Carsharing: Mehr Platz zum Leben

1 Carsharing-Auto ersetzt bis zu 20 private Autos und ermöglicht, dass der öffentliche Raum eine höhere Aufenthaltsqualität erhält. – Visualisierung: Bundesverband CarSharing

In einer Straße aufgewachsen, durch die damals pro Tag 35.000 Autos fuhren, träume ich seit meiner Jugend von einer autofreien Stadt – mit sauberer Luft, gut ausgebautem ÖPNV, viel Platz, viel Ruhe, keinen Verkehrstoten. Autos lassen sich zwar nicht von heute auf morgen abschaffen, doch ihre Anzahl lässt sich spürbar reduzieren – mit Carsharing.

von Michael Ziesak
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Für viele Menschen ist das Auto der Inbegriff mobiler Freiheit. Ein Wohnzimmer auf Rädern, das einen selbstbestimmt zu jeder Zeit zu jedem Ort bringt. Es gibt aber auch welche, für die das Auto Mittel zum Zweck ist: für die Wege zur Arbeit oder zum Supermarkt. Sie ärgern sich über Staus, über die Suche nach einem Parkplatz und die hohen Kosten für ein Fahrzeug, welches 23 Stunden am Tag doch nur herumsteht. Alternative Verkehrsmittel finden sie zunehmend attraktiv und nutzen sie immer häufiger. Nur manchmal gibt es für sie noch Wege und Zwecke, für die sie ein Auto nehmen wollen. Aber muss man für diese Fahrten noch ein eigenes Auto besitzen?

Hier kommt das Carsharing ins Spiel. Es ermöglicht vielen Haushalten, auf ein eigenes Auto zu verzichten und trotzdem mobil zu sein. Und tatsächlich, bei vielen Autofahrern kommt dieser Gedanke gut an. Bereits 2,5 Mio. Menschen sind als Nutzer bei Carsharing-Anbietern registriert. Angesichts einer Gesamtbevölkerung von 82 Mio. erscheint das 30 Jahre nach Gründung der ersten Auto-Teil-Initiativen nicht viel. Aber: Die Zahl der Kunden wie auch der Anbieter steigt kontinuierlich, in großen wie in kleinen Städten. Insgesamt existierten im vergangenen Jahr Carsharing-Angebote in über 740 Städten und Gemeinden.

Stationsbasierte & Free-floating-Angebote

Inzwischen gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Carsharing-Varianten. Sie werden von Vereinen, Genossenschaften und Unternehmen angeboten. Die meisten von ihnen haben sich für sogenannte „stationsbasierte Angebote“ entschieden. Das bedeutet, dass die gemeinschaftlich genutzten Autos auf festgelegten Stellplätzen möglichst in Wohnortnähe stehen. Sie können Monate im Voraus, aber auch sehr kurzfristig per App oder über das Internet gebucht werden. Zum Ende der Fahrt bringt man das Auto wieder zu seinem Parkplatz zurück.

Vorwiegend in Metropolregionen gibt es auch sogenannte „Free-floating-Angebote“, die häufig von Autoherstellern oder Mietwagenverleihern kommen. Innerhalb eines definierten Geschäftsbereichs (meist die Innenstadt plus innenstadtnahe Wohngebiete) stehen diese Autos beliebig verteilt am Straßenrand zur Nutzung bereit. Das Auto wird per App lokalisiert und spontan genutzt. Der Vorteil ist, dass es nicht wieder zu einem bestimmten Ort zurückgebracht werden muss. Es kann auf jedem beliebigen Parkplatz am Ziel der Fahrt abgestellt werden, vorausgesetzt der Stellplatz befindet sich im Geschäftsbereich. Allerdings sind die Kosten für diese Angebote deutlich höher. Und die Autos können nicht im Voraus reserviert werden. Die längerfristige Planung einer Fahrt ist also nicht möglich.

