Geld: Eine knappe Ressource – oder doch nicht?


„Knapp bei Kasse“ war fast jeder schon mal. Dauerhaft „knapp bei Kasse“ sind weltweit 1,4 Mrd. Menschen. So viele müssen mit weniger als 1 Dollar pro Tag auskommen. Das bedeutet Hunger, Krankheit und frühen Tod. Geld scheint also eine sehr wichtige, aber auch knappe Ressource zu sein. Andererseits ist Geld keine begrenzte Natur-Ressource. Was ist es eigentlich?

Geld ist ein vom menschlichen Geist „aus dem Nichts“ geschöpftes Konstrukt, das es ermöglichte, vom stark begrenzenden unmittelbaren Waren- und Dienstleistungstausch zu einem mittelbaren „Zwischen-Tausch-Instrument“ zu wechseln. Erst Geld als Kreditkonstrukt ließ eine moderne Marktwirtschaft mit kleinteiligen wirtschaftlichen Aktivitäten zu und ermöglichte die Schaffung von immer mehr Wohlstand für die gesamte menschliche Gesellschaft. Dass Geld ein gedankliches Konstrukt ist – wie z. B. auch das Recht oder die Musik –, lässt den Schluss zu, dass Geld keine begrenzte Ressource sein kann. Oder hat schon jemand nachgewiesen, dass es keine neuen musikalischen Kompositionen oder neuen Gesetze mehr geben kann, weil der Vorrat an Musikstücken bzw. Gesetzestexten verbraucht ist?

Doch irgendwie hat man den Eindruck, dass Geld in unserer Gesellschaft etwas Mystisches, fast schon Religiöses an sich hat. Und tatsächlich hängen in unserer Gesellschaft alle Lebensbereiche von einem funktionierenden Geldsystem ab. Irgendwie haben wir Menschen deshalb das Gefühl, dass hinter dem Geld doch irgendwie ein realer Wert stehen muss, etwas Wertvolles wie Gold oder Diamanten. Kaum jemandem ist dabei bewusst, dass Gold oder Diamanten auch nichts anderes als Tauschgegenstände sind. Zu Geld wurde Gold, als man daraus Münzen prägte, die von den Herrschenden mit einem festen Tauschwert ausgestattet und als Zahlungsmittel für Steuern und Abgaben akzeptiert wurden.
Geld bezeichnet keine Naturalien, sondern ist eine intellektuelle Leistung des Menschen. Doch während beim Recht und bei der Musik die „Schöpfung aus dem Nichts“ kein Akzeptanzproblem bereitet, wird beim gedanklichen Konstrukt Geld verlangt, einen materiellen Wert zu hinterlegen, um das Geld „stabil“ zu halten. Dabei ist natürlich auch Gold nur dann ein wertvoller Tauschgegenstand, wenn man dafür jederzeit lebensnotwendige Dinge eintauschen kann. Der entscheidende Nachteil einer auf Gold oder Ähnlichem basierten Geldwährung ist die Begrenztheit von Bodenschätzen. Dies begrenzt wiederum das Wirtschaftswachstum und die Innovationsfähigkeit von Volkswirtschaften. Bei einer wachsenden Bevölkerung ist die notwendige Ausweitung der Geldmenge zum Wohlstand für alle nur dann möglich, wenn anderen Volkswirtschaften Gold weggenommen wird.

In der heutigen globalen Wirtschaft ist Geld ein gedankliches Konstrukt, das seinen Wert durch die Wirtschaftsleistung und das Wirtschaftssystem eines Staates bzw. Währungsgebiets erhält. Es drückt seinen Wert sichtbar in Form von Banknoten, Münzen oder Datensätzen aus. Die Bewertung richtet sich danach, wie viele reale Produkte, Dienstleistungen oder Vermögenswerte sich mit unbedingter Gewissheit dafür eintauschen lassen. Das wichtigste Merkmal von „echtem“ Geld ist aber, dass man damit seine Steuern und Abgaben an den Staat begleichen kann.
Das moderne Geldsystem ist als Kreditsystem angelegt. Jedem Geldvermögen stehen in gleicher Höhe Schulden entgegen. Wer also über zu hohe Schulden spricht, muss immer auch von zu hohen Vermögen reden. Deshalb ist die aktuelle Schuldendebatte einseitig und falsch. Sie verschleiert die wahren Ursachen von Schuldenkrisen, nämlich die immer unfairere Verteilung von Einkommen und Vermögen und die dadurch zwangsweise resultierende unfaire Verteilung von Schulden. Das Kreditsystem ist nicht die Ursache von unfairen Verteilungszuständen und Krisen des Finanzsystems. Deren Ursache ist immer der Missbrauch durch Macht und Gier im Verteilungssystem.

