Lernen von Neapel

Foto: Günther Hartmann

Städte verbrauchen Bodenfläche, Baumaterial und Energie. Und sie prägen das Leben der Menschen. Eine nachhaltige Stadtstruktur muss also vielfältigen Anforderungen genügen. Muss sie neu erfunden werden? Oder gibt es Vorbilder? An das verrufene Neapel denkt in diesem Zusammenhang kaum jemand, dabei lässt sich hier bei genauem Hinsehen viel Positives entdecken.

Wenn ein Gast in der Trattoria da Nennella Trinkgeld gibt, lässt der Kellner einen an der Decke hängenden Korb herunter, wirft es hinein und ruft dabei etwas, worauf alle anderen Kellner im Chor mit einem kräftigen „Grazie!“ antworten. Die Unterhaltung, die Show, die ist hier genauso wichtig wie das gute Essen. Der Chef geht von Tisch zu Tisch, erzählt Witze und Anekdoten, die Kellner erledigen ihre Arbeit äußerst flink, schreiend und singend. Es geht hier den ganzen Abend hektisch und laut zu, doch das ist durchaus angenehm, weil Ausdruck von Lebensfreude. Für die ist Neapel berühmt. Faszinierend und inspirierend ist aber auch seine Stadtstruktur. Hängen beide zusammen? Wahrscheinlich.

„Neapel ist die geheimnisvollste Stadt Europas, die einzige Stadt der Antike, die nicht untergegangen ist wie Ilion, wie Ninive, wie Babylon“, schrieb der italienische Schriftsteller Curzio Malaparte Ende der 1940er-Jahre. „Es ist die einzige Stadt, die nicht in dem ungeheuren Schiffbruch der antiken Zivilisation versunken ist. Neapel ist ein Pompeji, das nie verschüttet worden ist. Es ist keine Stadt, sondern eine Welt.“

Wenn im Folgenden von Neapel die Rede ist, dann ist immer die Altstadt gemeint: das riesige centro storico. Es entwickelte sich aus dem ein halbes Jahrtausend v. Chr. von den Griechen gegründeten néa pólis, was „neue Stadt“ heißt. Mit rund 300.000 Einwohnern stellt es heute das bevölkerungsreichste Stadtzentrum Europas dar. Die Trattoria da Nennella liegt in den quartieri spagnoli, einer Stadterweiterung aus dem 16. Jahrhundert. Hier leben auf einer Fläche von 0,125 km2 14.000 Menschen, d. h. jeder Einwohner braucht hier nicht einmal 9 m2 Bodenfläche.

Dichte und Kleinteiligkeit

Wer als Besucher in die engen Gassen Neapels eintaucht, ist überwältigt von der baulichen Dichte und der Vielzahl an Reizen. Überall gibt es etwas zu sehen, zu hören, zu riechen. Der Stadtgrundriss ist dabei dem von Manhattan durchaus ähnlich: ein strenges Straßenraster mit Haupt- und Querachsen, allerdings nur wenige Meter breit und deshalb für Autos eher ungeeignet. Das Straßenraster durchschneidet und gliedert die übermächtige Baumasse.

Architektur im Sinne von Baukunst spielt hier nur eine Nebenrolle. Die Gebäude sind geprägt von Erweiterungen, Erbteilungen und Zukäufen, von Umbauten und Aufstockungen – niemals fertige Provisorien mit verschachtelten Grundrissen und einer hoch entwickelten Kunst sparsamer Flächennutzung. Die Fassaden spiegeln das wider. Der Reiz ihrer Betrachtung liegt vor allem darin, einzelne Schichten zu identifizieren.

Die älteste Schicht sind die Straßen und die Erdgeschosse. Hier dominiert eine archaische Urform menschlicher Behausung: der quadratische Einraum, basso genannt. Die bassi sind nur wenige Meter breit und tief und werden ausschließlich von der Straße erschlossen, belichtet und belüftet. Schon in der Antike bildeten sie das bauliche Grundgerüst der Stadt und haben die Jahrtausende bis heute überdauert.

Genutzt werden die bassi wahlweise als Wohnung, Büro, Werkstatt, Laden, Restaurant, Bar, Lager oder Garage. Alles ist möglich. Und fast immer ist es dabei eng. Zu eng. Dann wird der Straßenbereich davor mitbenutzt – zum Arbeiten, Verkaufen und auch zum Wohnen. Reicht für einen Handwerksbetrieb ein basso samt Vorbereich nicht aus, mietet er in der Nähe weitere bassi an. Die Produkte werden dann in ihren Fertigungsstufen von basso zu basso getragen und landen am Ende in einem als Verkaufsraum genutzten.

