Lebensmittelbranche: Verbrauchersicht und Wirklichkeit

In unserer traditionellen Kulturlandschaft fügt sich die Landwirtschaft harmonisch in die Natur ein. Eine Industrialisierte Landwirtschaft sieht anders aus. – Rainer Sturm/pixelio.de

Die Agrar- und Lebensmittelbranche ist in die Kritik geraten und befindet sich derzeit in der Defensive. Aber wovor hat die Branche eigentlich Angst? Gegessen wird schließlich immer. Es geht um die Produktionsstrukturen. Mehr Aufklärung und Transparenz könnten die Verkaufsstrategien vieler Konzerne zerstören und das Konsumverhalten verändern.

von Jens-Eberhard Jahn

 

Verbraucherinnen und Verbraucher wollen preiswerte Nahrungsmittel in der Gewissheit konsumieren, dass sie gut sind. Dazu gehört mehr, als dass sie schmecken. Für Fleisch, Milch, Eier aus Intensivtierhaltung wird mit naturnahen, idyllischen Landschaften und freudigem Vieh Reklame gemacht. Eine Studie hat gezeigt, dass die Begriffe „konventionelle Tierhaltung“ und „moderne Tierhaltung“ im Gegensatz zu „Agrarfabrik“ und „Großbetrieb“ gut abschneiden. Offensichtlich stellen sich die Befragten die moderne Landwirtschaft als bäuerliche Landwirtschaft vor. Die Realität: Seit Jahren übersteigt die Zahl der abhängig Beschäftigten auch die der Selbstständigen in der Landwirtschaft. Dieselbe Studie zeigt auch, dass für die Befragten „Massentierhaltung“ ab ca. 500 Rindern, 1.000 Schweinen und 5.000 Hähnchen beginnt. Die Realität: Das meiste Geflügel wird in Deutschland heute in Beständen über 50.000 Tieren gehalten. Drei Viertel aller in Deutschland gehaltenen Schweine leben in Beständen mit über 1.000 Tieren.

Politik muss Landwirtschaft gestalten

Erst allmählich dämmert es vielen Menschen, dass die Realität in der Landwirtschaft nicht ihren Idealvorstellungen entspricht und bei unverändertem Konsumverhalten einerseits und fortdauerndem wirtschaftlichem Wachstumszwang ihnen andererseits auch nicht entsprechen kann. Sie protestieren. Die Branchenvertretung verliert die Meinungsführerschaft und damit an Einfluss auf politische Entscheidungen. Je weniger Vertrauen die Branche aber genießt, desto mehr „Laien“ mischen sich ein. Zu Recht, denn die Erzeugung von Nahrung und die Nutzung natürlicher Ressourcen dürfen nicht allein Gegenstand betriebswirtschaftlicher Erwägungen sein. Deren Gestaltung und Regelung sind gesellschaftliche Aufgaben. Sie müssen politisch ausgehandelt werden. Davor hat die Branche Angst. Bleiben die Marktregeln so, wie sie derzeit sind, besteht diese Angst zu Recht.

Zulieferindustrie will Überproduktion

Steigende Nachhaltigkeitsstandards bei der Lebensmittelproduktion durch politische Vorgaben führen bereits jetzt dazu, dass die europäische Agrarwirtschaft am Weltmarkt weniger konkurrenzfähig ist. Da bei Überproduktion und gleichzeitig sinkender bzw. stagnierender Nachfrage in Europa der Export für die Branche von äußerster Bedeutung ist, wehrt sie sich mit Händen und Füßen gegen höhere Tierschutz- und Umweltstandards. Zu Unrecht, wie Reinhild Benning von „Germanwatch“ meint: „Wenn agrar-soziale ökologische Landbauformen sich durchsetzen würden, hätten Agrarbetriebe selbst vermutlich die geringsten Probleme damit, denn die Mehrzahl der Betriebe in Deutschland wären umstellungsfähig.“ Gefahr bestünde jedoch für die Chemie- und Düngemittelindustrie, teils für die Landmaschinenindustrie und auf der Verarbeitungsseite bei Unternehmen, die auf einheitliche, sehr große Partien an Schlachttieren und anderen „Rohstoffen“ angewiesen sind.

Dort aber sitzt die Marktmacht. Die Landwirtschaft ist sowohl von industriellen Zulieferketten als auch vom Oligopol des Lebensmitteleinzelhandels abhängig. Und die gesellschaftliche Akzeptanz der EU-Agrarzahlungen sinkt. Viele landwirtschaftliche Betriebe sind aber auf das EU-Geld angewiesen – auch weil ihnen der Boden nicht gehört, sondern gepachtet ist und ein nicht unwesentlicher Teil dieser Förderungen abgeschöpft wird. Es geht nicht um das Tierwohl aus Verbrauchersicht allein, sondern um soziale, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeitsziele, die auch in der Landwirtschaft erreicht werden müssen.

Wachstumslogik ist Kernproblem

Kritik an der Landwirtschaft greift zu kurz, wenn die ökonomischen Zwänge der kapitalistischen Wachstumslogik dabei nicht in den Fokus geraten. Die Aufgabe öko-demokratischer Politik in Europa ist es daher, dazu beizutragen, den Markt umzugestalten, den Zwang zu Exporten zurückzudrängen und Ernährungssouveränität zu gewährleisten. Lebensmittelpreise müssen die Wahrheit sagen über ökologische und soziale Produktionskosten. Landwirtschaftliche Betriebe müssen in die Lage versetzt werden, gesellschaftliche Kritik aufzugreifen. In den Regionen ist bodengebundene Landwirtschaft mit innerbetrieblichen und regionalen Kreisläufen zu stärken. Die Politik muss zwischen Verbraucherinnen und Verbrauchern sowie Erzeugerinnen und Erzeugern Brücken bauen. Dies kann nur gelingen, wenn wir die Interessen der Agrarindustrie samt den Werbestrategien des Lebensmitteleinzelhandels demaskieren.
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Jens-Eberhard Jahn

Jahrgang 1967, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte. Von 2005 bis 2016 war er beruflich in der Agrarpolitik tätig, unter anderem im Deutschen Bundestag. Heute arbeitet er als Lehrer an einer Waldorfschule. Seit 2019 ist er Mitglied im ÖDP-Bundesvorstand.

 

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