Interview: „Extremes zieht die Aufmerksamkeit an“

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Das Internet ist heute die dominierende Informationsquelle. Seine Nutzung geht einher mit einer schleichenden Veränderung unserer Wahrnehmung, unseres Denkens, unseres Selbstverständnisses, unserer Persönlichkeit, unserer Beziehungen und unseres Weltbildes. Wir werden manipulierbarer. Und das gefährdet Rechtsstaatlichkeit und Demokratie.

ÖkologiePolitik: Frau Hofstetter, warum ist die Digitalisierung gefährlich?

Yvonne Hofstetter: Die Digitalisierung ist eine menschliche Kulturleistung und als solche nicht direkt gefährlich. Aber alle menschlichen Kulturleistungen verändern die Gesellschaft von Grund auf, setzen Normen, Regeln, Lebensentwürfe und Herrschaftsformen außer Kraft. Technologische Kräfte der Digitalisierung sind z. B. Datenströme in Echtzeit, Künstliche Intelligenz und Dauerüberwachung. Dadurch wird nichts so bleiben, wie es war. Aus DVDs werden Streams, aus Büchern fluide Texte auf einem Kindle, aus Zeitungen News Feeds. Berufe wie Lkw-Fahrer, Programmierer oder Buchhalter werden automatisiert. Von diesem zerstörerischen Potenzial bleibt die Demokratie nicht ausgenommen. Schon die Dauerüberwachung der Menschen ist mit Demokratie nicht vereinbar. Und die zunehmende Vernetzung macht unsere Gesellschaft noch dynamischer und komplexer – und damit auch zunehmend chaotischer.

Steigt durch die Digitalisierung auch die Manipulierbarkeit?

Ja. In der digitalen Ära geht es um Personalisierung: um personalisierte Suchergebnisse, um personalisierte „Nachrichten“ usw. Ich soll in meiner eigenen Welt, in meiner „Echokammer“ leben. Dafür werden Profile von Menschen berechnet. Künstliche Intelligenzen beurteilen uns und spielen uns dann Information zu, die auf uns zugeschnitten ist. Damit wird unsere Gesellschaft in eine Masse von Einzelmeinungen fragmentiert. Parteien, Kirchen oder Vereine verlieren an Einfluss und Bindungskraft. Es fehlt an gemeinsamer Programmatik. Wer aber kein inneres Programm mehr hat, der ist sehr leicht von rechts oder links beeinflussbar.

Von rechts oder links?

Nicht die Mitte, sondern Extremes zieht die Aufmerksamkeit an: Übertreibungen, Lügen, Auslassungen. Die Mitte ist für das Internet uninteressant. Denn Content aus der Mitte ist unspektakulär, ist Content, den keiner lesen will. Die IT-Giganten haben ihre Online-Plattformen aus Werbetechnologien entwickelt. Haben Sie schon einmal eine Werbung gesehen, die eine „mittlere“ Botschaft sendet? Es geht immer um Aufreger und Erregung.

Soziale Netzwerke galten als neue Stufe von Demokratie und Freiheit.

Soziale Netzwerke versprechen, dass man sich direkt mit Freunden austauschen kann. Tatsächlich tausche ich meine Informationen aber zuerst mit dem Netzwerkkonzern aus. Der nutzt sie, um mich zu profilen, um meine „Echokammer“ auszubauen, in der ich nur sehe, was mich interessiert. Jeder Klick auf Links, die zu meinem Interesse passen, bringt Geld – dem Konzern, nicht mir. Vollends irrsinnig ist, dass wir diese Werbetechnologien auch für die Nachrichtenbeschaffung auserkoren haben. Dabei sind Nachrichten über die Wirklichkeit auf solchen Plattformen gar nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Bei der Werbung ist das gefragt, was erregt und aufregt. Aufregung macht Klick – und schon fließt der Geldsegen.

Wie wirkt sich das Profiling auf unsere Demokratie und Freiheit aus?