Inzwischen bieten einzelne Betreiber auch sogenannte „kombinierte Angebote“ an. Neben stationsbasierten können ergänzend Free-floating-Autos gebucht werden, sodass der Kunde die Vorteile beider Varianten nutzen kann.

Carsharing ist nicht gleich Carsharing

Eine Untersuchung, die der Bundesverband CarSharing kürzlich in Frankfurt/Main durchführte, zeigte, dass dort Carsharing-Haushalte nur 85 bis 97 private Autos (inklusive Dienstwagen) pro 1.000 Personen besitzen, Nicht-Carsharing-Haushalte jedoch 572 Autos. Zum Vergleich: Das Umweltbundesamt empfiehlt für einen klima- und umweltgerechten Stadtverkehr eine Zielmarke von 150 Autos pro 1.000 Personen.

Entlastet Carsharing also die Umwelt? Ja – aber je nach Variante unterschiedlich stark. Der geringe Autobesitz konnte nur bei Nutzern stationsbasierter und kombinierter Angebote festgestellt werden. Ausschließlich Free-floating-Angebote Nutzende besitzen genauso viele Autos wie Carsharing-Angebote gar nicht Nutzende. Schon bei einer früheren Studie des Bundesverbands CarSharing, die ausschließlich innenstadtnahe Wohngebiete Frankfurts untersucht hatte, wurde zwar für die Free-Floating-Nutzer eine etwas geringere Motorisierungsrate ermittelt, doch die lag deutlich über den guten Werten für die stationsbasierten und kombinierten Varianten.

Die Studie zeigte weiter: Nutzer stationsbasierter und kombinierter Angebote besitzen nicht nur seltener und weniger Autos, sondern schaffen diese dann auch immer mehr ab. Zum Zeitpunkt der Befragung ging ihr Autobesitz um bis zu 71 % im Vergleich zum Zeitpunkt 12 Monate vor ihrer Anmeldung zum Carsharing zurück. Bei jenen Kunden, die in Frankfurt nur ein Free-floating-Angebot nutzten, gab es beim Fahrzeugbesitz keine Veränderung.

Auch der Anteil der autofreien Haushalte bei den Nutzern stationsbasierter und kombinierter Angebote änderte sich. Lebten ein Jahr vor ihrer Anmeldung zum Carsharing etwa 40 % der Nutzer in autofreien Haushalten, sind es inzwischen über 80 %. Mehr als 60 % der Carsharing-Nutzer verfügen über eine Zeitkarte für Busse und Bahnen. Insbesondere der Besitz an Jahreskarten nahm seit der Teilnahme am Carsharing zu, während zugleich der Anteil der Nichtnutzer des ÖPNV auf unter 5 % sank.

Fazit: Für die große Mehrheit der Nutzer stationsbasierter und kombinierter Angebote stellt Carsharing einen Ersatz für ein eigenes Auto dar. Für Kunden, die ausschließlich Free-floating-Angebote buchen, wird Carsharing hingegen mehrheitlich als Ergänzung zum eigenen Auto gesehen.

Über alle Varianten hinweg lässt sich feststellen, dass Carsharing-Nutzer überdurchschnittlich oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Fahrrad unterwegs sind. Das eigene Auto wird – sofern noch vorhanden – seltener genutzt. Das geteilte Auto ersetzt dabei das eigene nicht eins zu eins. Es wird vor allem dann gebucht, wenn man z. B. einen Großeinkauf, einen Ausflug oder den Besuch von Verwandten und Freunden vorhat. Für alltägliche Wege wie den täglichen Einkauf oder den Weg zur Arbeit steigen viele Nutzer auf Busse, Bahnen oder das Fahrrad um. So ergänzt und stärkt Carsharing den Umweltverbund.

