Das Smartphone – mein Personal Big Brother

Grafik: geralt/pixabay.com

Wer dazugehören will, nutzt ein Smartphone, Tablet oder eine smarte Armbanduhr, googelt, ist vernetzt auf Facebook, Twitter, Instagram oder WhatsApp. Wer kennt deren AGB oder schützt seine Daten? Kaum einer. Das könnte fatale Folgen haben! Wir sind auf dem Weg in die smarte digitale Diktatur – in eine Gesellschaft ohne Privatsphäre und ohne Demokratie.

Angenommen, unsere Regierung würde beschließen, dass jeder Bürger eine Funk- und Videowanze rund um die Uhr eingeschaltet tragen muss, die ständig seinen Standort und seine Kommunikation überträgt. Mit der Begründung: Dann könne der Staat sich viel besser um dessen Bedürfnisse kümmern. Das würde als totalitäre Bespitzelung abgelehnt. Doch es ist eigentlich schon Realität: Ob im Zug, im Restaurant oder auf der Straße – schweigende Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die in gebückter Haltung gefesselt auf ihr Smartphone starren und an Amazon, Google und Apple, an Versicherungen, Autokonzerne und Geheimdienste ihre persönlichsten Daten abliefern. „Smartphones sind Messgeräte, mit denen man auch telefonieren kann … Dabei entstehen riesige Datenmengen, die dem, der sie analysiert, nicht nur Rückschlüsse auf jedes Individuum erlauben, sondern auch auf die Gesellschaft als Ganzes“, schreibt Yvonne Hofstetter in ihrem Buch „Das Ende der Demokratie“.

Ausspionieren für Konsum und Profit

Jeder Smartphone-Vorgang und Google­Klick wird in Echtzeit von Dutzenden Firmen gespeichert, um Personenprofile – digitale Zwillinge – zu erstellen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) schreibt, das Ziel von Big Data sei es, über den „direkten Kundenzugang die Kontrolle über die Kundenschnittstelle [zu] gewinnen, so wie dies zum Beispiel Google mit dem Android für mobile Endgeräte gelungen ist. Ein derartiges Agentenmodell gewinnt an Bedeutung, da empirisches Wissen über den Kunden und seine Bedürfnisse von enormem Wert ist.“

Der gläserne Konsument, erschaffen durch Big Data, ist eine Bedingung für das Anheizen des konsumorientierten Wachstums. Für diese Konditionierung auf den Konsum wird jetzt mit dem „Smart Home“, der vollvernetzten Wohnung, das elektronische Panoptikum geschaffen. Mit interaktiven Heim-Lautsprechern wollen Google (Google Home) und Amazon (Echo Dot) im Smart Home die interaktive Vollzeitbetreuung übernehmen. Über den Lautsprecher hören sie – und auch gleich die Geheimdienste – mit und aktualisieren das digitale Profil. Amazon filtert aus den Gesprächen die nächsten Bedürfnisse und Wünsche und teilt gleich die Bestellmöglichkeiten mit. Im Google-Roman „Der Circle“ von Dave Eggers heißt es dazu: „Die realen Kaufgewohnheiten von Menschen waren jetzt wunderbar nachzuverfolgen und zu messen, und das Marketing für diese realen Menschen konnte mit chirurgischer Präzision erfolgen.“

Data-Mining-Unternehmen haben sich darauf spezialisiert, Nutzerdaten zu erfassen und auszuwerten. Marktführer in Deutschland im Datenhandel sind Bertelsmann, Otto, die Deutsche Post und Schober, die mit den digitalen Profilen nahezu jedes Bürgers in Deutschland handeln. Das Bertelsmann-Unternehmen „AZ Direkt“ bietet von 30 Mio. Bundesbürgern Daten an. Jeder Person sind bis zu 600 Profilinformationen zugeordnet. Wir müssen nüchtern konstatieren: Problemlos können heute alle Smartphone- und PC-Daten ausgelesen werden, grundgesetzlich verbriefte Werte wie das Brief-, Bank- und Postgeheimnis sowie die Unverletzlichkeit der Wohnung stehen nur noch auf dem Papier.

