Interview: „Plumpe Lügen sind eher die Ausnahme“

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Wie ist es in einer Demokratie möglich, dass die große Mehrheit der Bevölkerung bei Wahlen immer wieder eine Politik unterstützt, die ihren Interessen völlig zuwiderläuft? Dieses irrationale Verhalten lässt sich nur verstehen, wenn man die Funktionsweise der menschlichen Psyche kennt – und die Techniken, mit denen sie manipuliert werden kann.

ÖkologiePolitik: Herr Prof. Mausfeld, welche Bedeutung haben Fake News für die Manipulation des öffentlichen Bewusstseins?

Prof. Dr. Rainer Mausfeld: Fake News sind seit je ein beliebtes Mittel, um die öffentliche Meinung zu steuern. Sie sind ein altes Phänomen und haben wenig mit dem Internet zu tun. Fast immer, wenn eine Bevölkerung auf einen Krieg eingeschworen werden soll, verbreiten Regierung und Massenmedien erfundene Geschichten über angebliche Gefahren oder Gräueltaten. Solch plumpe Lügen sind aber eher die Ausnahme. Die Regel sind viel subtilere Methoden der Manipulation.

Welche Methoden sind das?

Es gibt davon ein großes Arsenal. Beispielsweise die Überflutung mit Informationen, was zu einer Übersättigung führt und die Aufmerksamkeit sinken lässt. Oder die andauernde Wiederholung einer bestimmten Botschaft. Oder die Erzeugung von Angst, wodurch das Denken blockiert wird. Die Methoden sind mannigfaltig. Ihre geschickte Kombination macht sie besonders wirkungsvoll.

Was bewirkt die Wiederholung einer Botschaft?

Sie bewirkt, dass der „gefühlte Wahrheitswert“ einer Botschaft steigt. Psychologische Experimente haben gezeigt, dass dies selbst dann funktioniert, wenn wir zuvor über diesen Effekt aufgeklärt werden. Je öfter eine Botschaft wiederholt wird, desto eher wird sie als wahr eingeschätzt – völlig unabhängig davon, wie wahr sie tatsächlich ist.

Wie wird sonst noch manipuliert?

Eine schlichte, aber sehr wirksame Methode besteht z. B. darin, Tatsachen als bloße Meinung zu bezeichnen. Oder man reißt Tatsachen aus ihrem Kontext heraus, sodass Sinnzusammenhänge verloren gehen. Oder man bettet sie in einen anderen Kontext ein, gaukelt also andere Sinnzusammenhänge vor. Oder man deklariert, wo die Grenzen für „vernünftige“ Meinungen liegen, und bezeichnet alles, was außerhalb dieser Grenzen liegt, als „unvernünftig“ und „undiskutabel“. Da wir dazu neigen, bei Konflikten gegensätzlicher Positionen die Wahrheit in der Mitte zu vermuten, kann man durch die Festlegung der Grenzen des „Vernünftigen“ unser Urteilsvermögen beeinträchtigen und so den öffentlichen Diskussionsraum auf die politisch gewünschten Positionen verengen.

Wie rational ist das menschliche Urteilsvermögen?

Es ist in seiner Rationalität sehr begrenzt und stark gefühlsgeleitet. Das hat in unserem Alltag durchaus Vorteile, eröffnet jedoch auch viele Möglichkeiten für Manipulation. So haben wir z. B. große Schwierigkeiten, abstrakte, also nicht unmittelbar sinnlich greifbare Ursachen gesellschaftlicher Phänomene zu erfassen. Über direkte Gewalt, wie z. B. Folter oder Mord, die Menschen an anderen Menschen ausüben, empören wir uns sehr viel leichter als über abstrakte Gewalt, wie sie von unserer neoliberalen Wirtschaftsordnung und ihren Akteuren ausgeübt wird, auch wenn diese ein Vielfaches an Opfern fordert.

Eigentlich sind die Manipulationsmethoden ziemlich simpel. Warum funktionieren sie?

