

„Er erzählt eine auf den ersten Blick überzeugende Geschichte, stellt Gegner auf eingängige Weise als charakterlich zweifelhaft dar, streut ein paar Fakten ein, um seine ‚Glaubwürdigkeit‘ als Förster auszuspielen und entzieht sich offensichtlichen Widersprüchen durch eine mäandrierende Argumentationsstruktur“, beschreibt der Biologie Torben Halbe, der im Mai 2017 ein kritisches Buch über Wohllebens Buch veröffentlichte, im Holz-Zentralblatt dessen Erfolgsrezept. „Ein Laie merkt womöglich kaum, dass er manipuliert wird. Von den Medien dagegen hätte ich mir mehr erwartet. Das entspricht aber vielleicht dem Zeitgeist. Es gibt eine Tendenz, alles als ‚Meinung‘ anzusehen. Und wenn jemand widerspricht, ist das eben ‚Meinung gegen Meinung‘ und eine weitere Diskussion erübrigt sich, da Meinungen gemäß dieser Lesart gleichwertig und Ausdruck eines individuellen Charakters sind.“

Halbe setzt auf belastbare Fakten. Er verzichtet auf gedankliche Assoziationen und versucht, die Augen seiner Leser für die faszinierende Komplexität und Schönheit der Natur zu öffnen. Kapitel für Kapitel klärt er über die Ungereimtheiten und falschen Schlüsse in Wohllebens Buch auf und stellt sie richtig. Denn in einem eingebildeten Umweltschutz sieht er eine große Gefahr für wirklichen Umweltschutz und vor allem für einen wirkungsvollen Klimaschutz. So behauptet Wohlleben zwar richtig, ein Baum würde Zeit seines Lebens ständig CO2 in sein Holz einlagern, unterschlägt aber die wichtige Tatsache, dass das eingelagerte CO2 nach dem Absterben des Baums beim Verrotten des Holzes wieder komplett freigesetzt wird. Und dass deshalb bewirtschaftete Kulturwälder die deutlich besseren Kohlenstoffsenker sind als komplett der Natur überlassene Urwälder. Wohlleben „steht für eine Umweltpolitik, die sich ‚vor der Haustüre‘ eine ‚heile Welt‘ aufzubauen versucht, ohne globale Komplikationen zu berücksichtigen“, kommentiert dies Halbe. „Er hat nur eine Illusion in die Köpfe der Menschen gerückt, einen fiktiven, ‚perfekten‘ Bambi-Wald.“

Der Erfolg von Wohllebens Buch beruht wohl darauf, dass er mit seiner Verklärung des Waldes ein starkes Verlangen nach Harmonie bedient. Mit der Wirklichkeit hat das aber wenig zu tun. „Ich bin mir völlig darüber im Klaren, dass ich der Böse bin, wenn ich sage: In Baumbeständen sind Konkurrenz und Tod ein zentrales Element der Walddynamik. Das will keiner hören“, sagt dazu Christian Ammer, Forstwirtschaftsprofessor an der Universität Göttingen und Mitinitiator der Petition. „Die Leute wollen lieber lesen, dass die Bäume sich liebhaben und dass sie sich helfen. In gewisser Weise sagt es über die Wünsche und Sehnsüchte der Leser mehr aus als über die Wälder.“

Die Wünsche und Sehnsüchte haben ihre Ursache sicher auch in einem Unbehagen an unserer von der neoliberalen Ideologie geprägten Gegenwart. Sich in Illusionen zu flüchten, lenkt vielleicht kurzfristig davon ab und entlastet von unangenehmen Gefühlen, ändert aber nichts an den Ursachen. Für positive Veränderungen braucht es Mut zur Wahrheit!

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Bücher

Torben Halbe
Das wahre Leben der Bäume
Ein Buch gegen eingebildeten Umweltschutz
Woll, Mai 2017
176 Seiten, 19.99 Euro
978-3-943681-75-8

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Peter Wohlleben
Das geheime Leben der Bäume
Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt
Ludwig, Mai 2015
224 Seiten, 19.99 Euro
978-3-453-28067-0
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Links

Interview mit Christian Ammer
Bäume kuscheln nicht
FAZ, 21.09.2017
http://blogs.faz.net/blogseminar/die-wahrheit-ueber-den-deutschen-wald/comment-page-2/#comments

Ralf Dörwang
Wie darf man über Natur schreiben?
NDR Kulturjournal, 11.09.2017
http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/kulturjournal/Wie-darf-man-ueber-Natur-schreiben,kulturjournal5546.html

Universität Göttingen
Auch im Wald: Fakten statt Märchen – Wissenschaft statt Wohlleben
openPetition, 08.02.-07.04.2017
www.openpetition.eu/petition/online/auch-im-wald-fakten-statt-maerchen-wissenschaft-statt-wohlleben
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Günther Hartmann

Günther Hartmann

Jahrgang 1965, studierte Architektur und war nach dem Diplom zunächst in verschiedenen Architektur- und Stadtplanungsbüros tätig. Seit 2008 arbeitet er hauptberuflich als Journalist. In die ÖDP trat er 1998 ein und seit 2006 ist er Verantwortlicher Redakteur der ÖkologiePolitik.

 

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Email: guenther.hartmann@oekologiepolitik.de