Jean Ziegler kämpfte leidenschaftlich für eine bessere Welt. – Foto: Boris Dupont / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Gesellschaft & Kultur

Jean Ziegler – ein unbequemer Mahner gegen Hunger und Ungerechtigkeit

Mit ihm verliert die Welt eine Stimme, die sich über Jahrzehnte hinweg unermüdlich für Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit einsetzte. Der Schweizer Soziologe, Politiker, Autor, Nationalratsabgeordnete und UNOSonderberichterstatter Jean Ziegler starb am 10. Juni 2026 im Alter von 92 Jahren in Genf.

von Thomas Löb

 

Jean Ziegler stellte stets die Fragen, die viele nicht hören wollten. Warum hungern Menschen in einer Welt, die mehr als genug produziert? Warum profitieren einige Regionen vom globalen Wohlstand, während andere systematisch abgehängt werden? Seine Antworten waren unbequem, seine Kritik an Politik, Finanzsystem und multinationalen Konzernen scharf. Doch gerade diese Unbequemlichkeit machte ihn zu einer der prägendsten Stimmen der internationalen Debatte über Hunger und globale Verantwortung.

Sein Wirken als UNO‑Sonderberichterstatter zwischen 2000 und 2008 verschaffte ihm weltweite Bekanntheit. Er bereiste Krisenregionen, war Autor von über 30 Büchern zu Hunger, Globalisierung sowie sozialer Gerechtigkeit und zeigte die politischen und wirtschaftlichen Strukturen auf, die Armut erzeugen und verfestigen.

Ziegler, der jahrzehntelang Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz war, galt als entschiedener Gegner des globalisierten Kapitalismus. In einem Interview bescheinigte er „den 500 größten transnationalen Konzernen“ zwar eine „unglaubliche Produktivkraft“, aber sie funktionierten nur nach einem Prinzip, „der Profitmaximierung, in kürzester Zeit, zu jedem menschlichen Preis“. Das müsse beendet werden, „bevor es uns zerstört“. Nicht der Mangel an Nahrung sei das Problem, sondern ein System, das ihre gerechte Verteilung verhindere.

Als einer der bekanntesten Globalisierungskritiker Europas prangerte er Spekulationen mit Nahrungsmitteln, Steuerflucht, Korruption und die Macht großer Konzerne an. Er forderte internationale Solidarität und eine gerechtere Verteilung von Ressourcen – und polarisierte damit regelmäßig. Für die einen war er ein unbeirrbarer Kämpfer für Gerechtigkeit, für andere ein ideologisch motivierter Kritiker des Kapitalismus. Doch unabhängig von der Bewertung seiner Positionen bleibt unbestritten, dass er die globale Debatte über Verantwortung und Gerechtigkeit entscheidend geprägt hat.

Unternehmen – besonders multinationalen Konzernen – warf er vor, jede Verantwortung für Menschenrechte oder Umweltschutz abzulehnen und so wesentlich für den Welthunger mitverantwortlich zu sein. Konzerne übten ferner beträchtlichen Einfluss auf die Politik aus und bedrohten damit die Demokratie. Ziegler bezeichnete Hungertod als Mord. Das Bevölkerungswachstum als Ursache für Hunger bezeichnete Ziegler als „kompletten Blödsinn“, da die Weltlandwirtschaft 12 Mrd. Menschen ernähren könne. Seiner Ansicht nach dient die Erklärung des Welthungers als Folge von „Überbevölkerung“ dazu, das schlechte Gewissen zu beruhigen.

Seine Botschaft ist heute, im Jahr 2026, aktueller denn je: Der Klimawandel bedroht Ernten weltweit, Wasser wird knapper, geopolitische Konflikte destabilisieren Lieferketten. Gleichzeitig produziert die Welt weiterhin genug Nahrung, um alle Menschen zu ernähren. Die zentrale Frage, die Ziegler immer wieder stellte: Wie gelingt eine gerechte Verteilung der vorhandenen Ressourcen?

Die ÖDP wird weiterhin seine Frage danach aufgreifen, denn ökologische und soziale Herausforderungen sind untrennbar miteinander verbunden. Wer über Klimaschutz spricht, muss auch über Ernährungssicherheit, Wasserzugang und globale Verantwortung sprechen. Hunger, Armut und Umweltzerstörung sind Herausforderungen, für die Menschen Verantwortung tragen – und die Menschen lösen können.

 


Buchtipps

Jean Ziegler
Trotz alledem!
Warum ich die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufgebe
C. Bertelsmann, Mai 2025
208 Seiten, 22.00 Euro
978-3-57010580-1

Jean Ziegler
Die Schande Europas
Von Flüchtlingen und Menschenrechten
C. Bertelsmann, Januar 2020
144 Seiten, 15.00 Euro
978-3-570-10423-1

Jean Ziegler
Was ist so schlimm am Kapitalismus
Antworten auf die Fragen meiner Enkelin
C. Bertelsmann, März 2019
128 Seiten, 15.00 Euro
978-3-570-10370-8


 

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