Die Daten für die eigene Überwachung, die ja bisher nur bei strafrechtlich relevantem Verhalten zulässig war, liefert der Smartphone-Nutzer freiwillig. Extremster Auswuchs: Der neue Hype der Selbstvermessung durch Wearables (Smartwatches, Fitnessarmbänder) ist die unterwürfige Bereitschaft, für sein eigenes Up- und Down-Ranking den Versicherungskonzernen persönlichste Daten zu überlassen. Die Nerds sind nicht gefesselt an Ketten, sondern an Wearables. So haben sich 14.000 Angestellte des Ölkonzerns BP in den USA „entschieden“, einen kostenlosen „Fitbit-Tracker“ rund um die Uhr als elektronische Armfessel zu tragen. Das Unternehmen ist so immer über ihre Lebensweise informiert – und vor allem auch über den hochgerechneten zukünftigen Leistungs- und Verschleißzustand.

Krankenversicherungen und Personalabteilungen entscheiden heute schon über Bewerber anhand von digitalen Profilen. Die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und die Technische Universität München (TUM) erhielten 2017 den BigBrotherAward für die Überwachung der Studenten im Online-Studium (MOOC-Kurse) und die Weitergabe der Daten. Das digitale Profil beschert dem Personalchef nicht nur den gläsernen Bewerber, die Algorithmen erlauben Vorhersagen über seine Entwicklung. Big Data ermöglicht neue Disziplinierungstechniken, die sicherstellen, dass menschliches Handeln sich in die Abläufe der Ausbeutungs- und Konsumgesellschaft berechenbar einfügt.

Ausspionieren für politische Kontrolle

„Wer die Daten hat, hat die Macht“, sagte Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur, in seiner Rede beim Neujahrsempfang 2017. Es geht um mehr als Werbung und Konsum. Die Herrschenden erwarten angesichts von Klimakatastrophen, Flüchtlingswanderungen, Massenentlassungen durch Industrie 4.0, dem Zusammenbruch ganzer Industriezweige durch neue disruptive Technologien soziale Unruhen, die mit neuen Methoden schon im Ansatz verhindert werden sollen. Steuerungsmethoden für die digitalisierte Machtausübung werden mit Hochdruck entwickelt.

Das Schweizer Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) beschreibt sie in seiner für die Swisscom AG erstellten Zukunftsstudie „Die Zukunft der vernetzten Gesellschaft“ als Modell zukünftiger Politik: „Was auf Mikroebene das Leben erleichtert, eröffnet auf Makroebene ungeahnte Perspektiven für die Steuerung von sozialen Systemen (die sich mit herkömmlichen Instrumenten, Geboten und Verboten, immer weniger kontrollieren lassen). Staats- und Unternehmensführer erhalten neue Werkzeuge, ‚Sozioskope‘ (soziale Teleskope), mit denen das menschliche Zusammenleben erstmals in seiner ganzen Komplexität erfasst werden kann. Durch die neue Technologie werde es möglich, die Gesellschaft gleichsam mit dem Auge Gottes zu betrachten, schreibt der MIT-Professor Sandy Pentland in seinem Buch ‚Social Physics‘. Das präzisere Abbild eines sozialen Systems soll in der Folge auch eine schnellere, präzisere Steuerung und Kontrolle der Gesellschaft ermöglichen.“

Politische Kontrolle will vom Untertanen alles wissen, will soziale Bewegungen in Echtzeit erfassen und braucht Werkzeuge, sie zu manipulieren. Mit diesem Ziel verläuft derzeit die geräuschlose Umwandlung der Städte von Orten der kommunalen Demokratie zu totalüberwachten Zonen. Mit kostenlosen (!) WLAN-Netzen wird eine lückenlose städtische Infrastruktur zur Totalüberwachung erstellt. Gemeinderäte und Bürger forderten dies, weil sie es naiv mit Fortschritt gleichsetzten.

ÖPNV-Fahrkarte, Car-Sharing, Bezahlung im Supermarkt oder Banküberweisung – alle Smartphone-Transaktionen hinterlassen digitale Spuren. Das 5G-Mobilfunknetz, das vor allem das autonome Fahren und die Smart Homes steuern soll, perfektioniert die Datenkontrolle. Das politische Ziel ist es, die Bürger durch kontrollierte (Des-)Information und Entertainment ruhigzustellen und Opposition zu marginalisieren.