Geldschöpfung im Alten China
Das Banknoten-System ohne Gold-Unterlegung ist nicht erst in der Neuzeit in England entstanden. Eines der wirtschaftlich blühendsten Reiche mit Papiergeld war das Alte China unter Kublai Khan. Marco Polo, ein ausgebildeter Kaufmann, hat dies in seinen Reiseberichten um das Jahr 1300 n. Chr. beschrieben: „Ihr müsst wissen, dass er aus der Rinde der Maulbeerbäume Geldscheine herstellen lässt. Alle Geldscheine werden mit dem Siegel des Großkhans versehen. Wenn die Prozedur nach allen Vorschriften vollendet ist, taucht der oberste der vom Khan ernannten Beamten das an ihn verliehene Siegel in Zinnober und drückt es auf die obere Seite der Geldnote, sodass die Form des Siegels in Zinnoberrot darauf haften bleibt. Und dann ist das Geld echt. Und sollte jemand es fälschen, würde er die höchste Strafe erleiden. Mit diesem Geld wird alles bezahlt: In sämtlichen Provinzen, in jedem Königreich, im ganzen kaiserlichen Machtbereich ist es das einzige Zahlungsmittel. Sollte sich jemand weigern, es anzunehmen, droht ihm die Todesstrafe. Doch ich versichere euch, jeder Einzelne, alle Völker des Reiches, nehmen diese Papiere gern als Zahlung an, denn wohin sie auch immer gehen, die Scheine gelten überall. Mit diesen Papierstücken können sie alles kaufen und für alles bezahlen.“
Damit wird deutlich, dass die damalige wirtschaftliche Blüte Chinas unter Kublai Khan dessen Verständnis über das Wesen des Geldes zu verdanken ist. Er hat das praktiziert, was wir heute in unserer marktwirtschaftlich geprägten Globalisierung tun, und wir könnten mit diesem System ohne Missbrauch tatsächlich Wohlstand für alle schaffen. Leider wurde nach seinem Tod Missbrauch mit dem Geldwesen betrieben. Die Gier nach Geld und Macht scheint schon immer die größte Gefahr für den Niedergang von Völkern zu sein.

Geldschöpfung durch Zentralbanken
Dass die Zentralbanken wie Kublai Khan Geld aus dem Nichts schöpfen, aber auch wieder vernichten können, ist weitgehend bekannt und akzeptiert, insbesondere das Zentralbank-Geld in Form von Banknoten, die nichts anderes als Schuldscheine sind. Vergessen wird dabei oft, dass Bargeld nur noch einen Bruchteil des Geldes ausmacht – in der Euro-Zone gerade mal 8 %. Heute wird Geld meist als elektronischer Datensatz geschöpft und die Kontoauszüge dienen als Schuldscheine. Nur Banken, Sparkassen und der Staat können Konten bei der Zentralbank führen, Firmen und Privatpersonen nicht.
Jede unabhängige Zentralbank kann unbegrenzt Geld schöpfen oder vernichten, je nachdem welche wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Gegebenheiten diesen Prozess erfordern. Interessant ist dabei eigentlich nur, dass es keineswegs nur vom Staat errichtete Zentralbanken gibt, sondern auch von Privatbanken errichtete wie z. B. die US-amerikanische FED – aber natürlich unter staatlicher Aufsicht und Kontrolle. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob es nicht längst Zeit wäre, auch die Zentralbanken als demokratisch strukturierte Institutionen zu betreiben und nicht als feudalherrschaftlich geführte Zentren der GeldWirtschaft.

