Gestaltung einer Wirtschaft der Fürsorge

Foto: Albrecht E. Arnold / pixelio.de

Im deutschsprachigen Raum gehören Postwachstums- und Gemeinwohlökonomie zu den bekanntesten alternativen Wirtschaftsmodellen. Weit weniger bekannt ist die von der US-amerikanischen Rechtswissenschaftlerin und Soziologin Riane Eisler konzipierte „Wirtschaft der Fürsorge“, dabei sind ihre konzeptionellen Gedanken grundlegend für die Umsetzung dieser Ansätze.

Wie die Vertreter von Postwachstums- und Gemeinwohlökonomie ist Riane Eisler überzeugt, dass ökologische und soziale Probleme nicht allein durch neue Technologien oder einzelne Maßnahmen zu lösen sind, sondern nur durch eine andere Denk- und Lebensweise. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt darin, uns bewusst zu machen, wie wichtig die Berücksichtigung unseres über Jahrtausende gewachsenen Wertekodex für einen grundlegenden Wandel ist – besonders in Hinblick auf Frauen und die mit ihnen assoziierten Werte und Arbeiten.

Grundwerte, Wertegrund

In ihren Werken zur Postwachstums- und Gemeinwohlökonomie sprechen Niko Paech und Christian Felber auch psychologische Aspekte an. Paech betont, dass Überfluss und eine globalisierte Industrieproduktion nicht nur ökologische, sondern auch psychologische Gefahren mit sich bringen. Die Menschen werden immer abhängiger von einer Fremdversorgung und sind gleichzeitig überfordert mit dem derzeitigen Überangebot in allen Bereichen. Paech nennt dieses Phänomen „Konsum-Burn-out“. Für ihn bedeutet mehr Selbstversorgung auch mehr Zufriedenheit, Glück und Unabhängigkeit. Auch Felber betont: „Die Gemeinwohl-Ökonomie beruht auf denselben Verfassungs- und Grundwerten, die unsere Beziehungen gelingen lassen: Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen. Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen sind gelingende Beziehungen das, was Menschen am stärksten motiviert und am glücklichsten macht.“

Riane Eisler – Foto: privat

Zusammengefasst: Das aktuelle Wirtschaftssystem macht die Menschen abhängig, unselbstständig, unglücklich und unzufrieden und widerspricht unseren grundlegenden und verfassungsrechtlichen Werten. Wenn wir die Wirtschaftsmodelle von Paech und Felber umsetzen möchten, müssen wir zuerst verstehen, wie es zu dem aktuellen – mit gesundem Menschenverstand betrachtet – absurden Wirtschaftssystem kommen konnte. Eine Antwort lässt sich in Eislers „The Real Wealth of Nations“ finden.

Frauenarbeit, Fürsorgearbeit

Eisler zeigt, woher die Glaubenssätze und Grundannahmen stammen, die zu unserem derzeitigen Wirtschaftssystem geführt haben. Die Grundlagen dafür legte sie bereits in ihrem Buch „Kelch und Schwert, in dem sie die Unterschiede zwischen partnerschaftlichen und dominatorischen Kulturen erklärt. Auch wenn in der westlichen Welt seit Ende des Zweiten Weltkriegs immer mehr partnerschaftliche Elemente in Kultur und Gesellschaft einfließen, haben sie doch nicht die zahlreichen unbewussten dominatorischen Grundannahmen verdrängt, die wir in unserer geistigen Prägung seit der Antike verinnerlicht haben. Ein bedeutsames Merkmal dominatorischer Kulturen ist die Abwertung alles Weiblichen bzw. all dessen, was als weiblich erachtet wird. Daraus resultiert eine, meist unbewusste, Abwertung aller Arbeiten und Maßnahmen, die mit „weiblichen“ Eigenschaften wie Fürsorge oder Hege verbunden sind – mit entsprechenden Auswirkungen zum Beispiel auf die Bezahlung von Pflegearbeit oder Investitionen in den Umweltschutz. Aus diesem Grund ist die Betonung der Frauenrechte ein grundlegendes Element des nachhaltigen Wirtschaftsmodells, das Eisler in „The Real Wealth of Nations“ entwickelt.

