Interview: „Uns droht eine Datenmonopol-Diktatur“

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In Stephan R. Meiers Roman „NOW“ führen Überbevölkerung, Ressourcenschwund und Umweltverschmutzung zu einer neuen Weltordnung: 1 % der Menschheit darf weiterhin in der Zivilisation leben, die zum „Hightech-Paradies“ perfektioniert wird. Die anderen 99 % werden ausgeschlossen und kämpfen nur noch ums nackte Überleben. Die Entscheidung, wer zu dem 1 % gehören darf, trifft ein Super-Algorithmus, der ununterbrochen sämtliche Daten aller Menschen sammelt und auswertet.

ÖkologiePolitik: Herr Meier, warum haben Sie einen Roman über die Digitalisierung geschrieben?

Stephan R. Meier: Weil die Digitalisierung die zentrale Herausforderung ist, der wir uns heute stellen müssen. Sie eröffnet gigantische Möglichkeiten, kann aber, da ohne Empathie, auch zu einer zerstörerischen Kraft werden. Hierbei muss man zwei wesentliche Dinge unterscheiden: künstliche Intelligenz und Bewusstsein, wie wir es bei uns Menschen kennen. Künstliche Intelligenz mit ihren Insellösungen ist der menschlichen Intelligenz bereits auf mehreren Feldern überlegen, aber eben ohne Bewusstsein. Jedenfalls wird diese „dumme Intelligenz“ in Kombination mit einer immer breiter verfügbaren Vernetzung unser Leben total verändern, sowohl auf der privaten als auch auf der gesellschaftlichen Ebene, und das in einer noch nie da gewesenen Geschwindigkeit. Darüber zu recherchieren, nachzudenken und zu schreiben ist faszinierend.

So faszinierend, dass Sie nach fast drei Jahrzehnten erfolgreicher Karriere als Hotelmanager diese aufgaben und Schriftsteller wurden?

Schriftsteller zu werden war ein Kindheitstraum von mir. Nach dem Abitur fehlte mir dazu aber zum einen der Mut, zum anderen trieb mich die schwierige Situation in meinem Elternhaus dazu, sofort ins Ausland zu „flüchten“. Deshalb ein Studium in der Schweiz, deshalb die Hotel-Branche. Der Wunsch zu schreiben blieb aber, und so nahm ich mir schon recht früh vor, nur bis zum Alter von 50 Jahren in meinem erlernten Beruf tätig zu sein und mich dann ohne finanzielle Zwänge und ohne Erfolgsdruck der Schriftstellerei zu widmen. Und so machte ich das auch.

Wie wurde die Digitalisierung zu Ihrem Thema?

Ein Schlüsselerlebnis war, als sich meine damals 11-jährige Tochter einen iPod wünschte, ich ihr einen schenkte und sie mir nach wenigen Minuten mit einer E-Mail dankte – ohne eine Gebrauchsanleitung gelesen zu haben. Sie verstand das Gerät völlig intuitiv und kritiklos. Das verblüffte und faszinierte mich. Ich fragte mich, wohin sich eine solche Technologie entwickeln wird, welche Auswirkungen das haben und wie das Leben meiner Kinder in 10, 20, 30, 40 Jahren aussehen wird. Meine Neugierde war geweckt und ich begann intensiv zu recherchieren – fünf Jahre lang. Angesichts der enormen Rasanz technischer Entwicklungen stellte sich dann die Frage, wie ich einen Roman schreiben kann, der zum Zeitpunkt seines Erscheinens noch aktuell und nicht schon von der Realität überholt ist. Deshalb legte ich die Handlung in die Zukunft. Wobei „Zukunft“ nur 10 Jahre bedeutet, denn da dürften Großcomputer eine solche Kapazität und Geschwindigkeit erreicht haben, dass die von mir beschriebene Softwarestruktur möglich ist – und damit auch das von mir beschriebene Szenario.

Das Irritierende an Ihrem Szenario ist, dass die totalitäre Herrschaft des Super-Algorithmus mit dem Ziel begründet wird, die Welt besser zu machen.