Geldschöpfung durch Banken und Sparkassen
Da es angesichts der Komplexität der Wirtschaft fast unmöglich ist, die für Innovationen, neue Marktteilnehmer oder eine wachsende Bevölkerung erforderliche Geldmenge von einer zentralen Institution aus zu steuern, braucht es andere dezentral und nah am Markt organisierte Institutionen, denen die Geldschöpfung im Zusammenhang mit Kreditnachfragen übertragen wird: Banken – Privatbanken und Genossenschaftsbanken – sowie öffentlich-rechtliche Sparkassen. Diese haben zwar nicht das Recht, Zentralbank-Geld zu schöpfen, aber das Recht, durch Vergeben von Bankkrediten Schöpfer von Giralgeld zu sein. Giralgeld kann jedoch in der Regel nur durch Kreditnachfrage geschöpft werden. Letztlich ist also der Kreditnehmer der Geldschöpfer. Jeder Bankkredit bedeutet die Schöpfung neuen Geldes.
Für Bankkredite werden keine Spargelder verwendet oder benötigt. Selbstverständlich können Spargelder an nachfragende Unternehmen oder an den Staat durch den Ankauf von Staatsanleihen zur Verfügung gestellt werden, doch das ist nichts anderes als ein Verschieben von Kaufkraft von einem Akteur auf einen anderen. Wirtschaftswachstum und Innnovationswachstum werden dadurch nicht ermöglicht. Ermöglicht wird Wachstum nur durch Geldschöpfung, durch Bankkredite.
Die Giralgeldschöpfung durch Banken und Sparkassen ist ebenso wenig wie bei der Zentralbank-Geldschöpfung durch irgendwelche Ressourcen begrenzt. Keine Bank oder Sparkasse wird eine Kreditnachfrage verweigern, „weil sie kein Geld mehr hat“. Kredite werden dann abgelehnt, wenn die Bedienung des Darlehens zweifelhaft ist oder staatliche Regulierungen diese verbieten.

Zinsen und Wirtschaftswachstum
Mit der Rückzahlung des Bankkredits wird das geschöpfte Giral-geld wieder vernichtet – bis auf die Zinsen. Wer nun aber glaubt, dass die Zinsen die Wurzel vieler ökologischer Übel, weil der eigentliche Wachstumstreiber für unsere Wirtschaft sind, der täuscht sich gewaltig: Gerade wenn das Wirtschaftswachstum als zu niedrig eingestuft wird, werden die Zinsen gesenkt. Niedrige Zinsen sollen das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Umgekehrt bedeutet dies in der Regel: Hohe Zinsen bremsen das Wirtschaftswachstum.
Selbstverständlich kann die Kreditschöpfung für einen „Casino-Finanzmarkt“ missbraucht werden und wir erleben dies bei den derzeit kaum regulierten Finanzmärkten weltweit. Deshalb braucht es Aktivitäten zur Neuordnung des Bankwesens. Durch zentral gesteuerte Geld-Schöpfung – durch Vollgeld- oder Regionalgeldschöpfungen – lässt sich jedoch der Missbrauch von Macht und Geld nicht in den Griff kriegen. Kümmern wir uns also um den Missbrauch unseres grundsätzlich bewundernswerten Konstrukts „Geldsystem“!