Verkehrspolitik hat hohen Nachholbedarf

Gefördert wurde das Carsharing von den Anfängen in den 1990er-Jahren bis zum heutigen Tage wenig. Von den ersten parlamentarischen Initiativen bis zur Verabschiedung des ersten Carsharinggesetzes (CsgG) vergingen 12 Jahre. Es trat im Juli 2017 in Kraft – und wurde bislang noch nicht vollständig umgesetzt. Es fehlen amtliche Straßenschilder, die Stellplätze für Carsharing-Autos im öffentlichen Raum kennzeichnen. Und es fehlen Vignetten, die ein Auto als Carsharing-Auto identifizierbar machen. Für die stationsbasierten Anbieter heißt das: Sie können ihre Autos noch immer nicht rechtssicher im öffentlichen Raum anbieten. 2020 werden die entsprechenden Verordnungen nun voraussichtlich in Kraft treten. Um eine Verordnung für die Nutzung von E-Tretrollern zu erlassen, brauchte das Bundesverkehrsministerium nur wenige Monate.

Auch in Sachen E-Mobilität wird die Carsharing-Szene nicht unterstützt. Sie fällt regelmäßig bei den verschiedenen Förderrichtlinien durchs Raster. Stattdessen wird immer wieder gefordert, dass sie ihre Flotte auf reinen Elektroantrieb umstellt. Viele Anbieter setzen schon auf E-Mobilität, wie der hohe E-Anteil in der nationalen Carsharing-Flotte zeigt. Reine E-Carsharing-Flotten lassen sich zurzeit jedoch kaum wirtschaftlich betreiben. Das liegt an höheren Beschaffungspreisen, nicht verfügbarer Lade-Infrastruktur und niedrigerer Auslastung aufgrund von Skepsis der Kunden der Technik gegenüber. Angesichts der verkehrsentlastenden Wirkung des Carsharing sind Forderungen nach 100 % E-Autos häufig kontraproduktiv. Sie hemmen die Expansion der Anbieter aufgrund zusätzlicher Kosten und sonstiger Probleme.

Nutzen statt besitzen – ein erfreulicher Trend

Auch ohne Unterstützung des Bundes und vieler Länder sind die Carsharing-Branche und die Zahl ihrer Nutzer in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gewachsen. Sobald Bund und Länder das Carsharinggesetz (CsgG) in Gänze umgesetzt haben, wird sich dieser Markt noch besser entwickeln können. Carsharing mag im Bereich des motorisierten Verkehrs auch zukünftig keine hohen Renditen abwerfen, für die Mobilität der Menschen und für eine klimafreundliche, lebenswerte Stadt ist es jedoch ein wichtiger Baustein.

Meinen Traum von der autofreien Stadt werde ich wohl nicht mehr erleben. Aber ich bin optimistisch, dass das Leitbild autogerechte Stadt keine Zukunft mehr hat. In der Straße meiner Jugend fährt nun die Straßenbahn und es steht seit Kurzem auch ein Carsharing-Auto um die Ecke.
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Onlinetipps

Bundesverband CarSharing (bcs)
Nutzer und Mobilitätsverhalten in verschiedenen CarSharing-Varianten
Projektbericht, November 2018
https://carsharing.de/carsharing-varianten-entlasten-staedte-unterschiedlich

Umweltbundesamt
Kein Grund zur Lücke
So erreicht Deutschland seine Klimaschutzziele im Verkehrssektor für das Jahr 2030
Positionspapier, Dezember 2019
https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/kein-grund-zur-luecke

Umweltbundesamt
Car-Sharing
Thema, Dezember 2019
https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm/nachhaltige-mobilitaet/car-sharing#angebotsformen-des-car-sharing

 

Michael Ziesak

Jahrgang 1969, studierte Chemie, ist beruflich aber seither im verkehrspolitischen Bereich tätig. Unter anderem war er 14 Jahre lang Bundesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Seit 2019 ist er Referent für Verkehrspolitik beim Bundesverband CarSharing (bcs).

 

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Website: http://www.carsharing.de