Die kleinteilige Raumstruktur sorgt für eine kleinteilige Ökonomie, geprägt von lokalen Kreisläufen und einem feingliedrigen System aus persönlichen Beziehungen, Arbeitsteilung und Einkommen. Diese „Gassenökonomie“ sowie die mannigfaltigen Überlagerungen verschiedener Nutzungen erzeugen die viel gepriesene Lebendigkeit der Stadt.

Improvisation und Zeitlosigkeit

Im modernen Städtebau dominierte immer der Traum von der Schaffung einer besseren Welt durch die Zerstörung des Alten und den Bau von Neuem. Das war im 19. Jahrhundert so, im 20. Jahrhundert erst recht. Und auch in der Gegenwart ist der Glaube an das Neue immer noch präsent, selbst wenn es um „ökologisches Bauen“ geht. Der heutige Denkmalschutz sichert zwar den Erhalt bauhistorisch wertvoller Bausubstanz, erklärt aber im Umkehrschluss die restliche Bausubstanz für nicht erhaltenswert. Dabei sind Abriss und Neubau immer mit einem gewaltigen Verbrauch an Baumaterial und Energie verbunden.

In Neapel dominierte ein Misstrauen gegen Versprechungen des Fortschritts. Statt die Altstadt nach und nach abzureißen und durch breitere Straßen und zeitgemäße Gebäude zu ersetzen, wurde das getan, was in Neapel seit Jahrhunderten kontinuierlich geschieht: improvisiert, umgebaut und weitergebaut.

„Pflastersteine, Torbögen, Portale, steinerne Wände sind beliebig alt, überall ist Zeit eingeschrieben, wiewohl gleichgültige Zeit, so gleichgültig, dass es egal ist, ob die Aufstockung aus der Gotik, der Renaissance oder aus den 1960er-Jahren stammt. Unfertigkeit, Zerstörung, Flickwerk, alles das verdichtet die Undurchschaubarkeit der wahrgenommenen Fülle“, schwärmt der deutsche Stadttheoretiker Dieter Hoffmann-Axthelm. „Die Leere deutscher Straßenräume, die Glätte deutscher Fassadenwände gewohnt, verfällt man hier in eine Art Rauschzustand.“

Flexibilität und Offenheit

Weitere Ziele modernen Städtebaus waren immer die räumliche Trennung der Funktionen – Wohnen, Arbeiten, Einkaufen usw. – sowie eine funktionale Optimierung der Gebäude. „Das Ergebnis dieser Überdeterminierung ist ein Paradox, nämlich dass diese eingefrorenen Städte sehr viel schneller verfallen als die aus der Vergangenheit stammenden urbanen Bauten“, stellt der US-amerikanische Soziologe Richard  Sennett fest. „Da sich die Anforderungen ändern, müssen Gebäude ersetzt werden, denn festgelegte Form-Funktion-Beziehungen verhindern eine Anpassung. Die Überspezifizierung von Form und Funktion macht die moderne urbane Entwicklung zu einem zerbrechlichen Ort.“

Für Sennett ist diese Überdeterminierung Ausdruck einer Gesellschaft, die nach Ordnung und Kontrolle strebt, die „geschlossen“ sein will. Dem stellt er das Ideal einer „offenen Gesellschaft“ gegenüber. Damit meint er keine Maximierung individueller Freiheit, keine Herrschaft des „Freien Marktes“. Denn eine Auslieferung der Stadt an Investoren bedeutet immer: soziale Segregation und bauliche Tristesse. Sennett meint mit „offen“ etwas viel Subtileres: die Menschen, ihre Gefühle, ihre Beziehungen. Es geht ihm um das Überwinden von Isoliertheit und Vereinzelung, um das Ermöglichen von Begegnung, Gespräch und Diskussion, um das Entstehen von Gemeinsinn, Spontaneität und Kreativität. Architektur und Städtebau können dies erleichtern, erschweren oder verhindern.

Eine „offene Stadt“ braucht nach Sennett vor allem Dichte: bauliche Dichte, aber auch Ereignis- und Erlebnisdichte: „Die offene Stadt fühlt sich wie Neapel an, die geschlossene Stadt wie Frankfurt.“ Lässt sich dieses stimulierende Etwas, das Neapel auszeichnet und Frankfurt fehlt, bewusst herbeiführen? Lässt es sich planen? Sennett nennt drei gestalterische Prinzipien, auf die es ankommt: „mehrdeutige Randzonen“, „unvollständige Formen“ und „ungelöste Erzählungen“.

