Bei der Elektromobilität hinkt Deutschland anderen Ländern weit hinterher. – Foto: variousphotography/pixabay.com

Bauen & Verkehr

Elektromobilität: Irrwege und Auswege

Das beste Elektroauto ist sicherlich das, das gar nicht erst produziert werden muss. Doch dazu bräuchte man ein Mobilitätskonzept, das den Verkehr optimiert und minimiert – weg vom Individualverkehr. In diese Richtung passiert viel zu wenig.

von Bernd Wimmer

 

Die Zahl der in Deutschland zugelassenen Pkw ist mit 49 Mio. auf einem Allzeithoch. Der Wandel hin zur Elektromobilität schlägt sich allerdings noch kaum nieder. Zum Jahresanfang 2024 waren nur 2,9 % der hierzulande zugelassenen Pkw reine Elektroautos. Und die Zahl der hierzulande produzierten Elektroautos nimmt seit Jahren ab. Die Bundesbürger, die Hersteller und die Politik haben den weltweiten Trend zur Elektromobilität verschlafen.

 

Eigene Erfahrungen

Elektroautos sind die Zukunft. Vor 5 Jahren habe ich mir einen Renault Zoe gekauft. Das ist ein ausgereiftes Serienfahrzeug, das ich mit der ersten Batterie seit inzwischen fast 200.000 km fahre. Es ist sehr kostengünstig im Unterhalt, sowohl was die Fahrtkosten als auch was die Wartung betrifft. Für mich hat es nur Vorteile gegenüber fossilen Autos. Ich tanke ganz überwiegend mit Photovoltaikstrom vom eigenen Hausdach via Wallbox und mit Stromspeicher. Es gibt inzwischen aber durchaus ausreichend Ladesäulen. Wenn ich mal weiter wegfahre, nehme ich die Bahn. Und wenn das nicht geht, lade ich unterwegs auf und gehe zwischenzeitlich schön essen oder bummele ein wenig. 300 km Reichweite reichen aus.

 

Energiewende

Elektroautos sind die einzig vernünftige Antriebsart und nur deswegen jahrzehntelang vernachlässigt worden, weil die Batteriespeichertechnologie nicht ausgereift war und billiges Erdöl von weit her importiert wurde. Im Nachhinein gesehen ein Irrsinn, Erdöl aus dem Boden zu explorieren und zu verbrauchen. Für eine echte dezentrale Energiewende mit erneuerbaren Energien ist es wichtig, möglichst kleine, effektive Elektroautos zu präferieren. Batterien funktionieren auch noch nach über 300.000 km Fahrleistung. Da können fossile Autos kaum mithalten.

 

Politikwende

Was die Entwicklung von Elektrofahrzeugen angeht, haben die deutschen Automobilhersteller gravierende Versäumnisse gemacht. Und die deutsche Politik hinkt bei der Förderung hinterher. Die deutsche Automobilindustrie samt Zulieferern ist völlig verkehrt aufgestellt. China hat kürzlich ein passables Elektroauto für 5.500 Euro vorgestellt. Via Lobbyismus erwirken deutsche Autokonzerne, dass Söder (CSU) und Weber (CSU/EVP) darüber schwadronieren, fossile Autos weiter zu fördern und das Ende des Verbrenners weiter hinauszuzögern, sowohl in Deutschland als auch in der EU. Das ist hochgradig verantwortungslos und gefährdet massiv Arbeitsplätze. Diese Technologiefeindlichkeit und Unvernunft ist haarsträubend und nicht zu verstehen.

 

Irrweg Wasserstoff

Die Bundesregierung will jetzt Wasserstoffautos fördern – ein Irrweg sondergleichen. Von wegen Technologieoffenheit. Das ist Technologieborniertheit. Wo sollen denn die Unmengen an sauber produziertem Wasserstoff herkommen? Soll jetzt ein drittes Tankstellennetz nach dem fossilen und dem elektrischen aufgebaut werden? Wasserstoffautos und Erdgasautos sind totaler Unsinn. Das weiß ich als studierter Physiker genauso gut wie alle Wissenschaftler.

Allein Elektroautos überzeugen halbwegs, weil der Wirkungsgrad akzeptabel ist und die Umweltauswirkungen von Elektromobilität gerade noch darstellbar sind. Berücksichtigt werden muss außerdem, dass die technische Entwicklung von Elektroautos immer weiter verbessert werden wird. Elektroautos sind aus vielerlei Gründen umweltfreundlicher als fossile Autos. Sie stoßen kaum CO2 aus – abhängig von der Art des Stroms, mit dem die Batterien aufgeladen werden. Der Anteil der Elektroautos unter den Dienstwagen von Politikern steigt zwar leicht an, ist aber klar zu niedrig. Zudem werden generell viel zu große Autos gefahren.

 

Vorschläge

Eine Kaufprämie für Elektroautos darf keine Pauschale sein, sondern muss nach Einkommen und Vermögen der Käufer gestaffelt sein, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu verbessern. Die Energiewende muss forciert, das dezentrale Stromverteilernetz modernisiert und ausgebaut sowie der Stromverbrauch für Elektroautos optimiert werden. Forscher des Fraunhofer-Instituts haben in Kooperation mit der Unternehmensberatung PwC berechnet, dass der Stromverbrauch der Elektroautos bis 2040 in der EU um 240 TWh zunimmt. Dies entspricht etwa 9 % der aktuellen Gesamtstromproduktion der EU. Elektrische Lkw sollen 2040 einen Anteil am Gesamtstromverbrauch von etwa 4 % haben.

Die meisten Scheinargumente gegen Elektroautos beruhen auf Vorurteilen oder Unkenntnis. Klar ist: Die Art und Weise der Produktion von Elektroautos bedarf dringend einer Optimierung. Nur möglichst kleine und effiziente Elektroautos dürften auf die Straße. Es reicht nicht Verbrenner 1:1 gegen Elektroautos auszutauschen. Wir brauchen ein umfassendes Mobilitätskonzept, das wirklich nachhaltig ist – so wie das der ÖDP, das unter meiner Federführung im „Bundesarbeitskreis Klima- und Umweltschutz, Verkehr und Energie“ erstellt wurde.

 


Onlinetipp

ÖDP
Mobilität mit weniger Verkehr!
Auf kurzen Wegen Richtung Zukunft
Flyer, August 2023
www.t1p.de/dpmah


 

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