„Die Steuerungsformen in computerisierten urbanen Systemen wie etwa Überwachungskameras oder biometrische Authentifizierungssysteme stellten ein ‚biopolitisches Management‘ im foucaultschen Sinn dar, mit dem Individuen oder ihre in Daten zerfallenen digitalen Doppelgänger, die Dividuen, auslesbar und kontrollierbar sind“, beschreibt dies der Journalist Adrian Lobe. In dieser Stadt sei kein Raum für Protest, denn weil „polizeiliche Aufgaben an technologische Systeme wie algorithmische Agenten, Robotik und Sensoren delegiert werden, werden Möglichkeiten für Dissens und Protest minimiert“.

Lobe zitiert den Architekten Rem Koolhaas, der in einem Positionspapier für die EU-Kommission heftige Kritik übte: „Die Bürger, denen die Smart City zu dienen vorgibt, werden wie Kinder behandelt. Wir sind gefütterte, niedliche Icons des urbanen Lebens, ausgestattet mit harmlosen Geräten, kohärent in angenehmen Diagrammen, wo die Bürger und Geschäfte von mehr und mehr Dienstleistungen umgeben sind, die Kontrollblasen kreieren.“ Individuen würden zu Steuerungsobjekten degenerieren, die in den Zentralen der Entscheider nur noch als Kuchendiagramme auftauchen. „Der Dataismus macht alles gleichförmig: vom Abfall über den Verkehr bis hin zur Politik. Der Bürger ist im Kontrollnetzwerk der Smart City bloß ein Datenpaket.“

Big Data als Kern der „Digitalen Bildung“

Für das Funktionieren in der smarten Diktatur soll der Nachwuchs bereits frühzeitig konditioniert werden. Die Schulen sollen brave Untertanen liefern. Der humboldtsche Homo politicus, der gebildete kritische Bürger, soll abgelöst werden vom angepassten Homo oeconomicus. Dafür wird das Bildungswesen umgebaut. Die Reform nennt sich „Digitale Bildung“. Big Data ist ihr Kernelement. Wir sind am Anfang einer Entwicklung, deren Ziele das GDI so charakterisiert: „Mit der Digitalisierung des Menschen, die sowohl die Forschung wie auch die ICT-Branche in den nächsten Jahren anstreben, erreicht die digitale Revolution eine neue Stufe.“

René Descartes’ „Ich denke, also bin ich“ mutiert zu „Meine Daten definieren, wer ich bin“. Der in Echtzeit aktualisierte Datendoppelgänger, beginnend mit dem digitalen Zwilling des Kindes und Schülers, soll dann lebenslang das maßgebliche „Ich“ für Behörden, Erziehungsinstitutionen, Geheimdienste, Krankenkassen, Warenhäuser, Banken und Personalabteilungen sein. Das Daten-Ich wird zum Avatar, zum lebenslangen Über-Ich. „Algorithmen nehmen uns immer öfter das Suchen, Denken und Entscheiden ab. Sie analysieren die Datenspuren, die wir erzeugen, entschlüsseln Verhaltensmuster, messen Stimmungen und leiten daraus ab, was gut für uns ist und was nicht. Algorithmen werden eine Art digitaler Schutzengel, der uns durch den Alltag leitet und aufpasst, dass wir nicht vom guten Weg abkommen“, prophezeit das GDI.

So wie in der Industrie 4.0 die Produktion, sollen Computer und Algorithmen auch das Erziehungsgeschehen autonom steuern. Die Superwanzen Smartphone und Tablet sollen zu den Hauptlernmedien in den Schulen werden. Es geht um eine Neuausrichtung des Erziehungswesens: um die Übernahme der Erziehung selbst durch digitale Medien bereits ab den Kitas. „2036 werden Eltern schon für ihre fünf Jahre alten Kinder einen virtuellen Lehrer abonnieren“, schwärmt der Kultur- und Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt. „Die Stimme des Computers wird uns durchs Leben begleiten. Vom Kindergarten über Schule und Universität bis zur beruflichen Weiterbildung. Der Computer erkennt, was ein Schüler schon kann, wo er Nachholbedarf hat, wie er zum Lernen gekitzelt wird. Wir werden uns als lernende Menschen neu erfinden. Dabei wird der zu bewältigende Stoff vollkommen auf den Einzelnen zugeschnitten sein.“

