Was Bitcoin mit Facebook zu tun hat

Grafik: geralt / pixabay.com

Das Jahr 2017 kann in die Geschichte eingehen als das Jahr, in dem ein Hype um Kryptowährungen zu einer Spekulationsblase führte. Oder als das Jahr, in dem unsere Gesellschaft wahrnahm, dass etwas vollkommen Neues am Horizont aufscheint: eine technische Grundlage für Dezentralisierung und Kooperation als Gegenentwurf zu Markt und Konkurrenz.

Alle Massenmedien berichten über Bitcoin, über die Spekulation, über den Reichtum, den die neue Währung bringt, über den bevorstehenden Untergang, der die Spekulanten ereilen wird. Beim allgegenwärtigen Bitcoin-Hype eine Nachricht zu finden, bei der es gleichzeitig um Facebook geht, gelingt jedoch nicht so leicht. Auch in diesem Artikel nicht so richtig – nur ein bisschen. Er dreht sich um Plattformen, um die politische Koordination von Wettbewerb, um gesellschaftliche Bedürfnisse und um dezentrales Transaktionsmanagement.

Plattformen – ein erfolgreiches Geschäftsmodell

Im Jahr 2016 gab das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) das „Grünbuch Digitale Plattformen“ heraus, im Jahr 2017 folgte das entsprechende „Weißbuch“. Diese Publikationen dienen dazu, Konsultationsprozesse mit Interessengruppen zum Thema zu starten (Grünbuch) und deren Ergebnisse zu konsolidieren (Weißbuch). Und sie zeigen, dass die derzeitigen gesetzlichen Regelungen nicht ausreichen.

Doch zunächst eine kurze Begriffsklärung: Plattformen sind Orte zur Anbahnung und Abwicklung wirtschaftlicher Prozesse, die sowohl Anbietern als auch Nachfragern von Leistungen das Agieren ermöglichen. Eine Plattform ist z. B. ein Einkaufszentrum, in dem viele Einzelhändler versammelt sind. Eine digitale Plattform verlegt den Ort ins Internet. Bekannte Beispiele: Amazon, Google, Facebook und Check24. Es handelt sich dabei um Unternehmen, die als Mediatoren auftreten und einen mindestens zweiseitigen Markt implementieren.

Bei Google oder Facebook ist das im ersten Moment nicht so offensichtlich, da die Nutzer überwiegend nicht für den Dienst bezahlen – zumindest nicht monetär. Aber natürlich bezahlen sie mit etwas: mit ihren Daten. Die können andere Unternehmen käuflich erwerben – entweder direkt oder in Form von gesteuerter Werbung. Ein Plattformanbieter, der ein ganzes „Ökosystem“ betreibt, ist Apple. Durch das Bereitstellen unzähliger Anwendungen im AppStore kontrolliert Apple die „Produkte“, die Anbieter für Nachfrager auf der Plattform bereitstellen. Apple profitiert hierbei von beiden Seiten. Die Nachfrager kaufen das iPhone, weil es hervorragende Integration und Bedienbarkeit bietet, und die Anbieter der Apps bezahlen Gebühren für das Verkaufen der Software.

Der Unterschied zwischen digitalen und stationären Plattformen liegt primär in der Reichweite. Eine digitale Plattform ist quasi unbegrenzt erreichbar – zeitlich wie räumlich. Die Auswirkungen von Plattformen sind beide Male ähnlich: Sie verdrängen den klassischen kleinteiligen Einzelhandel der Stadtzentren, sorgen für eine Umstrukturierung, für einen Konzentrationsprozess. Der ist bei stationären Plattformen physisch beschränkt, bei digitalen nicht.

Der Konzentrationsprozess ruft die Wettbewerbshüter auf den Plan. Denn unser Wirtschaftssystem setzt auf Wettbewerb. Und das aus zwei Gründen: Zum einen erhofft sich unsere Gesellschaft durch den Konkurrenzdruck nutzbringende Innovationen. Zum anderen befürchtet sie, dass Monopole die Versorgungsqualität verschlechtern. Doch das Konkurrenzprinzip hat ganz offensichtlich Grenzen. Das einzige unverrückbare Prinzip des Wirtschaftens ist eine effiziente Ressourcenallokation und eine hohe Befriedigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse. Wie diese Ziele erreicht werden, ist eher nachrangig.

Das BMWi will Monopolstellungen großer Plattformen eindämmen und das Konkurrenzprinzip aufrechterhalten. Das Problem, das es hierbei übersieht: Ein Wettbewerb dient hier gar nicht zur besseren Versorgung unserer Gesellschaft! Es ist nichts Positives daran, eine Lebensversicherung auf mehreren Vergleichsportalen vergleichen zu lassen oder mehrere soziale Netzwerke parallel pflegen zu müssen. Wer auf einen Wochenmarkt geht, möchte zwar mehrere Metzger aufsuchen, aber nicht mehrere Wochenmärkte. Insofern möchte das BMWi Wettbewerb, wo ein Monopol ganz normal und im Interesse der Gesellschaft ist – abgesehen von den steigenden Preisen und horrenden Gewinnen, die sich damit erzielen lassen.

