Die Donau behielt in Niederbayern ihren ursprünglichen Charakter – dank des Protests von Naturschützern. – Foto: Mirjam Sigl

Bauen & Verkehr

Niederbayerische Donau bleibt ein strömender Fluss

Die Donau ist der zweitgrößte Fluss Europas und eine bedeutende Wasserstraße. Ihr schifffahrtsgerechteter Ausbau war deshalb lange ein politisches Ziel. Doch ab den 1980er-Jahren wuchs in Niederbayern der Widerstand gegen diese Pläne stetig an – und führte schließlich zum Umdenken. Nun wird die Donau sogar renaturiert.

von Bernhard Suttner

 

Ich bin an der Donau aufgewachsen – in der Altstadt von Regensburg. Schon in der Grundschule erklärte uns einmal ein Lehrer, dass der beliebte Volksfestplatz, den man in strengen Wintern auch als Eisfläche für das Schlittschuhfahren „aufspritzte“, in der Zukunft verschwinden würde. Dort werde nämlich ein Kanal für die Schifffahrt gegraben werden – der Rhein-Main-Donau-Kanal. Endlich würden dann auch große Schiffe das „Hindernis“ der im 12. Jahrhundert gebauten „Steinernen Brücke“ umfahren können. Was schon Karl der Große geplant hatte und später König Ludwig I. in kleiner Form hatte bauen lassen, werde in unserer Zeit endlich gelingen: „Die Nordsee und das Schwarze Meer quer durch Europa verbunden!“ So sprach der begeisterte Lehrer.

Oberhalb des historischen Brücken-Hindernisses begannen damals noch im Stadtgebiet die Altwässer und Donauauen. Es gab zwar auch eine Stelle, an der Kies aus der Donau gebaggert wurde, aber insgesamt habe ich in den 1950er- und 1960er-Jahren die Donau als Naturraum erlebt. Man hat dort das Schwimmen gelernt und wurde vor gefährlichen Wirbeln, aber auch vor sagenhaften Riesenwallern gewarnt. Die Strudel gab es, von einem Waller wurde meines Wissens niemand in die Tiefe gezogen.

 

Fortschrittssymbol Rhein-Main-Donau-Kanal

In den 1970er-Jahren wurde es dann ernst. Was der Lehrer angekündigt hatte, geschah, und ich kann mich nicht an Proteste erinnern, als in die Donau ein Kraftwerk der Rhein-Main-Donau AG samt Stauhaltung eingebaut wurde. Die Auen verschwanden. Die Altwässer auch. Die Ufer des großen Stauraumes wurden gespundet und betoniert. Ja, auch der Volksfestplatz samt der winterlichen Eisfläche verschwand. Dort steht jetzt die nötige Schleuse. Man freute sich in Regensburg über den Fortschritt, über „ordentliche“ Verhältnisse am Fluss, weniger Mücken im Sommer, billigen Strom aus der Wasserkraft. Die großen Schiffe – so wurde erwartet – würden einen wirtschaftlichen Aufschwung bringen.

Der ließ auf sich warten – es war ja auch noch nicht alles geschafft: Im Altmühltal gab es Proteste der „fortschrittsfeindlichen Naturschützer“, die das große Werk durch juristische Einsprüche verzögerten. Und unterhalb Regensburgs war die Donau auch noch nicht „schifffahrtsgerecht“ ausgebaut. Da müsse man noch viele weitere Staustufen errichten und auch noch den einen oder anderen Kanal graben, um die hinderlichen Donauschleifen abzuschneiden. So hieß es damals.

Ich muss gestehen, dass mich das alles nicht interessierte. Meine ökologische Sensibilisierung war noch nicht entwickelt und ich war damit nicht alleine: Das Bewusstsein für den Wert von ausufernden Flüssen, für die Dynamik von Niedrigwasser und Hochwasser und die damit zusammenhängenden Auswirkungen auf Flora und Fauna, aber auch auf die Grundwasserströme hatten nur wenige Menschen, die sich in den allmählich politisch werdenden Naturschutzverbänden zusammenfanden. Die Mehrheit freute sich über jede Begradigung. So wurden denn auch unterhalb Regensburgs bis auf die Höhe von Straubing zwei weitere große Stauhaltungen gebaut, das Strömende wurde zum Stehenden, Altwässer, Auen, Vogelschutzgebiete verschwanden auch auf dieser Flussstrecke. Von der Walhalla aus sah man jetzt keine Flusslandschaft mehr, sondern einen Stausee. Und auch Straubing wurde mit einem großen Kanalbauwerk samt Kraftwerk und Schleuse „umgangen“.