Auch bei Zauberkünstlern sind wir uns bewusst, dass ihre Tricks auf Täuschung basieren, können uns aber dennoch ihrer Wirkung nicht entziehen. In der Politik sind die verwendeten Täuschungsmethoden sogar wesentlich einfacher. Das entscheidende Transportmittel der Manipulationen sind die Massenmedien. Das ist seit je so und ergibt sich bereits aus deren ökonomischer Situation. Hierzu gibt es eine Fülle sorgfältiger Studien. Angesichts solcher empirischen Belege überrascht die Beharrlichkeit, mit der Journalisten ihr berufliches Selbstbild einer unvoreingenommenen Vermittlung der gesellschaftlichen Realität aufrechtzuerhalten suchen. Dies lässt sich wohl nur dadurch erklären, dass sie durch ihre Ausbildung in besonders hohem Maße indoktriniert werden.

Welche Rolle spielt die Sprache?

Eine herausragende. Mithilfe von Schlüsselbegriffen hält man das Denken in Schach. Neoliberale Begriffe wie „Reform“, „Globalisierung“ oder „Wettbewerbsfähigkeit“ klingen positiv, sorgen für Akzeptanz, verzerren und verharmlosen aber die soziale Realität, die sich hinter ihnen verbirgt. Oder denken Sie an Kriege: Dienen Kampfhandlungen unseren Interessen, werden die Akteure „Rebellen“ oder „Freiheitskämpfer“ genannt, laufen sie unseren Interessen zuwider, dann heißen sie „Terroristen“. Für Kriege werden heute PR-Agenturen engagiert, die dafür sorgen, dass bei allen Berichten bestimmte Sprachregelungen zum Einsatz kommen. So wird das öffentliche Bewusstsein geformt und gelenkt.

Woher haben die Manipulanten ihr Wissen?

Die Sozialwissenschaften und die Psychologie spielen seit vielen Jahrzehnten bei der Entwicklung von Techniken des Meinungsmanagements eine zentrale Rolle. Nur als kleines Beispiel: Die American Psychological Association (APA) führte 2003 mit der CIA einen Workshop durch, um neueste psychologische Erkenntnisse „zum Zwecke nationaler Sicherheit“ aufzubereiten und für eine wirkungsvolle Manipulation der Bevölkerung zu nutzen.

Wie kann man sich gegen die Manipulation schützen?

Das ist – im politischen Bereich wie bei der Werbung – nicht leicht und erfordert ein Bewusstsein davon, dass man sich in einer Situation des Manipuliertwerdens befindet. Wichtig ist auch zu verstehen, wie Manipulationstechniken funktionieren und welche „Schwachstellen“ unseres Geistes sie ausnutzen. Und schließlich bedarf es unseres Willens und unserer Entschlossenheit, uns von eingeflößten Ängsten und Vorurteilen zu befreien und uns ein eigenständiges Bild von der gesellschaftlichen Realität zu machen. Wie Immanuel Kant es so schön ausgedrückt hat: Wir müssen den Mut haben, hinzusehen und uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Das ist anstrengend, aber die einzige Möglichkeit.

Herr Prof. Mausfeld, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

 


Links

Vortrag von Rainer Mausfeld
Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert?
München, Leo 17, 01.05.2017 (ÖDP München)
https://youtu.be/AU8hjfhAAxg

Interview mit Rainer Mausfeld
Die neoliberale Indoktrination
NachDenkSeiten, 18.01.2016
www.nachdenkseiten.de/?p=30286

Vortrag von Rainer Mausfeld
Warum schweigen die Lämmer?
Kiel, Christian-Albrecht-Universität, 22.06.2015
https://youtu.be/QlMsEmpdC0E
http://t1p.de/bve9 (Textfassung)

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Prof. Dr. Rainer Mausfeld

Jahrgang 1949, studierte Psychologie, Mathematik und Philosophie, schlug eine akademische Berufslaufbahn ein und hatte von 1993 bis 2016 den Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie an der Universität Kiel inne. Er arbeitet im Bereich der Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung.

 

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