Doch die angebliche Individualisierung des Lernens durch digitale Medien ist eine Entmündigung, ein Milliarden-Geschäft – und nicht zuletzt ist es ein Programm zur Einsparung von Lehrern und Erziehern. Der Medienwissenschaftler Ralf Lankau kritisiert deshalb Breithaupt scharf: „Das, was Breithaupt als Zukunft des Lernens propagiert, sind im Kern totalitäre Systeme zur psychischen und psychologischen Manipulation und lebenslangen Steuerung von Menschen. Beschrieben wird das systematische Heranziehen von Sozial-Autisten, die auf eine Computerstimme hören und tun, was die Maschine sagt.“

In seinem Buch „Die Herrschaftsformel“ analysiert der Journalist Kai Schlieter, wie weltweit Thinktanks zusammen mit Regierungen an Methoden arbeiten, wie durch die subtile Ausschaltung des Denkens und der Autonomie nach den Methoden des skinnerschen Behaviorismus der flexibel steuerbare Mensch konditioniert werden kann. Stichworte: „operante Konditionierung durch Belohnung“, „Verhaltensdesign“, „Gewohnheitsbildung“, „Neuromarketing“, „Behavioral Economics“. Der Homo algorithmicus ist der geplante Untertan des 21. Jahrhunderts. Die „Digitale Bildung“ soll den Weg dafür ebnen. Als Reaktion auf diese Dehumanisierung des Bildungswesens haben Hochschullehrer und Pädagogen das „Bündnis für humane Bildung“ gegründet.

Smarte Diktatur durch totale Überwachung

Die Überwachung wird in der Smart City zum allgegenwärtigen Über-Ich. Heribert Prantl analysiert die psycho-sozialen Folgen dieser Entwicklung treffend: „Diese Überwachung wird den freiheitlichen Geist der früher sogenannten ‚freien Welt‘ zerfressen, weil die Überwachung es verhindert, schöpferisch zu sein. Kreativität verlangt, dass man sich abweichendes Verhalten erlauben kann, dass man Fehler machen darf. Wer überwacht wird, verhält sich konform. Das ist die eigentliche Gefahr der Massenüberwachung. Sie erzieht zur Konformität. Sie kultiviert vorauseilenden Gehorsam. Sie züchtet Selbstzensur. Die Dynamik der Selbstzensur entwickelt sich unabhängig davon, ob wirklich konkret im Einzelfall überwacht wird. Es reicht die abstrakt-konkrete Möglichkeit, überwacht zu werden. Damit verschwindet nämlich die Gewissheit, dass man in Ruhe und Frieden gelassen wird. Und damit verschwindet die Privatheit; und mit ihr verschwindet die Unbefangenheit. Der Verlust der Unbefangenheit ist eine Form der Gefangenschaft; sie ist ein Verlust der Freiheit. Die Überwachungsmacht veranlasst die Menschen, sich selbst in Gefangenschaft zu nehmen.“

Die Entdemokratisierung und Aufhebung der Privatsphäre erfolgen schleichend, auch weil die Digitalisierung mit Illusionen von grenzenloser Information und neuer Demokratie vermarktet wird. Die Menschen tappen in die Freiheitsfalle, weil die Repression nicht offen ist.