Staatsschulden und Exportüberschüsse

Im weltweiten Kredit-/Schulden-Geldsystem stehen den Schulden stets gleich hohe Geld-Vermögen gegenüber. Deshalb können in einer geschlossenen Volkswirtschaft Sparvermögen der Sektoren „Private Haushalte“ und „Unternehmen“ nur dann gebildet werden, wenn der volkswirtschaftliche Sektor „Staat“ im gleichen Umfang Schulden macht, denn irgendwo muss das Geld ja herkommen. Das bedeutet wiederum: Wenn der Sektor „Staat“ das Ziel „Schwarze Null“ oder gar „Schuldentilgung“ verfolgt, können die Sektoren „Private Haushalte“ und „Unternehmen“ keine neuen Sparvermögen bilden und müssen sich verschulden. Wenn alle drei Sektoren einer geschlossenen Volkswirtschaft wie die oft zitierte „schwäbische Hausfrau“ agieren und nur noch sparen, wäre unser Geldsystem wohl am Ende. In einer offenen Volkswirtschaft ist ein Sparen aller drei Sektoren allerdings durchaus möglich – wenn die Sparvermögen an einen vierten Sektor weitergegeben werden: das Ausland. Ein Land kann nämlich Handelsdefizite (höherer Import als Export) nur dadurch finanzieren, wenn es von einem anderen Land mit Handelsüberschüssen (höherer Export als Import) das notwendige Geld geliehen bekommt – über das Banken- und Zentralbankensystem. Der „Export-Weltmeister“ Deutschland muss also über den Finanzsektor die Spar-Überschüsse seiner drei Sektoren „Private Haushalte“, „Unternehmen“ und „Staat“ an die Defizitländer verleihen. Und genau das tun wir wegen der „Schwarzen Null“, aber das geht eben nur vorübergehend. Auf Dauer ist ein reibungsloser Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen Volkswirtschaften nur mit im Durchschnitt ausgeglichenen Leistungsbilanzen möglich, Dies fordert das Stabilitätsgesetz von 1967 auch klar und unmissverständlich, doch wird es von Deutschland derzeit nicht beachtet.
Exportüberschüsse und Exportdefizite können nur eine vorübergehende Lösung sein, weil ein dauerhafter Exportüberschuss auf der einen Seite immer dazu führt, dass auf der anderen Seite die Schulden stetig wachsen – bis irgendwann die Zinsen nicht mehr geleistet, geschweige denn die Schulden zurückbezahlt werden können. Da diese Vorgänge über das Bankensystem laufen, ist es uns meist nicht bewusst, dass der Zusammenbruch von Handelsbeziehungen letztendlich zum Zusammenbruch des Bankensystems führt – mit entsprechenden Verlusten unserer Sparvermögen bei Banken, Versicherungen, Rentenfonds etc. Wegen der volkswirtschaftlichen Systemrelevanz des Bankenbereichs muss dieser dann zulasten der Gesamtgesellschaft „gerettet“ werden. Fehlende Staatsschulden dauerhaft durch Exportüberschüsse auszugleichen, ist deshalb kein Ausweg, sondern eine Sackgasse, die den Zusammenbruch des Systems nur mittelfristig verzögert. Der naive und gefährliche Weg des Sparens um des Sparens Willen ist deshalb schnellstmöglich zu beenden!

Geldmenge und Armut
Die eingangs gestellte Frage, ob es sich bei der Ressource „Geld“ um eine knappe Ressource handelt, ist damit beantwortet: Die Schöpfung von Geld ist gesamtwirtschaftlich gesehen unbegrenzt möglich. Schon das aktuelle Geldvermögen unserer Welt-Gesellschaft wäre bei entsprechender Verteilung in der Lage, die Armut von Milliarden von Menschen zu beenden. Wenn jedoch 62 Menschen derzeit so viel Vermögen besitzen wie die ärmere Hälfte der Menschheit, so viel wie 3,6 Mrd. Menschen, dann hat das nichts mit Geld als knapper Ressource zu tun, sondern mit einer gravierenden Unfairness bei der Verteilung und mit einer verfehlten Welt-Finanz- und Welt-Wirtschaftspolitik.

Günter Grzega

Jahrgang 1944, Dipl.-Bankbetriebswirt und Dipl.-Verwaltungsbetriebswirt, war ab 1994 Vorstandsmitglied und von 2000 bis 2006 Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München eG. Er engagiert sich seit 2004 in der „Global-Marshall-Plan-Initiative“, war von 2010 bis 2015 Vorstandsvorsitzender des „Senatsinstituts für gemeinwohlorientierte Politik“ und ist seit 2011 Botschafter der „Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung“.

 

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