Mit „mehrdeutigen Randzonen“ meint Sennett durchlässige Übergangsbereiche, in denen sich verschiedene Nutzungen und Bevölkerungsschichten begegnen und mischen. Er verweist dabei auf die Natur, in der Ufer und Waldränder besonders artenreich und komplex sind. „Unvollständige Formen“ sind einfache Strukturen und Technologien, die Gebäuden und Stadtteilen ermöglichen, ihre Nutzungen ohne allzu große Probleme zu verändern.

Mit „ungelöste Erzählungen“ fordert Sennett einen Wandel in der Planungsmethodik: nicht gleich zu Beginn das Endergebnis detailliert festzulegen, stattdessen offene Prozesse, die Raum für Unvorhergesehenes lassen und darauf reagieren. „Die geschlossene Stadt lässt sich von oben nach unten gestalten und betreiben; sie ist eine Stadt, die Herren gehört. Die offene Stadt ist ein Platz von unten nach oben, sie gehört den Menschen.“

Hauptstadt des 21. Jahrhunderts

Nicht nur Länder haben Hauptstädte, auch Epochen haben welche: leuchtende Vorbilder, an denen sich andere Städte orientieren. Im 19. Jahrhundert war dies Paris, im 20. Jahrhundert New York. Zur Hauptstadt des 21. Jahrhunderts ernannte der US-amerikanische Soziologe Mike Davis Los Angeles. Das meint er zynisch, denn an ihrem Beispiel untersucht er die Auswirkungen eines entfesselten Kapitalismus. „Ausgrabung der Zukunft“ nennt er das, denn er erwartet, dass vieles von dem, was in Los Angeles geschah und geschieht, mit Verzögerung in vielen anderen Städten geschehen wird.

Los Angeles ist ein von Grundstücksspekulanten und Investoren in die Wüste hineingesetzter, gesichtsloser Siedlungsbrei mit gigantischen Ausdehnungen, geringen Bebauungsdichten und starkem Autoverkehr. Vielspurige Autobahnen zerschneiden es in Stadtteile – in streng voneinander getrennte Stadtteile für Gewerbe, Konsum und Wohnen, für Ober-, Mittel- und Unterschicht, für Weiße, Schwarze und Latinos – mit jeweils völlig unterschiedlichen Lebensbedingungen und Lebensperspektiven. Öffentliche Räume zum Flanieren gibt es so gut wie nicht. An ihre Stelle sind pseudoöffentliche Einkaufszentren getreten, in denen das private Hausrecht des Betreibers gilt. Auf den Straßen dominieren Autoverkehr, Tristesse, Kriminalität und Polizei.

Neapel ist das Gegenteil von Los Angeles: Es zeichnet sich durch Dichte, Kleinteiligkeit, Öffentliche Räume, Nutzungsvielfalt und Nutzungsüberlagerungen aus, durch Robustheit, Sparsamkeit und Lebendigkeit. Neapel – eine Stadt der Zukunft? Hauptstadt des 21. Jahrhunderts? Vorbild für andere Städte? Durchaus!

Sicherlich hat es auch seit Langem mit gewaltigen Problemen zu kämpfen, doch die Bewohner identifizieren sich mit ihrer Stadt, lieben ihre Stadt. Aktuell ereignet sich etwas Verblüffendes: Vor Jahren nach Norditalien oder ins Ausland Abgewanderte kehren trotz beruflichem Erfolg zurück. Sie verzichten auf ein vielfach höheres Einkommen, weil sie sich in Neapel zu Hause fühlen und weil sie ihren persönlichen Beitrag leisten wollen, die Stadt weiterzuentwickeln.

 


Links

Barbara Bachmann
Wir bleiben
Zeit, 29.01.2015
http://tinyurl.com/mwwbbhp

Richard Sennett
Open City
Festvortrag, 23.03.2013
http://tinyurl.com/zc65f4f

Günther Hartmann

Günther Hartmann

Jahrgang 1965, studierte Architektur und war nach dem Diplom zunächst in verschiedenen Architektur- und Stadtplanungsbüros tätig. Seit 2008 arbeitet er hauptberuflich als Journalist. In die ÖDP trat er 1998 ein und ist seit 2006 Verantwortlicher Redakteur der ÖkologiePolitik.

 

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Email: guenther.hartmann@oekologiepolitik.de