Die Diktatur ist smart und effektiv. Im Gegensatz zu bisherigen Diktaturen, sagt der Soziologe Harald Welzer, schafft die Digitalisierung „ein viel unauffälligeres und zugleich wirksameres Machtmittel, nämlich die Beherrschung des Rückkanals, also aller Reaktionen auf die Angebote und Entwicklungen der smarten Diktatur. Solche Herrschaft kann kontrollieren, was die Beherrschten selbst zu sein glauben und sein wollen. Das ist herrschaftstechnisch die innovativste Übergangszone ins Totalitäre. Das kannten wir noch nicht.“ Eine Meisterleistung der Psychopolitik und des Marketings. „Sie sind die Laborratte, die die Daten liefert, mit deren Hilfe Sie manipuliert werden.“

Die Meinung „Ich habe eh nichts zu verbergen“ ist nichts anderes, als wenn man sich nicht um das Recht auf freie Meinungsäußerung schert, weil man „eh nichts zu sagen hat“. Welzer nennt dies einen „Selbstentmündigungsfatalismus“. Die historischen Erfahrungen der Nazi-Zeit, aber auch der Kommunisten- und Homosexuellenverfolgung in der Adenauer-Ära, der Schwarzen Listen von Unternehmerverbänden und nicht zuletzt der Stasi-Zeit in der DDR werden verdrängt.

Wir liefern heute schon auf Vorrat die Daten – auch über politische Netzwerke! –, auf deren Basis morgen eine mögliche rechtsradikale Regierung den Widerstand unterdrücken kann und wird. So forderte der AfD-Abgeordnete André Poggenburg im Magdeburger Landtag, „linksextreme Lumpen“ müssten „von deutschen Hochschulen verbannt“ und „praktischer Arbeit zugeführt werden“. Außerdem wünschte er sich, „diese Wucherung am deutschen Volkskörper endgültig loszuwerden“.

Framing 4.0: Begriffe wie „SmartPhone“, „SmartSchool“, „SmartHome“, „SmartFactory“ und „SmartCity“ kaschieren den Weg in den digitalen Totalitarismus –davor warnen mit einem „Digital-Manifest“ neun Experten. Sie verweisen dabei auf China und dessen Konzept des „Citizen Scores“, eines mithilfe einheimischer Internetkonzerne entwickelten Einwohner-Bewertungs-Systems, das aus den unablässig gesammelten persönlichen Daten eine öffentlich einsehbare Punktezahl generiert: „Durch Vermessung der Bürger auf einer eindimensionalen Rankingskala ist nicht nur eine umfassende Überwachung geplant. Da die Punktezahl einerseits von den Klicks im Internet und politischem Wohlverhalten abhängt, andererseits aber die Kreditkonditionen, mögliche Jobs und Reisevisa bestimmt, geht es auch um die Bevormundung der Bevölkerung und ihre soziale Kontrolle. Weiterhin beeinflusst das Verhalten der Freunde und Bekannten die Punktezahl, womit das Prinzip der Sippenhaft zum Einsatz kommt: Jeder wird zum Tugendwächter und zu einer Art Blockwart; Querdenker werden isoliert. Sollten sich ähnliche Prinzipien in demokratischen Staaten verbreiten, wäre es letztlich unerheblich, ob der Staat die Regeln dafür festlegt oder einflussreiche Unternehmen. In beiden Fällen wären die Säulen der Demokratie unmittelbar bedroht.“

Die Fehleinschätzung der Risiken der digitalen Überwachung hatte in den Bewegungen des Arabischen Frühlings tödliche Folgen. Strukturen und Netzwerke des Widerstandes wurden aufgedeckt, Führungspersonen identifiziert, verhaftet, gefoltert und auch getötet. Die Illusion der „Liquid Democracy“ führte zu ihrer Liquidierung. Auch den Massenentlassungen und Verhaftungen in der Türkei ging die digitale Überwachung und Identifizierung voraus.

Wir erleben aktuell eine politisierte Big-Data-Diskussion. Brauchen wir Big Data und die Vorratsdatenspeicherung für unsere Sicherheit? Big Data und die Entwicklung von Algorithmen hatten ihren Ursprung in der Kriegsführung im Ersten Golfkrieg, um Feindobjekte bei der AWACS-Aufklärung sicher zu identifizieren. Sind es aber nicht gerade diese Kriege um Rohstoffe und Absatzmärkte, geführt mithilfe digitaler Techniken, die uns als ein Ergebnis den Terrorismus bescherten?

