Interview: „Die Wurzel unserer Umweltprobleme anvisieren“


Viele Umweltschutzmaßnahmen bleiben wirkungslos, manche verschärften sogar die Probleme. Das liegt daran, dass wir keine konsequente Vorsorge betreiben, nur an den Symptomen herumdoktern und nicht an den Ursachen, sagt einer der führenden deutschen Umweltwissenschaftlicher. Und die Hauptursache ist: unser verschwenderischer Ressourcenverbrauch.

ÖkologiePolitik: Herr Prof. Schmidt-Bleek, warum brauchen wir eine Ressourcenwende?
Prof. Dr. Friedrich Schmidt-Bleek: Weil ohne sie weder nachhaltiges Wohlergehen für uns Menschen noch Zukunftsfähigkeit für die Industrie möglich sind. Seit 25 Jahren fordere ich sie. Aber noch immer bedeutet Umweltpolitik das nachträgliche Reparieren einzelner ausgewählter Fehlentwicklungen, nachdem das Kind bereits in den Brunnen gefallen war – Beispiel: Klimawandel. Die Ressourcenwende ist Umwelt-Vorsorgepolitik, weil sie die Wurzel unserer Umweltprobleme ins Visier nimmt: die ungehemmte Ressourcenausbeutung, die natürlich auch zur wachsenden Müllproduktion und zu wachsenden Emissionen führt. Hier ein milliardenfaches Beispiel der Verschwendung: Um eine Person von 75 kg Gewicht von A nach B zu bewegen – in nur 20 % der Fälle auch weitere Personen –, bauen wir Autos, die zwischen 40.000 und über 100.000 kg Material aus der Natur „kosten“, Wasser gar nicht gerechnet. Darüber hinaus verbraucht das Auto um die 15.000 kg während seiner Nutzung und produziert klimawirksame und gesundheitsschädliche Emissionen. In meinem Buch „Grüne Lügen“ habe ich beschrieben, wie man 80 % des Mobilitätsbedarf mit 10 - bis 20 -fach weniger Ressourcenbedarf decken kann. Heute vernutzt der Durchschnittsdeutsche jährlich etwa 70 t Material. Wissenschaftler sagen, die ökologisch nachhaltige Obergrenze läge bei 5 bis 7 t.

Wenn Energie teurer wird, sinkt dann nicht der Ressourcenverbrauch automatisch?
Ich sehe das umgekehrt. Alle Energie, die wir in unserer technischen Welt benutzen, ist „technische Energie“. Sie wird mittels technischer Anlagen gewonnen, transportiert und genutzt. Das ist ein ressourcenintensives Gesc häft. Je mehr Ressourcen pro Einheit technischer Energie verbraucht werden, desto schlimmer für die Umwelt. 1 kWh aus dem Braunkohlekraftwerk „kostet“ über 1 kg Material, das aus einer Windanlage weniger als 30 g. Nur mittels Ressourcenwende kann technische Energie nachhaltig werden. Und je mehr die Ressourcenproduktivität der Wirtschaft insgesamt wächst, desto weniger technische Energie wird für ihren Stoffwechsel benötigt. Die Energiewende kann also nur dann ökologisch funktionieren, wenn sie in eine umfassende Ressourcenwende eingebettet wird. Je teurer natürliche Ressourcen werden, desto mehr Interesse wird bestehen, mit ihnen sparsam umzugehen.

