„Wasser ist ein Allgemeingut“
24. März 2026
Der Wasserverbrauch steigt, die Grundwasserspiegel sinken. Der Klimawandel wird dieses Problem verschärfen. Im öffentlichen Bewusstsein ist es aber bislang noch kaum präsent. Ein bekannter Wirtschafts- und Investigativjournalist möchte dies ändern und hat sich tief in die Materie eingearbeitet.
Interview mit Uwe Ritzer
ÖkologiePolitik: Herr Ritzer, Sie arbeiten seit über 20 Jahren als Wirtschafts- und Investigativjournalist. Woher kommt ihr Interesse am Thema „Wasser“?
Uwe Ritzer: Es entstand zufällig. Wie für zig Millionen andere Menschen in Deutschland und Mitteleuropa war Wasser für mich jahrzehntelang eine alltägliche Selbstverständlichkeit. Nichts, worüber ich mir Gedanken machte. Es war ja stets im Überfluss verfügbar. Dann steckte mir 2019 ein Informant, dass einer der größten Mineralwasserkonzerne, die Firma Altmühltaler im bayerischen Treuchtlingen, seine Entnahmen von reinstem, 10.000 Jahre altem Tiefengrundwasser mehr als verdoppeln wolle und das entsprechende Genehmigungsverfahren bewusst hinter dem Rücken der Öffentlichkeit durchgezogen werde. Niemand sollte davon erfahren. Das habe ich 2019 in der „Süddeutschen Zeitung“ aufgedeckt. Danach war die Aufregung groß, vor allem aber erreichten mich von Kolleginnen und Kollegen, aber auch aus der Leserschaft viele Fragen: Wem gehört eigentlich Wasser? Wer darf wie viel davon entnehmen und wer entscheidet darüber? Haben wir eigentlich genug Vorräte? Damit war mein Interesse geweckt, seitdem beschäftige ich mich intensiv mit Wasser.
Ihr 2023 erschienenes Buch heißt „Zwischen Dürre und Flut“. Wie hängen die beiden Phänomene zusammen?
Grob zusammengefasst: Der Klimawandel sorgt sowohl für längere Hitze- und Trockenperioden als auch für mehr Starkregen und Überschwemmungen. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen.
Wie hängt unsere Trinkwasserversorgung damit zusammen?
In Hitze- und Dürreperioden steigt logischerweise der Wasserbedarf in Privathaushalten, der Landwirtschaft, aber auch in anderen Lebens- und Wirtschaftsbereichen. Gleichzeitig kommt von oben kein oder kaum Regen. Folglich schwindet unser Grundwasser, aus dem etwa zwei Drittel des Trinkwassers in Deutschland gewonnen werden. Aber auch Flüsse, Bäche oder Seen führen weniger Wasser, weil auch viel verdunstet. Umgekehrt liefern Starkregen und Extremwetter viel Wasser, das der Boden aber allein der gewaltigen Mengen wegen nicht so schnell verarbeiten und versickern lassen kann. Also fließen enorme Mengen oberflächlich ab und füllen die Grundwasservorräte nicht nach. Dieses Wasser ist für die Trinkwassergewinnung verloren. Gleichzeitig wächst in Deutschland aber der Wasserverbrauch. Zumal viele neue Großverbraucher nachkommen, denken Sie an Rechenzentren oder Chipfabriken. Die Trinkwasservorräte schrumpfen also, während der Verbrauch steigt.
Wer verbraucht am meisten Wasser: Industrie, Landwirtschaft oder private Haushalte? Und wer kann am ehesten sparen?
Wenn es knapp wird, appellieren die Behörden regelmäßig an die Privathaushalte, mit Wasser sparsamer umzugehen. Das ist richtig, greift aber viel zu kurz. Fast drei Viertel des Frischwasserverbrauchs in Deutschland gehen auf das Konto von Wirtschaft im weitesten Sinne: von Industrie, Energieversorgern, Nahrungsmittel- und Getränkeherstellern, Landwirtschaft. Die Haushalte verbrauchen anteilig deutlich weniger. Und sie sparen schon lange. Der private Pro-Kopf-Wasserverbrauch in Deutschland geht seit Jahrzehnten kontinuierlich zurück. Folglich gilt: Wer Wasser im großen Maßstab sparen und den Verbrauch eindämmen will, muss bei den großen Schluckern ansetzen. Und nicht immer nur an den Einzelnen appellieren, damit der seine Pflänzchen im Garten nicht mehr gießt oder keinen Pool aufstellt.
Ihr 2025 erschienenes Buch heißt „Der Ausverkauf“. Wie funktioniert der beim Wasser?