Nicht nur, weil dies die einzige Möglichkeit ist, beide Hälften der Menschheit (und besonders die Hälfte, welche vornehmlich für die Versorgung und Erziehung unserer Kinder zuständig ist) zu fördern, sondern auch, weil nur dann Arbeiten und Werte, die als „typisch weiblich“ gelten, die Anerkennung erfahren, die für eine nachhaltige Wirtschaft, eine Wirtschaft der Fürsorge, nötig ist.

Die Abwertung sogenannter „Frauenarbeit“ ist nicht nur in unserem Unterbewusstsein, sondern auch in den vorherrschenden Wirtschaftsmodellen fest verankert und erhält in der wirtschaftlichen Theorie und Praxis zu wenig Beachtung. Wertungen laufen meist unbewusst ab und vielen ist nicht klar, wie sehr Fürsorgearbeit in unserer Gesellschaft und Kultur abgewertet wird – aktuelles Beispiel: das Wort „Herdprämie“.

Diese systematische Abwertung aller fürsorglichen – und weiter gefasst auch aller umweltfürsorglichen – Maßnahmen wie Sozialleistungen oder Naturschutz, die unbewusst immer als „weiblich“ verstanden werden, liegt hinter dem, was uns derzeit als „Wirtschaftlichkeit“ verkauft wird. Scheinbar faktisch hinterlegt wird diese Wirtschaftlichkeit mit Kennzahlen wie dem Bruttosozialprodukt. Schädliche Wirtschaftsaktivitäten wie der Verkauf von Zigaretten oder deren schädliche Auswirkungen wie die Kosten für die medizinische Behandlung von Raucherlungen werden als Gewinne verbucht. Gleichzeitig werden lebensnotwendige Tätigkeiten wie Haushaltsführung oder die natürlichen Ressourcen in dieser Rechnung überhaupt nicht aufgeführt. Ein alter Baumbestand wird nur in dem Sinne wirtschaftlich bewertet, in dem er als Holzlieferant dient. Sein Beitrag als ökologische Nische oder zur Sauerstoffproduktion findet im Bruttosozialprodukt keine Beachtung. Eltern, die Kinder großziehen und oft Tag und Nacht arbeiten, gelten in unserem Wirtschaftssystem als „unproduktiv“.

Auch wenn über Frauenarmut gesprochen wird, geht es meist um die „gläserne Decke“ oder „die Gehaltslücke“. Weniger Beachtung findet die Tatsache, dass Frauenarmut oft daher rührt, dass Frauen die Familienarbeit – Fürsorge für die Kinder, Kranken und Alten, Haushaltsführung, Kochen; in manchen Ländern auch das Sammeln von Feuerholz, das Wasserholen und Subsistenzwirtschaft – umsonst erledigen.

Ein Umdenken ist nötig, das dazu führt, dass wir mehr in Fürsorgestrukturen investieren. So wie bei Investitionen in materielle Infrastruktur, z. B. Gebäude oder Maschinen, muss man hier langfristig denken. Mittel für diese Investitionen kann man zum Beispiel durch Sparmaßnahmen in klassischen dominatorischen Bereichen wie der Rüstung erzielen oder durch Steuern auf Finanzspekulationen, Junkfood und andere schädliche Wirtschaftstätigkeiten. Gleichzeitig spart man durch präventive Investitionen in Mensch und Umwelt Ausgaben für Gerichtsverfahren, Gefängnisaufenthalte, Arbeitslosigkeit und Umweltschäden. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Wirtschaftlichkeit z. B. einer gerechten Bezahlung von heimischer Pflege- und Fürsorgearbeit erklären.

Eisler verweist in diesem Zusammenhang auf den Politikwissenschaftler Paul Kershaw, der Fürsorgearbeit als die Produktion öffentlicher Güter versteht – und der eine Unterstützung dieser Arbeit für die kosteneffektivste Investition einer Gesellschaft hält. Auf den ersten Blick mag so eine Unterstützung von Fürsorgearbeit nur ein weiterer Punkt der jährlichen Ausgabenliste eines Staates sein. Langfristig betrachtet, ist es eine grundlegende Investition in das wichtigste Staatsgut: die menschliche Infrastruktur, die sich innerhalb einer Generation amortisiert – so wie sich auch Investitionen innerhalb von Unternehmen erst langfristig auszahlen, jedoch essenziell für deren effektives Funktionieren sind.