 

Ökologischer Widerstand

Aber nun, in den 1980er-Jahren, bekamen es die Rhein-Main-Donau AG, die Bayerische Staatsregierung und auch die Bundesregierung mit der aufgewachten ökologischen Bewegung zu tun. Die Pläne für die „letzten“ 70 km zwischen Straubing und Vilshofen wurden nicht mehr stillschweigend zur Kenntnis genommen. Es bildete sich rund um den Kristallisationskern „Bund Naturschutz“ mit seinem Vorsitzenden Hubert Weinzierl eine breite bürgerliche Widerstandsbewegung, welche die unterschiedlichsten Verbände und Bevölkerungsgruppen, von Teilen der Landwirtschaft bis hin zum Kanusportverband und den Berufs- und Sportfischern, erfasste. Auf das nötige Raumordnungsverfahren bereitete man sich intensiv vor. Der Naturschutz sollte und wollte nicht länger schweigen.

Und an dieser Stelle kommt auch die ÖDP ins Spiel. Niederbayern hatte sich schon früh zu einer „Hochburg“ der Partei entwickelt. Wir hatten Kommunalmandate, teils auch schon Fraktionen in den Kreistagen und kreisfreien Städten. Wir waren überall neben den Grünen wichtige politische Partner und selbst auch Teil der Bürgerbewegung für die „freie Donau“. Das Ziel war klar: Wir stritten für die Variante A. Und warnten vor der Variante C. Die besonders rücksichtslose Variante B war frühzeitig zurückgezogen worden.

Worum ging es beim „Variantenstreit“? Um zu einer juristisch tragfähigen Planfeststellung zu kommen, mussten mehrere Varianten geprüft werden. Die Variante A sollte mit rein flussbaulichen Maßnahmen, ohne Staustufen und neue Kanalbauten, Verbesserungen für die Schifffahrt bringen – freilich nicht die gewünschte Abladetiefe von 2,80 m an nahezu allen Tagen. Der Streit ging vor allem um die Wirtschaftlichkeitsberechnungen: In diversen Gutachten wurde die Variante A eher nach unten gerechnet, während die anderen Varianten nach oben gerechnet wurden. Dass in den bereits ausgebauten Flussabschnitten die aquatische Fauna verarmte, wurde kaum zur Kenntnis genommen. Es ging wie so oft um rein ökonomische Aspekte. Die Bürgerbewegung verzichtete zwar niemals auf die ökologische Argumentation, musste sich aber auch auf die priorisierten ökonomischen Aspekte einlassen.

Der damaligen ÖDP-Kreisrätin Maria Birkeneder gelang es, Fachleute in die Kommunikation der Kommunalpolitik einzubinden, die nicht nur die Argumente der Rhein-Main-Donau AG und der Staatsregierung vortrugen. Auch die Wirtschaftlichkeitsprognosen wurden kritisch nachgerechnet. So erkannte man, dass die Variante A ohne Stau und Kanal kaum weniger zu leisten vermochte als die brutal in die Flussdynamik eingreifende Variante C. Auch der dringend nötige Hochwasserschutz wäre mit Variante A früher möglich geworden. Das Ergebnis unserer Bemühungen hat damals eingeschlagen und Wellen bis in die Staatskanzlei geschlagen: Der Kreistag von Straubing-Bogen beschloss einstimmig, sich für die Variante A ohne Stau und Kanal auszusprechen.

 

Sieg der ökologischen Vernunft

Es ging dann ziemlich schnell. Der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer wollte das Problem Donauausbau im CSU-Stammland Niederbayern „abräumen“. Nach einer Bereisung mit dem Schiff samt Gesprächen mit Verbandsvertretern und Kommunalpolitik beschloss das Kabinett am 27. Februar 2013, den Donauausbau zwischen Straubing und Vilshofen nach der Variante A durchzuführen. Ob das „Lied für die Donau“, das Hans-Jürgen Buchner von der Band Haindling beim Stopp in Deggendorf dem Ministerpräsidenten vorgetragen hatte, den Ausschlag gab, oder vielleicht doch der von Maria Birkeneder herbeigeführte einstimmige Beschluss des Kreistages von Straubing-Bogen, wird nicht geklärt werden können.

Eines steht jedoch fest: Der sachlich und emotional hochgradige, gewaltfreie Widerstand der Bürgerinnen und Bürger, der Naturschutzverbände, auch kirchlicher Gruppen wie dem Ökumenischen Aktionskreis „Lebendige Donau“ und einzelner Fachleute hat erreicht, dass die Donau in Niederbayern als Lebensraum nicht nur erhalten bleibt, sondern jetzt auch neue Qualitäten bekommt. Schon in den 1920er- und 1930er-Jahren war der Strom ja kräftig „bearbeitet“ worden. Damalige Fehler werden nun korrigiert. Geplante weitere Fehler konnten erfolgreich verhindert werden. Fazit: Naturschutz kann auch gewinnen!

 


Buchtipp

Lebendige Donau Ökumenischer Arbeitskreis,
Freundinnen der Donau e.V. (Hrsg.)
Das Geheimnis des Strömenden
Liebeserklärung an die frei fließende Donau
Donauaktionskreisverlag, Oktober 2022
128 Seiten, 10.00 Euro
978-3-00-072941-6

Aus diesem Buch stammt auch das Titelfoto dieses Artikels – mit
freundlicher Genehmigung des Verlags und der Fotografin.


 

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