Polizeibehörden in den USA und England setzen heute schon Algorithmen ein, die die Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der Bürger straffällig werden. Noch bevor sie eine Straftat begangen haben, erhalten Betroffene ein Anschreiben: „Wir haben ausgerechnet, dass Sie in den nächsten drei Monaten mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine kriminelle Handlung verstrickt sein werden – entweder als Täter oder als Opfer. Wenn Sie sich nicht gesetzestreu verhalten, wird Sie der Arm des Gesetzes mit voller Wucht treffen und streng bestrafen.“ Kein Betroffener bewegt sich da noch frei, sondern schränkt sein Verhalten stark ein: hört keinen Rap mehr, trifft sich nicht mehr mit seiner Clique, geht nicht mehr in verrufenen Stadtbezirken aus. Die Souveränität, die Selbstbestimmung des Betroffenen wird durch so ein prädizierendes staatliches Handeln massiv beschränkt. Das hat mit unserem Rechtsstaatsverständnis nichts mehr zu tun. Rechtsstaatlichkeit ist aber eine Grundlage der Demokratie.

Lassen sich heute schon gravierende Unterschiede zwischen Digital Natives und Digital Immigrants feststellen?

Digital Natives haben das Vertrauen in die Demokratie verloren. Laut World Value Study 2016 halten nur noch 30 % der zwischen 1980 und 2000 Geborenen die Grundrechte für wichtig. 49 % der US-amerikanischen Digital Natives wünschen sich einen starken Führer, gerne auch eine Militärregierung. Der Trend in Europa ist ähnlich. Begonnen hat diese Erosion mit der digitalen Überwachung: Zuerst haben die Digital Natives die Privatsphäre abgeschrieben. Danach war ihnen das algorithmische Profiling egal, das häufig technologisch diskriminiert. Aber Grundrechte sind eine Grundlage der Demokratie. Wer sie aufgibt, fügt der Demokratie schlimme Defekte zu.

Welche Maßnahmen könnten das korrigieren?

Unsere demokratischen Verfassungen waren nicht darauf vorbereitet, dass globale Konzerne die Grundrechte der Bürger fast mehr verletzen als Staaten. Es ist Aufgabe des Gesetzgebers, dies zu berichtigen. Das Gesetz muss auch im 21. Jahrhundert noch leisten, was es leisten kann. Es kommt allerdings auch an seine Grenzen, denn es wird zunehmend von der Technosteuerung abgelöst.

Warum wird die Digitalisierung von der Politik so unkritisch hingenommen?

Die Digitalisierung verspricht einen neuen Goldrausch: den Rausch der Daten, der neuen Leitwährung des 21. Jahrhunderts. Wirtschaftswachstum geht über Bürgerrechte, auch bei der Digitalisierung. Nicht nur der betrogene Autofahrer ist der Politik egal, wenn es um die Macht der Autokonzerne geht. Auch die bürgerlichen Freiheiten müssen hinter den Interessen der übermächtigen Tech-Konzerne zurückstehen.

Frau Hofstetter, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

 


Buchtipps

Yvonne Hofstetter
Das Ende der Demokratie
Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt
C. Bertelsmann, September 2016
512 Seiten, 22.99 Euro
978-3-570-10306-7

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Yvonne Hofstetter
Sie wissen alles
Wie Big Data in unser Leben eindringt und warum wir um unsere Freiheit kämpfen müssen
Penguin, August 2016
352 Seiten, 10.00 Euro
978-3-328-10032-4

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Foto: C. Bertelsmann

Yvonne Hofstetter

Jahrgang 1966, studierte Jura, ist seit 1999 in der IT-Branche tätig und seit 2009 Geschäftsführerin eines Unternehmens, das Künstliche Intelligenz für industrielle Einsatzzwecke entwickelt. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit Fragen zu Nutzen und Risiken der Digitalisierung für unsere Gesellschaft, worüber sie zahlreiche Artikel und Bücher veröffentlichte.

 

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