Es ist ein menschliches Urbedürfnis, die Welt besser zu machen. Noch nie hat jemand Veränderungen damit begründet, dass durch sie die Welt schlechter werden soll. Jede Erfindung, jede Entwicklung wird immer damit begründet und gerechtfertigt, die Welt zu verbessern, das Leben angenehmer und sicherer zu machen. Und so ist es auch in meinem Roman: Am Anfang steht die Einsicht, dass sich die Menschheit in einer Sackgasse befindet. Und so wie ein Navi beim Autofahren sucht dann der Super-Algorithmus nach einer Ausweichroute. Nach einem Weg, der ihm aufgrund der Auswertung aller überhaupt vorhandenen Informationen als der zur Zielerreichung beste erscheint. Die Suche nach dem „digitalen heiligen Gral“ ist der Versuch, Maschinen ein eigenständiges Bewusstsein nach menschlichem Vorbild zu ermöglichen. Ich halte diese Suche technisch für undurchführbar und moralisch für sehr gefährlich. Dieser „Gral“ wird zum Damoklesschwert für die Menschheit.

In Ihrem Szenario sieht sich ein Geheimdienst zum Handeln gezwungen, um dem Ansinnen eines Konglomerats von IT-Konzernen nach Weltherrschaft zuvorzukommen. Haben Sie mehr Hoffnung in Geheimdienste als in andere Institutionen?

Konzerne denken vornehmlich an ihren Jahresprofit, Aktienunternehmen an ihren nächsten Quartalsbericht – und Politiker an die nächste Wahl. Die treibende Kraft der Akteure ist die möglichst erfolgreiche Spekulation auf ihrem jeweiligen Gebiet. Staatliche Organisationen sind solchen Zwängen nicht unterworfen. Sie können wesentlich langfristiger denken, planen und handeln und sind nicht profitorientiert. Aber wie das dann konkret aussieht, hängt natürlich stark von den Personen ab, die die Führungspositionen innehaben. Gerade bei Geheimdiensten spielt das die wesentliche Rolle: Eine politisch motivierte Besetzung der höchsten Geheimdienst-Positionen dient eher den Interessenlagen einer Partei als den Interessen des ganzen Volkes – wie es eigentlich sein sollte. Diese Zwiespältigkeit habe ich in meinem Buch dadurch thematisiert, dass der Super-Algorithmus anfangs von zwei kongenialen Freunden entwickelt wird, die sich dann aber zunehmend entfremden. Beide sind sich einig, dass es keine Weltherrschaft der Konzerne geben darf. Doch während der eine am Ideal einer freien und offenen Gesellschaft festhält, tendiert der andere immer mehr zu einer kontrollierten und determinierten Gesellschaft, die man letztlich als faschistisch bezeichnen muss. Der eine will eine zweckfreie und dem menschlichen Leben dienende Technologie, der andere will das menschliche Leben der Technologie unterordnen, will das menschliche Leben von der Technologie manipulieren und steuern lassen.

Haben denn Geheimdienste die von Ihnen beschriebenen Möglichkeiten?

Wenn jemand solche Möglichkeiten hat, dann Geheimdienste. Sie kommen seit den 1950er-Jahren ganz legal an alle angemeldeten Patente ran, also auch an alle kommerziellen Software-Produkte. Sie werden zudem durch die Parlamente nicht wirklich kontrolliert, verfügen über hohe Budgets und müssen keinen Gewinn erwirtschaften. Sie können langfristig planen und viele Dinge auch einfach nur „auf Verdacht“ und „auf Vorrat“ tun. Sie haben eine äußerst privilegierte Stellung inne. Wie sie diese tatsächlich nutzen, ist eine der spannendsten gesellschaftlichen Fragen überhaupt.

Wie sieht die Welt der IT-Konzerne aus? Inwieweit hat sich Ihr Szenario in den letzten Jahren schon bewahrheitet?

Es bewahrheitet sich immer mehr. Beispiel Google: Das plant unter anderem die Errichtung künstlicher Inseln auf hoher See, um außerhalb des amerikanischen Staatsgebiets und vor allem außerhalb jeder Rechtsordnung und jeder staatlichen Einmischung ungestört arbeiten zu können. Da geht es vordergründig um eine einfachere Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer ohne Visum. Vor allem jedoch geht es um die Ermöglichung gesellschaftlicher Experimente: um die Entwicklung und Untersuchung neuer Gesellschaftsformen, um die Überwindung der Demokratie, die als ineffizient und überholt betrachtet wird. Beispiel Amazon: Das strebt inzwischen offen danach, in naher Zukunft den gesamten Welthandel zu organisieren und zu kontrollieren – und das weitgehend digitalisiert und roboterisiert, also fast ohne Mitarbeiter. Beispiel Apple: Das neue iPhone X kostet über 1.000 Euro und ist somit für den Normalbürger kaum mehr erschwinglich. Apple zwingt seine Kunden zunehmend in die Cloud, die es kontrolliert.

