Das Fasten ist in allen großen Religionen eine wichtige spirituelle Übung und Kraftquelle. – Foto: congerdesign/pixabay.com

Kompass Orange

Verzicht ist nicht gleich Verzicht

Die christliche Fastenzeit beginnt – in diesem Jahr gleichzeitig auch der islamische Ramadan. Gilt jetzt wirklich für ein paar Wochen, dass weniger mehr ist? Ist das nicht ein Gedanke aus dem Mittelalter? Sollten wir nicht endlich sorgloser konsumieren, um dem Wachstum wieder auf die Sprünge zu helfen?

Der Gedanke, sich nicht alles zu leisten, was man sich leisten könnte, hat große Tradition in allen Kulturen der Menschheit und lässt sich nicht ganz verdrängen. Die Tradition des Fastens ist stark und es gibt viele Formen des Verzichtens:

Nummer 1: Ich teste mich, ob ich etwas schaffe. Eine „challenge“. Wochen ohne Zigaretten, ohne Alkohol, ohne Insta, TikTok und X, ohne Gemecker …

Nummer 2: Ich spare mir die Ausgaben für nicht Nötiges, um später genug Geld für was ganz Tolles zu haben. Das ist das bürgerliche Anspar-Projekt. Stichworte: Sparschwein und Bausparvertrag.

Nummer 3: Ich verzichte auf Schädliches, weil ich mir oder anderen Krankheiten und andere Probleme ersparen möchte. Hier geht es um Ethik und um ernste Sachen. Beispiele: Alkohol in der Schwangerschaft ist eine extreme Gefahr für das ungeborene Kind und daher eigentlich absolut tabu. Wohnungen und Autos, in denen sich auch kleine Kinder aufhalten, sollten frei von Zigarettenqualm sein. Autobahnen ohne Tempolimit steigern das Unfallrisiko und die Umweltschäden. Leider alles nicht verboten, sondern „nur“ ein Thema für den freiwilligen Verzicht der dritten Art.

Und dann gibt es – Nummer 4 – noch den Verzicht auf Notwendiges, weil nicht genug Geld zur Verfügung steht. Das ist aber nicht Verzicht, sondern Mangel. Das ist ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Die weltweite Armut ist eine Schande für uns alle. Deshalb ist Gerechtigkeitspolitik Pflicht, nicht Hobby!

Wer verzichten muss, ist arm. Wer verzichten kann, ist reich.

 


 

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