ÖDP-Direktkandidat Hannes Eberhardt im Gespräch

Hannes Eberhardt, 1981 in Regensburg geboren, studierte dort Kulturwissenschaft, Romanistik und Geografie. Bereits auf der Stadtratsliste 2014 war er Kandidat.

Bei der Bundestagswahl im Herbst 2017 geht Hannes Eberhardt im Wahlkreis Regensburg für die ÖDP als Direktkandidat ins Rennen. Anlässlich seiner Nominierung haben die Jungen Ökologen im Mai ein Interview mit ihm geführt.

Herr Eberhardt, Gratulation zur Ihrer Nominierung als Direktkandidat der ÖDP für die Bundestagswahl 2017. Mit welchen Themen gehen Sie in den Wahlkampf?

Es gibt einige Themen anzupacken. Angefangen mit der Energiewende: Das bedeutet für mich den Sofortausstieg aus Kohle und Atom und die Abkehr von Erdöl. Die Energiewende ist als Klimaschutzmaßnahme zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen absolut notwendig.
Als Nächstes die Verkehrswende: ÖPNV und Radverkehr müssen gefördert und gleichzeitig der Raum für Autos in unseren Städten beschränkt werden. Noch immer wird der Autoverkehr zum Beispiel in Regensburg um das 200-fache mehr subventioniert wie der Radverkehr. Güterverkehr muss zum größtmöglichen Teil auf die Schiene verlagert und Flugverkehr durch Besteuerung stark einschränkt werden. Es kann nicht sein, dass die Bahn Mehrwertsteuer zahlen muss und Airlines nicht. „Fliegen zum Taxipreis“, wie Billiganbieter werben, darf nicht möglich sein, genausowenig wie Inlandsflüge und Flüge unter 1.000 km.
Natürlich müssen auch alle Dreckschleudern im Schiffsverkehr schnellstmöglich aus dem Verkehr gezogen oder umgerüstet werden.
Damit die Politik dem Gemeinwohl dienen kann, sollten Konzernspenden an Parteien verboten werden. Ökologische Landwirtschaft ist zu fördern, das heißt pestizid- und gentechnikfrei. Dabei wollen wir kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe unterstützen und dabei helfen, auf Ökolandbau umzustellen. Außerdem wichtig ist die bisher wenig beachtete Problematik von Plastik als eine Bedrohung für die Gesundheit der Menschen. Diese Auswahl an Themen ist zwar schon umfangreich, aber noch lange nicht vollständig.

Die Plastik-Problematik findet tatsächlich immer noch zu wenig öffentliche Beachtung. Worin besteht die Gefahr von Plastik und wie gelangt es in unsere Nahrungskette?

Plastik tragen wir alle mittlerweile in kleinsten Partikeln in uns. Über die Nahrungskette ist Plastik bereits zu uns auf den Teller gewandert. Es wirkt beim Menschen krebserregend und gefährdet zudem die Fruchtbarkeit. Plastik gelangt in die Weltmeere, bildet riesige Strudel und zerreibt sich in immer kleinere Teilchen, die von Fischen aufgenommen werden und in unseren Mägen landen. Nicht einmal Klärwerke können kleinste Plastikteile, die sich beispielsweise bei jedem Waschgang von Kunstfaser-Kleidung oder beim Abrieb von Spülschwämmen lösen, herausfiltern, sodass sie in unser Trinkwasser gelangen. Immer mehr Kleidung besteht aus Polyester oder ähnlichen erdölbasierten Materialien. Dieses Problem ist beispielsweise noch gar nicht groß bekannt. Daher sollte Mikroplastik in Peelings und Zahnpasta usw. so schnell wie möglich komplett vermieden werden, und zwar weltweit. Hierzulande boomen gerade verpackungsfreie Läden, das ist ein erster kleiner Schritt, die Plastik-Paradiese Supermarktketten zum Umdenken zu bewegen. Auch der rasant gestiegenen Einwegquote müssen wir zur Not per Gesetz gegensteuern. Die freiwilligen Appelle an die Industrie hatten nur zur Folge, dass Coca-Cola sich vom Mehrwegsystem komplett verabschieden will und bereits jetzt jährlich mehr als 100 Milliarden Wegwerfplastikflaschen produziert.

Kann man das Problem mit Recycling lösen oder zumindest eindämmen?

Plastik sollte per Gesetz reduziert werden. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie aus der Vergangenheit haben zu nichts geführt. Recycling ist natürlich der nächste Schritt. Leider werden in Deutschland nicht einmal drei Viertel der Plastikabfälle recycelt. Der Rest landet in der Müllverbrennung und immer noch auf Deponien, wo es auch unser Grundwasser verseucht. Plastik besteht aus Erdöl. Mit unserer Abkehr vom Erdöl und beispielsweise einer hohen Steuer auf Produkte aus Erdöl können wir weitere Schritte gehen. Zunächst können wir aber auch schon lernen, Müll zu vermeiden, in plastikfreie Läden gehen und selber unsere Behälter mitbringen. Jeder kann zunächst bei sich anfangen. Die grobe Richtung muss aber die Politik vorgeben. Dafür ist sie da.

Sind Verpackungsmaterialien aus nachwachsenden Rohstoffen ein Gewinn für die Umwelt?

Probleme bei der Entsorgung und Wiederverwendung wurden hierbei leider noch nicht gelöst, so werden kompostierbare Plastiktüten zum Beispiel immer noch aus den Kompostieranlagen aussortiert, da sie langsamer verrotten. Aber alles, was ohne Erdöl auskommt, ist schon ein kleiner guter Schritt. Natürlich sollten die Materialien dafür nicht auf gentechnischen Monokulturfeldern angebaut werden und dadurch eine sinnvolle Nahrungsmittelproduktion verhindern.

Was halten Sie vom bestehenden Mülltrennungs- und Wiederverwertungssystem?

Durch das System mit dem Gelben Sack sind viele Menschen der Meinung, der komplette Inhalt würde wiederverwertet. Schön wär’s. Nur knapp über 44 % waren es in Deutschland beispielsweise im Jahr 2014 (Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen). Wir Deutschen behaupten ja auch gern, wir wären Mülltrennungsweltmeister: Das klappt mit Papier, Glas und Restmüll auch ganz gut. Es gibt in Deutschland nur wenige Menschen, die ihren Müll nicht trennen. Trotzdem ist in Deutschland der Papierverbrauch weltweit am höchsten. Der Anteil am Recyclingpapier zwar auch, aber der kann das Abholzen von Wald für Papier auch nicht kompensieren. Und bei den Coffee-to-go-Bechern hört der Spaß dann auch wieder ganz auf. Eine unfassbar große Zahl der innen mit Kunststoff beschichteten Wegwerfbecher landet täglich in überquellenden Mülleimern. Auch hier gibt es vor allem in Großstädten bereits viele Initiativen, die mit Mehrwegbechern dagegen vorgehen wollen. Auch hier bin ich der Meinung, dass, sobald der Mensch dabei ist, der Natur zu schaden und seine Zukunft zu gefährden, der Staat seine ordnungspolitische Aufgabe wahrnehmen und die Richtung vorgeben muss, etwa mit finanziellen Anreizen zur Nutzung von Mehrwegbechern; denn wie man sieht, wird sonst der Kapitalismus und die Gier über Mensch und Natur siegen. Zum Großteil ist das ja schon geschehen. Aber Aufgeben ist für mich keine Option.

Herr Eberhardt, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

Das Gespräch führte Felix Sailer.


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