Mit Big Data den Terrorismus in den Griff bekommen zu wollen, ist ein Kurieren an Symptomen, während man den Krankheitsherd selbst fortwährend befeuert. Trotz künstlicher Intelligenz, gigantischer Datenvolumen und der ständigen Perfektionierung der Überwachung bekommen die Herrschenden weder die Probleme Europas, weder die Kriege im Nahen Osten noch die Klimaerwärmung in den Griff, sondern vertiefen das Chaos. Die Auswüchse und Opfer dieses Chaos sollen mit Überwachung und Manipulation gebändigt werden, um eben dieselbe Politik weiterführen zu können – ein systemimmanenter, unlösbarer Widerspruch.

Deshalb ist das System infrage zu stellen. Vor 100 Jahren, im Jahr 1918, taten das deutsche Arbeiter, aber ihre Revolution scheiterte und 15 Jahre später übernahmen die Nazis die Macht. Vor 50 Jahren, im Jahr 1968, gingen die Studenten auf die Straße, die Gesellschaft öffnete sich für Reformen, doch es folgte der neoliberale Rollback. Besorgt sehen wir aktuell die Entwicklung nach rechts zum digitalen Totalitarismus und das Aufkommen neuer faschistischer Strömungen. 1918 – 1968 – 2018 – es ist Zeit für neue grundsätzliche Diskussionen, wohin sich unsere Gesellschaft entwickeln soll.
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Buchtipps

Harald Welzer
Die smarte Diktatur
Der Angriff auf unsere Freiheit
Fischer Taschenbuch, Oktober 2017
320 Seiten, 10.99 Euro
978-3-596-03552-6
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Kai Schlieter
Die Herrschaftsformel
Wie Künstliche Intelligenz uns berechnet, steuert und unser Leben verändert
Westend, September 2015
272 Seiten, 19.99 Euro
978-3-86489-108-3
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Frank Schirrmacher (Hrsg.)
Technologischer Totalitarismus
Eine Debatte
Suhrkamp, Mai 2015
283 Seiten, 15.00 Euro
978-3-518-07434-3
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Markus Morgenroth
Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!
Die wahre Macht der Datensammler
Droemer, August 2014
272 Seiten, 19.99 Euro
978-3-426-27646-4
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Links

Interview mit Katika Kühnreich
Chinas Social Credit System: Volle Kontrolle
Spiegel, 28.12.2017
http://t1p.de/agtp

Jannis Brühl
Menschen und Unternehmen bekommen noch mehr Macht, Ihr Leben zu zerstören
Süddeutsche, 28.12.2017
http://t1p.de/m3un

Adrian Lobe
Willkommen in der smarten Stadt
Neue Züricher Zeitung, 13.11.2017
http://t1p.de/wz9b

BigBrotherAward
Preisträger 2017
https://bigbrotherawards.de/2017
Kategorie Bildung
http://t1p.de/r3yh

Fritz Breithaupt
Ein Lehrer für mich allein
Die Zeit, 14.02.2016
http://t1p.de/fol0

Ralf Lankau
Demaskierung des Digitalen durch ihre Propheten
GBW, 07.02.2016
http://t1p.de/uzej

Dirk Helbing u. a.
Digitale Demokratie statt Datendiktatur
Das Digital-Manifest
Spektrum, 17.12.2015
http://t1p.de/8ba4

Heribert Prantl
Bürger unter Generalverdacht
Le Monde diplomatique, Edition No 16, 2015
http://t1p.de/61z9

Wolfie Christl
Kommerzielle digitale Überwachung im Alltag
Cracked Labs, Studie, 2014
http://t1p.de/p8ju

Karin Frick, Bettina Höchli
Die Zukunft der vernetzten Gesellschaft
Neue Spielregeln, neue Spielmacher
GDI, Studie, 2014
http://t1p.de/nnbi

Bündnis für humane Bildung
aufwach(s)en mit digitalen Medien
Online-Portal
www.aufwach-s-en.de
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Peter Hensinger

Jahrgang 1948, studierte Germanistik, Linguistik und Pädagogik, erlernte anschließend den Beruf des Druckers, übte ihn aus, wechselte dann in die Psychiatrie und war dort 20 Jahre als Gruppenleiter tätig. Bei der Verbraucherschutzorganisation „Diagnose-Funk e. V.“ ist er Vorstandsmitglied und Leiter des Bereichs „Wissenschaft“.

 

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