Blockchain – eine technologische Revolution

Die Blockchain-Technologie (BCT) wurde im Jahr 2017 zu einem der meist beachteten IT-Themen in deutschen Unternehmen. Sie ist die technische Umsetzung von Bitcoin – und die eigentliche Revolution. Technisch genau zu erläutern, was BCT ist und leistet, würde hier zu weit führen, zumal sich mittlerweile auch viele Technologieansätze entwickelt haben, die auf verschiedene Probleme sehr unterschiedlich reagieren. Deshalb hier nur eine kurze nicht-technische Beschreibung. Eine Blockchain ist eine Art „Logbuch“, in dem Transaktionen aufgezeichnet sind und für das folgende Einschränkungen gelten:

  1. Das „Logbuch“ ist auf verschiedenen in einem Netzwerk (z. B. Internet) erreichbaren Rechnern repliziert (kopiert und verteilt), sodass es so lange existiert, wie noch Teilnehmerrechner aktiv sind. Ziel ist Ausfallsicherheit.
  2. Die Akzeptanz der Transaktionen (Gültigkeit) wird durch einen Prozess zwischen den Rechnern bestätigt. Ziel ist Dezentralität.
  3. Die Reihenfolge der Transaktionen ist unveränderbar.
  4. Die Transaktionen sind mittels mathematischer Verfahren gegen nachträgliche Manipulationen geschützt.

Besonders der zweite Punkt beinhaltet einen konzeptionellen Ansatz, der kurz zu erläutern ist: Überweist man Geld von einem Konto an einen Empfänger, dann wickelt eine Bank diese Transaktion ab und sorgt dafür, dass beide Konten danach richtig belastet sind. Beim ersten Konto muss Geld fehlen, beim zweiten zugekommen sein. Die Bank sorgt auch dafür, dass mit dem Geld des ersten Kontos nicht zeitgleich zur Überweisung eine andere Überweisung getätigt werden kann (double spending problem) und dass das Geld bei genau einem Empfänger ankommt. Die Bank ist die zentrale Instanz, die die Akzeptanz der Transaktion sicherstellt.

Bei der BCT liegt die Sache anders: Hier wird in einem dezentralen Ansatz, der von der jeweilig implementierten Technologie abhängig ist, die Transaktion in ihrer Gültigkeit abgesichert. Es gibt also bei der BCT immer eine große Zahl von beteiligten Netzknoten, die bestätigen, dass eine Transaktion vereinbarungskonform abgelaufen ist. Die zentrale Institution entfällt hierbei. In einem gewissen Sinne wird die Bestätigung der Transaktion demokratisiert. Das Vertrauen erwächst nicht mehr aus dem Vorhandensein einer Institution, sondern aus der quasi Nichtmanipulierbarkeit der BCT.

BCT ist also eine dezentrale Technologie, die es ermöglicht, Transaktionen fälschungssicher und repliziert zu verwahren. Dies führt im Kern dazu, dass die zentralen Instanzen, die bisher Transaktionen abgesichert haben (Banken bei der Kontoführung, Notare bei Verkäufen oder staatliche Behörden bei Meldeproblematiken), in ihrem Geschäftsmodell angegriffen und in Teilen überflüssig werden. Eine Zukunftsvision ist, dass viele dieser Transaktionen mithilfe der BCT von verteilt agierenden Teilnehmern validiert und auf ihre Akzeptanz geprüft werden – und dies automatisch.

Plattformen & Blockchain – eine Chance fürs Gemeinwohl

Was ist der Kern von Facebook? Facebook nimmt Daten von seinen Nutzern entgegen, stellt sie in Zuordnung zum jeweiligen Nutzer dar und übergibt sie an andere Nutzer, die das Recht besitzen, die Daten einzusehen. Insofern liegt hier eine Transaktion vor, die über einen zentralen Mittler gesteuert wird, der dafür mittels vieler geschäftlicher Aktionen Gebühren erhebt. Gleiches gilt analog für einen Service, der günstige Versicherungen auf Anfrage findet. Eines der wesentlichen Probleme bei diesen Plattformen ist der erörterte Drang zur Monopolisierung.

Nun stellen wir uns vor, dass es eine andere Organisationsform gibt, die das Infrastrukturelle des Service liefert, selbst aber nicht gewinnorientiert ist, z. B. eine Genossenschaft. Eine Genossenschaft, deren Zweck es ist, ein soziales Netz aufzubauen. Und alle Teilnehmer des sozialen Netzes werden automatisch Genossenschaftsmitglieder. Die Genossenschaft betreibt auf Basis der BCT die Kernfunktionalität von Facebook und übernimmt die Sicherung der Transaktionen sowie den Zugriff auf sie. Dies geschieht aufgrund der Algorithmen in dezentraler Weise ohne zentrales Management. Es wäre im Sinne unserer Gesellschaft, dass die Genossenschaft das Monopol auf die grundlegende Verarbeitung der Transaktionen hat, da jeder, der sich an diesem sozialen Netzwerk beteiligen möchte, sich mittels computergesteuerter Algorithmen auch an der Transaktionssicherung und deren Verwaltung beteiligen kann. Die Transaktionskosten würden durch Skaleneffekte sinken. Und da keine Gewinnmaximierung angestrebt wird, würden die einzelne Transaktion günstiger werden – zum Wohle aller.