Droht bei der Vielfalt des Themas nicht eine „Verzettelung“?
Verzettelung im Umweltschutz haben wir heute überall. Umweltproblemen wird zumeist einzeln und isoliert nachgegangen. Bewertungsmethoden gehen durcheinander. Eine Waschmaschine wird ökologisch nach ihrem Wasserverbrauch bewertet, eine Wohnung nach ihrem Wärmebedarf, Rasenmäher nach Lärm, Lebensmittel nach gesundheitsgefährlichen Chemikalien. Transportgeräte, Produkte, Investitionen, Produktionsanlagen und ganze Städte werden neuerdings nach ihrem „CO2-Fußabdruck“ eingestuft, was ja bedeutet, dass Stradivaris und Kernreaktoren in die gleiche Umwelt-Güteklasse kommen. Und wirtschaftlich wird alles in Euro bewertet. Da soll sich mal einer zurechtfinden! Solange die ökologische Qualität nicht für alle Güter und Dienstleistungen einheitlich und verlässlich geregelt ist, können Lisa und Otto Normalverbraucher zur ökologischen Stabilität unseres Planeten wenig beitragen. Eine sinnvolle Kennzeichnung ist die Materialproduktivität: der „materielle Fußabdruck“, englisch „Material-Input-Per-Service“ (MIPS), der den lebenslangen Materialbedarf für ein Gerät pro leistbarem Nutzen angibt. Beim VW Golf zum Beispiel liegt MIPS bei 500 g Materialverbrauch pro gefahrenem km, beim HEV Prius wesentlich höher.

Bei welchen Ressourcen besteht der dringendste Handlungsbedarf?
Erstens bei denen, die weltweit in großen Mengen vernutzt werden: Wasser, Nahrungsmittel, kohlenstoffreiche Fossile wie Kohle, Sand, Kupfer, Aluminium und Bodenfläche. Zweitens solche Güter, deren Produktion und Nutzung hohe MIPS-Werte aufweisen, also „ressourcen-ineffizient“ sind, zu finden insbesondere in Bereichen wie Generierung technischer Energie, Informations- und Kommunikationstechnik, Transport und Gesundheitswesen. Drittens solche Stoffe, die für wichtige Techniken gebraucht werden, aber besonders große ökologische Rucksäcke tragen, z. B. Gallium, Germanium, Beryllium und Indium.

Wie können wir den Ressourcenverbrauch reduzieren?
Um mit Pavan Sukhdev, dem bekannten Ökonomen zu reden: Es ist höchste Zeit, Signale zu setzen, um die Profitmaximierung vom Ressourcenverbrauch abzukoppeln. Nur so, sagt er, könne der Übergang in eine „green economy“ und zu einer nachhaltigen Entwicklung gelingen. Für die Regierung bedeutet dies eine Transformierung des Steuersystems, weg von der Besteuerung von Gewinnen hin zur Besteuerung des Ressourcenverbrauchs. Höchste Zeit ist es auch, in Medien und in der Lehre sehr viel mehr über die ökologischen Konsequenzen unseres Umgangs mit natürlichen Ressourcen zu berichten.

Warum ist die Ressourcenwende bisher kein großes politisches Thema?
Dafür gibt es viele Gründe. Wesentlich scheint mir: Erst wenige verstehen, dass es für den Umweltschutz ein „zu spät“ gibt, denn die von der Wirtschaft platt gemachten, für den Menschen aber überlebensnotwendigen Funktionen und Leistungen der Natur kann Technik nicht ersetzen. Den Regenwald kann niemand nachbauen.

Herr Prof. Schmidt-Bleek, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.


Buchtipps:

Friedrich Schmidt-Bleek
Die 10 Gebote
der Ökologie
Ludwig, Oktober 2016
272 Seiten, 19.99 Euro
978-3-453-28086-1

Friedrich Schmidt-Bleek
Grüne Lügen
Nichts für die Umwelt, alles fürs Geschäft –
wie Politik und Wirtschaft die Welt zugrunde richten
Ludwig, Mai 2014
304 Seiten, 19.99 Euro
978-3-453-28057-1

 

 

Prof. Dr. Friedrich Schmidt-Bleek

Jahrgang 1932, studierte Chemie, promovierte in Kernphysik, forschte und lehrte anschließend an amerikanischen und deutschen Universitäten. In den 1980er-Jahren hatte er leitende Funktionen bei der OECD und beim IIASA inne. Von 1991 bis 1997 war er Gründungsvizepräsident des „Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie“, seit 2011 ist er Gründungspräsident des „Factor 10 Institut“ in Carnoules (Frankreich).

 

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