Widerspricht das nicht dem Wesenskern von Big Data: dem Sammeln, Auswerten und Nutzen möglichst vieler Daten?

Dieser absurd hohe Preis ist ein Zeichen dafür, dass Apple nun konsequent anfängt, die Gesellschaft in einen für ihn interessanten und einen für ihn uninteressanten Teil zu sortieren. Apple ist künftig vor allem für die wohlhabende „Elite“ da, der Rest der Bevölkerung ist ihm dagegen völlig egal. Die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft ist eine Entwicklung, die wir weltweit beobachten können: in den USA, in China und auch bei uns in Europa. Die Arm-Reich-Schere wird immer größer. Kommerzielle „Eliten“ bilden oligarche Strukturen über alle Ländergrenzen hinweg, übernehmen keine gesellschaftliche Verantwortung mehr, untergraben unsere rechtsstaatliche Ordnung und führen ein als feudalistisch zu verstehendes Leben. Das Internet und die international operierenden IT-Konzerne sind hier aktuell keine bremsenden, sondern treibende Kräfte.

Ist die Digitalisierung an sich gut oder schlecht?

Prinzipiell ist sie gut, denn sie kann die Lösung vieler Probleme ermöglichen und für ein angenehmeres, sichereres und medizinisch verlängertes Leben sorgen. Sie ist Teil der Evolution, weil wir – ihre Erschaffer – auch Teil der Evolution sind. Aber es kommt ganz entscheidend darauf an, was wir daraus machen und in welchem Maße wir mit der Entwicklung überfordert werden – die Evolution ist ja eine langsame Kreatur. Was in 10 Jahren an technologischer Entwicklung, Vernetzung und Gentechnik zur Verfügung stehen wird, das können wir und unser „inneres Genparlament“ – wie der Historiker Yuval Noah Harari das nennt – nicht verarbeiten. Was die großen IT-Konzerne aus der Digitalisierung machen und vor allem nicht machen lassen, das ist die entscheidende Frage. Aktuell droht uns durch deren Wirken eine Datenmonopol-Diktatur – auch wenn das noch niemand so richtig wahrhaben will. Die wesentlichen Dinge passieren unterhalb „unseres Radars“. Das sind die Dinge, mit denen sich die großen IT-Konzerne intensiv beschäftigen, ohne damit offensiv an die Öffentlichkeit zu gehen. Darauf sind wir nicht vorbereitet. Dafür haben wir keinen Plan. Wir brauchen ganz dringend einen moralischen Kompass und ethische Leitplanken. Und daraus abgeleitet einen klaren rechtlichen Rahmen. Die Digitalisierung zwingt uns zur Besinnung, zwingt uns zum intensiven Nachdenken darüber, wer wir eigentlich sind, was wir wollen, was wir sollen und was wir dürfen. Sie zwingt uns, darüber nachzudenken, was es bedeutet, Mensch zu sein, und was wirklich wichtig ist im Leben. Diese Fragen gehören ab jetzt in den Mittelpunkt unserer gesellschaftlichen Debatten gestellt! Schon im Schulunterricht!

Herr Meier, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

 


Buchtipp

Stephan R. Meier
NOW
Du bestimmst, wer überlebt
Science-Fiction-Thriller
Penguin, Januar 2017
432 Seiten, 13.00 Euro
978-3-328-10049-2
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Stephan R. Meier

Jahrgang 1958, studierte Betriebswirtschaftslehre und war dann als Hotelmanager in China, Frankreich, Italien, Spanien, Thailand und den USA tätig. In den 1990er-Jahren veröffentlichte er zwei biografische Bücher: über den Terroristen Carlos und über seinen Vater, der in den 1970er- und 1980er-Jahren Verfassungsschutz-Präsident war. Anfang 2017 erschien sein erster Roman: der Science-Fiction-Thriller „NOW“.

 

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