Es könnten hier trotzdem neue Geschäftsmodelle entstehen, indem Unternehmen die Daten der Nutzer für die Nutzer veredeln, indem sie diese z. B. im Auftrag des Nutzers verkaufen. Der Unterschied liegt darin, dass der Benutzer die Datenhoheit behält und die Transaktionen autorisieren muss. Die Plattformorganisation würde hiervon weder profitieren noch geschädigt.

Im Kern würde also der infrastrukturelle, zum Monopol neigende Teil des Geschäftsmodells durch eine gemeinschaftlich betriebene Plattform abgebildet. Der geschäftliche Aspekt des Datenhandels könnte im Sinne der Nutzer zwischen weiteren Unternehmen und den Nutzern selbst ausgehandelt werden, was einerseits den Ideen des Datenschutzes gerecht und andererseits dem Nutzer die finanzielle Hoheit über seine Daten zurückgeben würde. Insofern würde der Ansatz also sowohl dem Aspekt der Monopolbildung durch eine andere Steuerung entgegenwirken (weil die Auswirkung des Monopols nicht mehr negativ auf die Versorgung wirkt) und andererseits würde die Möglichkeit zur Innovation nicht eingeschränkt.

Um solche Organisationsformen, die auf neuen und vor allem dezentralen Technologien beruhen, auszuprobieren, bräuchte es den konkreten politischen Willen, sie rechtlich zu ermöglichen und gegebenenfalls auch zu fördern. BCT könnte eine technische Grundlage zur strategischen Umsetzung von gemeinwohl-ökonomischen Ansätzen sein. Das beschriebene Beispiel zeigt dies. Einerseits liebt unsere Gesellschaft den Service, den Facebook bietet, andererseits sind ihr dessen Macht und Geschäfte unheimlich. Wieso kann Facebook mit unseren Daten und unseren Inhalten so viel Geld verdienen? Die infrastrukturelle Umsetzung und das Rechtemanagement der Daten könnten durch alternative und dezentrale Technologien abgelöst werden. Die Grundlage des sozialen Netzwerkes kooperativ zu betreiben und die Leistungen gemeinsam zu erbringen, wäre zum Wohle aller. Weitere Geschäftsaktivitäten könnten stattfinden, allerdings in einem deutlich faireren Rahmen, da die Nutzer direkt von der Bereitstellung der Daten profitieren würden.

Der kooperative Ansatz ist sinnvoll, da Konkurrenz im Sinne von parallelen sozialen Netzwerken die Versorgung unserer Gesellschaft nicht verbessert. Kooperativ bedeutet, dass alle aktiv Beteiligten (Rechner) sich an der Speicherung der Transaktionen und an der Verifizierung der Richtigkeit der Transaktionen gemeinschaftlich beteiligen und ihren Beitrag individuell leisten, um das Gesamtsystem zu ermöglichen. Im Grunde ist das, als ob der Staat als Organisation seiner Bürger ein Monopolgut wie z. B. ein Schienensystem verwaltet – nur ohne die Institutionalisierung und behördliche Strukturierung, die große Probleme beim Generieren von Innovationen hat.

Jetzt stellt sich natürlich noch die Frage, was das kostet und ob das jeder kann. Zunächst wird das jeder können, der einen Rechner zur Verfügung hat, was zur Nutzung von Facebook jetzt auch die Voraussetzung ist. Die Teilnahme wird (nach Installation der nötigen Software) automatisch erfolgen. Der Nutzer spielt hier eine inaktive Rolle und überlässt das Validieren der Transaktionen den Algorithmen. Die Kosten für die BCT und damit die Kosten für eine Transaktion werden künftig sehr viel geringer sein, als die, welche die heute üblichen Mittler als Preise verlangen.

Allerdings muss an der konkreten technologischen Umsetzung weiter geforscht werden, da viele Blockchain-Ansätze der Gegenwart die Transaktionsanzahl nicht bewältigen können. Es sind jedoch bereits neue und viel leistungsfähigere Technologien im Einsatz, sodass dieser Aspekt in Zukunft kaum eine Rolle spielen wird. Neue Technologien sollten nicht länger nur dazu dienen, wenige Unternehmen immer noch reicher und noch mächtiger zu machen. Die Zeit ist heute reif, Technologien vor allem dafür zu nutzen, gesellschaftliche Probleme zu lösen.
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Prof. Dr. Sebastian Richter

Jahrgang 1977, studierte Wirtschaftsinformatik, war von 1996 bis 2016 Offizier bei der Bundeswehr in IT-nahen Funktionen und ist seit 2016 Professor für Wirtschaftsinformatik an der DHBW Stuttgart. Seine aktuellen Forschungsthemen sind Blockchain-Technologie, Open Innovation und Information Security Awareness.

 

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