Allerdings ist der Einfluss dominatorischer Werte so tief verwurzelt, dass selbst Fakten nicht gegen ihn ankommen. Auch wenn zahlreiche Studien und Beispiele zeigen, dass Investitionen in Fürsorgearbeit sich auszahlen, während ein Fehlen solcher Investitionen zu hohen Folgekosten für alle Mitglieder einer Gesellschaft führen, sind selbst für manche intelligente und wohlmeinende Menschen Investitionen in z. B. den Strafvollzug, den sie als „öffentlich“ und „männlich“ betrachten, einsichtiger als Investitionen in Fürsorge, die als „privat“ und „weiblich“ gilt. Eislers Beitrag für alternative Wirtschaftsmodelle besteht also vorrangig darin, unsere unbewussten Denkmuster bewusst und somit veränderbar zu machen.

Gründliche Analyse der Wirtschaft

 Ein weiterer wichtiger Beitrag zur Suche nach nachhaltigen Wirtschaftsformen ist Eislers klar dargelegte – und mit Vertretern der anderen Modelle geteilte – Einsicht, dass Wirtschaft keinen Naturgesetzen folgt, sondern von Menschen gemacht ist und damit auch gestaltet werden kann. Zudem ist ihre sehr gut strukturierte Vollspektrumsdarstellung der Wirtschaft hilfreich. Dabei geht es ihr darum, alle Aspekte der Wirtschaft in ihren Zusammenhängen aufzuzeigen, und nicht nur den Aspekt der Marktwirtschaft, der in vielen Modellen allein gestellt betrachtet wird.

Eisler unterscheidet sechs Wirtschaftssektoren:

  • private Haushalte
  • Lokal- und Regionalwirtschaft (z. B. unbezahlte ehrenamtliche Arbeit, Wirtschaft basierend auf Regionalwährungen)
  • Marktwirtschaft (die auf den anderen Sektoren beruht, diese jedoch weder bei ihren Analysen noch in ihren Regeln berücksichtigt)
  • illegale Wirtschaft (z. B. Teile der Drogen-, Sex- und Waffengeschäfte)
  • öffentliche Wirtschaft (Festlegung der Rahmenbedingungen für die Marktwirtschaft, Organisation und Finanzierung öffentlicher Dienstleistungen)
  • natürliche Ressourcen (deren Bedeutung in den marktwirtschaftlichen Modellen und Analysen kaum Beachtung findet)

Sie arbeitet heraus, dass die Haushalte und die natürlichen Ressourcen das Herz und die Grundlage jeglichen Wirtschaftens sind. Ohne sie und die darin unentgeltlich geleistete Fürsorgearbeit bzw. die durch sie vorhandenen Materialien könnte keiner der anderen Wirtschaftssektoren bestehen. In wirtschaftlichen Modellen und Maßnahmen muss dies Beachtung finden.

Während früher konkurrierende Wirtschaftsmodelle wie Sozialismus und Kapitalismus miteinander rangen, ergänzen und tragen sich die heutigen Modelle gegenseitig. Eislers Beitrag zu einer nachhaltigen Wirtschaft sind ihre grundlegenden Gedanken für ein besseres Verständnis wirtschaftlicher, kultureller und gesellschaftlicher Zusammenhänge und die damit verbundenen Rückkoppelungseffekte. Sie schafft ein grundlegendes Verständnis dafür, was getan werden muss, um neue Formen des Wirtschaftens möglich zu machen.


Buchtipp

Riane Eisler
The Real Wealth of Nations
Creating a Caring Econonics
Berrett-Koehler, 2007
318 Seiten, 14.15 Euro
978-1576753880
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Ulrike Brandhorst

Jahrgang 1970, studierte Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft, war dann zunächst als festangestellte Übersetzerin und Redakteurin tätig, heute arbeitet sie als freie Autorin und Übersetzerin. Der ÖDP trat sie 2006 bei.

 

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