Wasser ist ein Allgemeingut, es gehört uns allen. Und oberstes Ziel muss es sein, stets genug zu haben für persönliche, aber auch wirtschaftliche Belange. Es ist ein Unding, dass Unternehmen vom Konzern bis zum Landwirt für das Wasser, das sie aus eigenen Brunnen und Quellen aus dem Boden holen, nichts oder nur minimale Centbeträge als sogenannten „Wassercent“ für den Kubikmeter bezahlen. Das lädt geradezu dazu ein, die Vorräte zu plündern. Es findet ein Ausverkauf zugunsten einiger weniger statt, von dem die Allgemeinheit nichts hat. Das geht nicht mehr lange gut. Nicht das volumenmäßig größte, aber ein gutes Beispiel sind Mineralwasserfirmen. Sie entnehmen bestes Grundwasser, zahlen dafür nichts oder marginal, füllen es in Plastikflaschen ab und verkaufen es mit gewaltigen Gewinnspannen.
Welche Konzerne haben es aufs Wasser abgesehen?
Es griffe ein wenig zu kurz, einzelne Namen zu nennen und auf die mit dem Anklagefinger zu zeigen. Außer vielleicht auf den LEAG-Konzern, der in Ostdeutschland nach Einschätzung von Kritikern in Sachen Wasser nahezu tun und lassen kann, was er will. Es ist aber ein systemisches Thema: Die größten Wasserschlucker sind Energieversorger, Chemie- und die Papierindustrie, aber auch viele andere Branchen, die Wasser zum Kühlen ihrer Anlagen nutzen. Weltweit ist die Landwirtschaft der größte Wasserverbraucher. Experten gehen davon aus, dass sich der Wasserbedarf der Bauern in Deutschland in den kommenden Jahren verdoppeln wird. Auch hier lässt der Klimawandel grüßen.
Wohin kann diese Entwicklung führen?
Mittelfristig in den Wassernotstand. Um es aber auch klar zu sagen: Niemand muss in Deutschland Angst haben, beim nächsten oder übernächsten Hitzesommer zu verdursten. Aber es ist auch klar: Wenn der Verbrauch steigt, die Vorräte schrumpfen und Grundwasserstände nicht ausreichend nachgefüllt werden, und nichts dagegen unternommen wird, steuern wir auf ein Problem zu. Genau das ist momentan der Fall. Das ist nicht nur meine Analyse, darauf gründet die nationale Wasserstrategie, welche die Bundesregierung im März 2023 verabschiedet hat, deren Umsetzung aber nicht in die Gänge kommt.
Was sollte getan werden, um das zu verhindern?
Die 78 Vorschläge der Wasserstrategie müssen endlich umgesetzt werden. Ich rate jedem dazu, sie nachzulesen. Sie reichen von ökologischerer Bodenbewirtschaftung über besseren Gewässerschutz bis hin zu Regenwassermanagement. Darüber hinaus muss die Politik aber endlich anfangen, Großschlucker an die Kandare zu nehmen, damit die ihren Verbrauch senken. Eine spürbare Erhöhung des Wassercents wäre dabei ein probates Steuerungsinstrument. Solange ein Konzern für einen Kubikmeter Wasser nur ein paar Cent bezahlt, besteht für ihn keine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, über Wassersparen auch nur nachzudenken, geschweige denn in entsprechende Technik oder auch in Rückhaltesysteme zu investieren. Diese Anreize muss man aber schaffen und meinetwegen aus den Einnahmen des Wassercents die Firmen auch subventionieren, wenn sie entsprechend investieren. Ganz abgesehen davon vertrete ich grundsätzlich die Ansicht: Wer sich am Allgemeingut Wasser bedient, muss der Allgemeinheit auch etwas dafür bezahlen.
Herr Ritzer, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
Buchtipps
Uwe Ritzer
Der Ausverkauf
Wasser, Boden, Rohstoffe: Wer mit unseren Ressourcen Profite macht und was wir dagegen tun können
Penguin, Mai 2025
288 Seiten, 23.00 Euro
978-3-328-60406-8
Uwe Ritzer
Zwischen Dürre und Flut
Deutschland vor dem Wassernotstand: Was jetzt passieren muss
Penguin, April 2023
304 Seiten, 20.00 Euro
978-3-328-11028-6
Onlinetipps
Vortrag von Uwe Ritzer
Der Ausverkauf – Wasser, Boden, Rohstoffe
Katholische Akademie Freiburg, 12.11.2025
www.t1p.de/9zv8d
Interview mit Uwe Ritzer
Profit durch Allgemeingut: So werden Wasser, Boden und Rohstoffe genutzt
SWR 1, 06.05.2025
www.t1p.de/1bqpw



